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Kultur Regional Scheitern in der ostdeutschen Provinz
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13:00 06.09.2018
Lukas Rietzschel, der heute in Görlitz lebt, ist 1994 in Räckelwitz geboren. Autobiographisch sei sein Debütroman dennoch nicht, sagt er. Quelle: Gerald von Foris
Leipzig

„Es hatte ihn nicht beeindruckt, dass der Schornstein gesprengt werden sollte.“ Denn so vieles gab es, „das die ganze Zeit einstürzte.“ Er, das ist Tobi. Noch sitzt er im Hort und erledigt seine Hausaufgaben. Später wird er selbst zerstören. Der Schornstein ist Teil des Schamottewerkes, in dem schon lange niemand mehr Arbeit hat. Drumherum Wald, Steinbrüche, am Horizont die Autobahn nach Dresden. Aus den Fenstern der volkseigenen Ruinen wehen Gardinen, in den Fenstern der Neubaublocks lehnen Männer in Unterhemden. Es gibt nichts zu tun. So fängt es an, das Ostproblem. In Neschwitz in Sachsen, nicht weit von Bautzen, mitten in der Provinz.

Eine Provinz, wie Lukas Rietzschel sie in seinem Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ vor Augen führt. Er selbst ist 1994 in Räckelwitz geboren, das liegt ganz in der Nähe. Autobiographisch sei das Buch aber nicht, sagt er, die Geschichte der Brüder Philipp und Tobi, gegliedert in drei Abschnitte der Jahre 2000 bis 2004, 2004 bis 2006 und 2013 bis 2015. Dies ist nur insofern ein Nachwenderoman, als dass es um jene geht, die sonst unsichtbar sind, die aus dem Hochzeitsfoto der deutschen Einheit herausgeschnitten wurden wie eine untreu gewordene Braut.

Gemeinsam arbeitslos

Tobis Großvater hat vom Schamottewerk berichtet, dessen Turm nun gesprengt wird, er kannte die Männer, „die über Generationen dort arbeiteten. Söhne, Väter, Großväter. Kamen gemeinsam nach Hause. Wurden gemeinsam arbeitslos.“ Die Eltern von Philipp und Tobi arbeiten als Elektriker und Krankenschwester. Sie haben für die Zukunft ein Haus gebaut, auf den ersten Blick geht es ihnen gut. Dann ist der Vater immer öfter bei Nachbarin Kathrin anzutreffen, irgendwann zieht er dort ein. Philipp sucht sich gleich nach dem Schulabschluss eine Wohnung.

Zurück bleiben das Schweigen der Mutter und Tobi, nun Tobias, in seiner Wut darüber, nicht gesehen zu werden. Er fühlt sich verraten von den eigenen Leuten und bedroht von allen anderen. „Mich nervt die ganze Scheiße hier. Immer das Gleiche, und alles geht vor die Hunde. Immer schon, als wär das nie anders gewesen.“ Sagt er. Und rufen möchte er: „Was habt ihr denn gemacht? Für Sachsen? Für Neschwitz? Für Mutter? Für mich?“

Das ist der Grund, warum „Mit der Faust in die Welt schlagen“ vom Verlag als „das Buch zur Zeit“ beworben wird, als „hochaktuelle literarische Auseinandersetzung mit unserem zerrissenen Land“.

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen. Roman. Ullstein Verlag; 320 Seiten, 20 Euro Quelle: Verlag

Zerrissen sind zunächst Familien und Lebensläufe, immer tiefer werden die Gräben, die das Dorf umschließen. Die Lehrer sind seit Jahrzehnten die gleichen, die Strebermädchen sind weggezogen. Rico ist fett geworden und sein Bruder Nico im Gefängnis. Felix ist drogenabhängig, Robert scheint in seine alte Klassenlehrerin verliebt zu sein, und Axels Bruder ist immer noch arbeitslos. „Diese ganzen Versager.“

Die Abgehängten hängen ab, und manchmal hatte Tobias das Gefühl, für alle diese Leute die Verantwortung übernehmen zu müssen. Zum Romanbeginn wird er eingeschult, am Ende hat er eine Ausbildung begonnen in den Fahnenfabrik Kamenz. Die wird aber nur kurz erwähnt, eine Rolle spielen die Arbeitswelten nicht. Ebenso wenig der Mechatroniker-Job des ein paar Jahre älteren Philipp. Der bleibt ein Mitläufer, will einfach nur dazugehören und zieht sich gleichzeitig zurück in die Höhle der Resignation. Auch er schweigt zu viel.

Die Tschechen sind das Problem, sagt der Vater von Felix, weil der sich mit Crystal Meth zerstört. Die Sorben sind das Problem, sagt der gewaltbereite Menzel. Alle anderen sind das Problem, denken viele im Dorf – und auch in den Städten. In Dresden gehen Menschen gegen „Islamisierung“ auf die Straße. „Ich lass mir das nicht wegnehmen“, sagt Tobias, als seine Großmutter ihren Garten einer syrischen Familie überlässt. „Wir geben das nicht her“, sagt der Redner einer Demonstration. Was eigentlich? Die gebrochenen Versprechen? Die verlorenen Illusion?

Hier kennt man sich vom Wegsehen

Es wird in diesen Tagen eine Menge geschrieben über den Osten und wie es wohl kam, dass es jetzt so ist wie in Chemnitz, in Dresden. Sinnvoller als die Erklärungsversuche historischer Einäugigkeit wäre Interesse gewesen, ein Versuch zu verstehen. Vor fünf, zehn, neunundzwanzig Jahren. Lukas Rietzschels Roman will und kann das nicht leisten. Wenn Tobias über seine Mutter denkt „Du hättest Ärztin werden können. Aber du hast dir alles nehmen und vorschreiben lassen“, beschreibt das zuerst ein familiäres Drama und dann erst politisches Dilemma.

Dem Autor, der Politikwissenschaft studiert hat und jetzt in Görlitz lebt, gelingt eine Geschichte vom Erwachsenwerden in dörflicher Tristesse. „In der Regentonne schwammen Flaschen mit Apfelschorle, während Großvater unter einem ausgeblichenen CDU-Sonnenschirm saß.“ Hier kennt man sich vom Wegsehen.

Da wäre allzu Konkretes wie EU-Milchquoten, Merkel und die Bundestagswahl gar nicht nötig gewesen, fängt Rietzschel doch schon bei der Schilderung eines Volksfestes alles Wesentliche ein. Unter dem anschwellenden Dröhnen der Figuren-Sprache kämpft die Erzählerstimme gegen emotionale Isolation. Sätze ohne Verben wie die losen Enden dieser Zeit. Darüber verliert sich das Land.

Lesung und Gespräch mit Lukas Rietzschel: 26. September, 19 Uhr, Buchhandlung Ludwig auf dem Leipziger Hauptbahnhof (Querbahnsteig)

Lukas Rietzschel: Mit der Faust in die Welt schlagen. Roman. Ullstein Verlag; 320 Seiten, 20 Euro

Von Janina Fleischer

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