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Kultur Regional Schwiegersöhnchen mit Faust und Herz
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10:38 02.12.2018
Am Nachmittag noch schlecht bei Stimme, dann aber doch bestens in Form: Sebastian Madsen. Quelle: André Kempner
Leipzig

Es ist die heilende Kraft eines Rock-Konzerts: Mit heiserer Kehle zweifelte Sänger Sebastian noch am Freitagnachmittag an einem erfolgreichen Auftritt am selben Abend. Nach Tee und diszipliniertem Einsingen waren es letztlich doch die Musik und die Euphorie der Fans, gesteht er, die ihm die Sorgen und das Halskratzen haben vergessen lassen.

Und so wie Madsen schon rein namentlich großen Zusammenhalt zeigen, trägt die Band doch den Familiennamen der Brüder Sebastian, Johannes und Sascha an Gesang, Gitarre und Schlagzeug, gehen auch Band, Musik und Publikum am Freitag im ausverkauften Werk 2 eine enge, bestens gelaunte Symbiose ein.

Zum Einstieg plätschert Support Grillmaster Flash leider kaum mehr als einen lauen, bierseligen Aufguss des Madsen-typischen Indie-Rock-Pop-Punk vor die Leute und löst damit keinen Teil seines schmissigen Bandnamens ein.

Bei Madsen hernach reicht ein Takt, und der obligatorische Pogokreis brodelt routiniert hoch. Schon mit dem zweiten Song, ihrem Hit „Sirenen“, bricht der Kreis zum kollektiven Hallenspringen auf. Dennoch steht bei den seit 14 Jahren äußerst produktiven Wendländlern häufiger der Pop als der Punk im Vordergrund, musikalisch und gerade von der recht braven Erscheinung her. Von Ecken und Kanten frei wirken sie mehr wie eine Bande Schwiegersöhnchen, die an der familiären Kaffeetafel stolz von ihrer Rockband erzählen und dabei verschweigen, dass sie eher Sportfreunde Stiller als Slime meinen.

Klare Kante

Was ein wenig diskreditierend klingen mag, mausert sich gerade deshalb zu einer äußerst erfolgreichen Kombination. Jedes ihrer bisher sieben Alben fand den Weg in die Charts, sechs davon in die Top Ten. Denn für Wall of Death, Pogo und harte Gitarrenriffs braucht es mittlerweile keine bunten Haare, Kutten oder Subkultur-Abgrenzung mehr. Madsen haben sichtlich Spaß an dem, was sie tun, ihre Live-Energie und Rock-Attitüde kommt ohne Posing oder Provokation aus. Wo der Punk-Purist hier vielleicht einen Widerspruch wittert, wirken weder Rockliebe noch brave Erscheinung aufgesetzt.

Und wo die Kanten fehlen, ist die Anknüpfungsfläche glatt und breit. So springen im Publikum munter solche zusammen, die gelegentlich auch härtere Musik hören, Madsen, und solche, die neben allerlei Krach auch eine ruhigeres im Plattenschrank haben, Madsen. Auch zahlreiche Kinder wohnen dem Konzert der Familienbande bei. In dieser Vielfalt mischen sich auf dem Gitarrenteppich wilde Pogokreise, auch mal nur für Mädchen, trashige Klaus-Lage-Mitsing-Momente und so sentimentale wie ehrliche Appelle an familiären Zusammenhalt in Hymnen wie „Kompass“.

Wenn es allerdings eine klare Kante bei Madsen gibt, dann ist es die gegen Rechts. „FCK AFD“-Schriftzug und „Naziarschlöcher“-Ansagen gehören zum guten Ton, schließlich ist man nicht beim Polizeiruf. Aber Phrasendreschen will man nicht, hier zeigt sich wieder, dass „gegen rechts“ nicht einem extrem Linken, sondern der Mitte eines demokratischen Selbstverständnisses entspringt und das Dagegen sich stets die Waage hält mit einem engagierten Dafür: Für offene Arme, Vielfalt, Willkommenskultur, Menschlichkeit.

Da die universellste Sprache dabei die ist, die sich Instrumenten bedient, schließt sich mit dem letzten Lied des Abends auch der Kreis zur Stimm-heilenden-Konzert-Euphorie des Anfangs: Lass die Musik an!

Von Karsten Kriesel

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