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Kultur Regional Neues Figurentheater: Schwellen und Grenzen, Leben und Tod
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21:49 24.02.2019
Zwei Männer in mondfahler Schneenacht – Szene aus dem Figurentheater-Stück „Limen“, das am Wochenende im Westflügel über die Bühne ging. Quelle: S. Neves/Numen Company
Leipzig

Unter einem bestimmten Blickwinkel erscheint das Figurentheater wie das berühmte kleine gallische Dorf des Asterix, das sich den römischen Okkupanten widersetzt. Wirkt doch diese Kunstform im inzwischen ja alle Lebensbereiche kolonialisierenden „Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“ (Walter Benjamin) wie eine trotzige Randenklave. Eine, die auch deshalb natürlich eher abseits der sogenannten öffentlichen Aufmerksamkeit existiert – und dennoch war der Westflügel rappelvoll, als dort am Freitag und Samstag die Figurenspielerin Uta Gebert mit einem Gastspiel zu erleben war.

Visuell versierte Zwischenwelten

„Cocon“ und „Limen“ heißen die beiden Kurzstücke, die Gebert zeigte und die exemplarisch für deren künstlerisches Universum stehen. Die in Dresden geborene, in Berlin lebende und auch international auf einschlägigen Festivals gern gesehene Figurenspielerin ist eine Virtuosin der Langsamkeit und des Zwielichts. Zwei wesentlich prägende Bestandteile dieser meist ohne Sprechtexte auskommenden, visuell versierten Zwischenwelten, die Gebert immer wieder in Variationen heraufzubeschwören versteht.

In „Limen“ begegnen sich in einer mondfahlen, stürmischen Schneenacht zwei Männer. Der eine scheint eine Tür zu bewachen, die der andere scheinbar durchschreiten will. Nur dass der Eine und der Andere zunehmend wie Spiegelbilder zueinander aufscheinen; Brüder, gefangen in einer allegorischen Imagination, für die Franz Kafkas „Vor dem Gesetz“ den referentiellen Zerrspiegel stellt.

Skelettierter Animismus, tierhaftes Knochenwesen

Wo „Limen“ (lateinisch: Schwelle) ein 20-minütiges Stück über die Schwelle ist, die dann eben auch hier nicht überschritten werden kann, ist das darauffolgende 30-minütige „Cocon“ wie ein Schweben über alle Schwellen und Grenzen hinweg. Zumal über die zwischen Leben und Tod.

Skelettierter Animismus: Zu sehen ist ein tierhaftes Knochenwesen, das sich selbst heraufbeschwört mit krallenartigen Händen. Das in einem Buch liest, das durch den Raum und wohl auch durch die Zeit wandelt. Durch eine andere Welt, die wiederum jene umwirkt, in der der Mensch wie abgetrennt existiert. Wie gefangen in einem Glaskubus begrenzter Wahrnehmung. In „Cocon“ wird er daraus befreit. Hin zu Erkenntnis und Wissen. Oder ist er doch eher dazu verdammt? Dieser Mensch, der Seiten aus dem Buch der Erkenntnis reißt und verschwindet im Sand der Vergänglichkeit.

Fraglos erstklassig

„Limen“ und „Cocon“ sind zwei Stücke, die in aller Unterschiedlichkeit eng verknüpft sind. Wie Fragmente ein und desselben größeren rätselhaften Traumes, an dem man sich mit Hilfe der Kunst zu erinnern versucht. Und wie Gebert, die in Personalunion für Konzept, Regie, Spiel, Bühnenbild und Puppenbau verantwortlich zeichnet, das nun in der visuellen Aufbereitung und handwerklichen Darbietung angeht, ist fraglos erstklassig. Als wäre man auf einem ferneren Planeten, der in einem spitzeren Winkel zur Sonne rotiert, wirkt das Licht der Settings diffus und klar, schattig und konturiert zugleich. Dazu bewegen sich die Figuren forciert langsam, weshalb jede Geste und Haltung, jedes Detail seine eigene Dimension bekommt, mithin die Aufmerksamkeit auf fast hypnotische Art bündelt. Es gibt Momente, in denen dabei Spiel und Figuren eine fast schon „realistische“ Anmutung gewinnen. Was dann wiederum dieser gewissen Schwerelosigkeit, die sich ebenfalls in diesen Abbildern findet, etwas Beunruhigendes verleiht. Entkörperte Körper – was das sein könnte, lässt sich hier sehen.

Assoziative Denk- und Gefühlsfreiräume

Was man indes ebenfalls sieht, ist, wie eng auch Kunst und Kunstgewerbe mitunter verknüpft sein können. Wie all das, was in Geberts Arbeiten assoziative Denk- und Gefühlsfreiräume beim Zuschauer öffnet, von einem Moment auf den anderen diesen Freiraum als einen der Beliebigkeit offerieren kann.

Wie kommt das? In „Cocon“ und „Limen“ maßgeblich durch eine Musik, die auf Dauer die Sinne weniger kitzelt als vielmehr einlullt. Es ist eine Musik, die – ganz technische Reproduzierbarkeit – in ihrer kompositorischen Struktur schlicht zu illustrativ gewoben ist. Die die Bilder der Inszenierungen immer wieder in einem Emotionskorsett fixiert, in eine melodramatische Bedeutungs-Scheinschwangerschaft versetzt. Oder unter einem bestimmten Blickwinkel gesehen: eine autonome Randenklave okkupiert.

Von Steffen Georgi

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