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Kultur Regional Schönheit und Schrecken beim Galerien-Rundgang in Leipzig
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18:32 09.09.2018
„I LOVE ART" heißt die Ausstellung von Carsten Fock in der Galerie Jochen Hempel. Quelle: André Kempner
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Leipzig

„Was für ein wunderschöner später Sommer-, früher Herbsttag“, schwärmt ein Besucher des Galerien-Rundgangs in der Leipziger Spinnerei vor der Werkschauhalle 12. Oben malen sich Kondensstreifen ins Himmelblau, unten zeigt der Chinese Xu Lei auf fast sechs Metern Breite eine Landschaft auf Seide – fein, verträumt, als hätte er den Pinsel in den Himmel getaucht. China trifft Leipzig. Es ist der Beginn eines Austauschs zwischen Verwandten, der Leipziger Spinnerei und dem „798 Bejing Art District“, ebenfalls ein geschlossenes Areal auf dem Gelände einer ehemaligen Fabrik. Kurator Wang Yanling, Direktor des 798, präsentiert unter dem Titel „Oriental Peach Valley“ 17 Künstler, die zwischen 1942 und 1986 geboren sind, eine Kunst zwischen Tradition und Moderne.

Vor der Werkschauhalle verbreiten Köche chinesisches Garküchenflair, drinnen sind Videokunst, Installation und Malerei zu sehen – Vertrautes und Fremdes. Im Gegenzug, sagt Esther Niebel von der Galerie The Grass is Greener, die die Kooperation initiiert hat, sei im kommenden Jahr ein Gegenbesuch der Spinnereigalerien in Peking geplant.

Parcours der Gegensätze

Diese zeigen zum Rundgang erst einmal Ausstellungen, in denen sich Schönheit und Schrecken dieser Welt treffen. Rund 15 000 besuchten mm Wochenende einen Parcours der Gegensätze mit viel Leipziger Malerei und internationalen Gästen, die den Blick über die hiesigen Befindlichkeitszonen weiten helfen. So wie Dan Stockholm in der Galerie Reiter, der mit einer Künstlerin zusammengearbeitet hat, die er noch nie getroffen hat. Sie begegneten sich auf Instagram: der Däne im friedlichen Kopenhagen und die Syrerin Nourhan Sondok, die vier Terroranschläge überlebte und jetzt in Moskau wohnt. Unter Lebensgefahr sammelte sie in Damaskus Architekturfragmente aus 4000 Jahren Stadtgeschichte, die der Krieg in Geröll verwandelte, und drehte in Absprache mit Stockholm ein Video mit dem Titel „Don’t think about death“ (Denke nicht über den Tod nach). Es sind friedliche, ja fröhliche Bilder: Kinder zeichnen mit dem Geröll wie mit Kreide aufs Straßenpflaster, sie lachen, sie leben. Die Szene könnte irgendwo in Deutschland aufgenommen sein. Ist sie aber nicht.

Stockholm: „Ich habe mich mit Nourhan jeden Morgen im Netz ausgetauscht. Einmal erzählte ich ihr, dass ich mit meiner Tochter schwimmen war. Da sagte sie, dass sie seit drei Monaten kein Wasser hätte.“ Auch Stockholms zweite Arbeit, „house of bone body of stone“ gräbt sich tief ein. Der 1982 geborene Künster setzt sich hier mit dem Tod seines Vaters und dessen Haus auseinander. In einer Art Ritual tastete er es drei Tage lang komplett ab, Ziegel für Ziegel. Anschließend stellt er negative Gipsabdrücke seiner eigenen Hände her. „Kreative Archäologie“ nennt die Galerie Stockholms Umgang mit Welt und Schmerz.

Rückzugshöhlen, Gehäuse, brüchige Buden

Es ist nicht alles gut bei diesem Rundgang, und das ist auch gut so. Katrin Heichels Malerei ist über so ziemlich jeden Zweifel erhaben, wie ihre Ausstellung bei Josef Filipp zeigt. Im Hinterzimmer aber hat sie den Zweifel, das Leiden am Künstlertum ausgestellt. Eine Installation mit Teppich, Metall-Liege, Ölradiator – und Farbe, die in alles dringt. „Wenn man einmal mit der Malerei angefangen hat, wird man sie nie mehr los“, sagt die Künstlerin. Das Scheitern ist ihr Antrieb, das Malen „immer wieder ein Neuanfang“. Die Arbeit an der Leinwand sei eine einsame Sache. „Deswegen ist da auch kein Doppelbett.“ „Heim. Ich gehe jetzt“, ist die Ausstellung überschrieben. Zu sehen sind neben feinen und feinsten Blumenstillleben provisorische Rückzugshöhlen, Gehäuse, brüchige Buden – und immer wieder Leitern, über die es in beide Richtungen weitergehen kann.

„Wer rein kommt ist drin“, könnte man da fast als Fortsetzung lesen. So heißt Corinne von Lebusas Ausstellung bei Kleindienst. Von ihr sind vornehmlich Kleinformate zu sehen mit sinnlichen Frauenfiguren – manchmal mystisch belichtet, von Einsamkeit und Melancholie angeweht. „Halt mich oder halt nicht“, ruft es von einer Arbeit in den Raum. Aneinander vorbei gelebtes Leben findet sich auch in der Malerei des 1971 in Paris geborenen Cyrill Massimelli. Die „Lounge“, so heißt die Schau, wird hier zur Bühne für einen chillenden Jetset, der in wichtigtuerischer Leere auf irgendetwas zu warten scheinen. So geraten die Bilder zur Metapher für das Verlorensein inmitten all den anderen Verlorenen.

Gleich zwei LVZ-Kunspreisträger sind bei ASPN zu sehen: Benedikt Leonhards vielschichtige Abstraktionen haben zum Teil Weißraum bekommen und vertragen sich gut mit Jochen Plogsties’ kunsthistorischen Anverwandlungen, die zunehmend freier zu fließen scheinen. Etwa wenn er den Leipziger „Liebeszauber“ und die im australischen Melbourne beheimatete „Ince Hall Madonna“ übereinander bringt.

Wilder Tanz aus malerischen Gesten

Die Galerie Jochen Hempel hat Carsten Fock zu Gast, mit Arbeiten, die er bei früheren Ausstellungen zurückgehalten hat und ihn nun zu neuen Werken inspirierten. An der roten Wand ist ein wilder Tanz aus malerischen Gesten zu sehen und zu spüren. Im Rahmen bleiben diese Arbeiten nicht. Beruhigend wirken dagegen die Werke des 1970 in Mexiko-Stadt geborenen Bosco Sodi, die Eigen + Art zeigt. „Auf den ersten Blick wollen sie nichts von einem, und doch bewegen sie alle“, sagt Galerist Judy Lybke. Sodi arbeitet mit natürlichen Materialien wie Holz, Ton und Stein. Still und stumm wirken zwei aus je vier Quadern bestehende Säulen in den Raum.

Und Halle 14? Zeigt wie immer Kunst, die sehr wohl etwas will. Um „Neue urbane Produktion“ geht es, um ein neues Miteinander von Kunst, Design und Technologie. Vorgestellt wird unter anderem ein Turner-Preisträger von 2015, eine Inititative, die vier historische Straßenzüge in Liverpool vor der Zerstörung rettete, aus der ein soziales Unternehmen mit 14 Künstlern wurde. Es ist eben auch nicht alles schlecht.

Von Jürgen Kleindienst

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