Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional „Showtime“ erinnert an die guten alten Vorkriegszeiten
Nachrichten Kultur Kultur Regional „Showtime“ erinnert an die guten alten Vorkriegszeiten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:24 11.11.2018
Premiere der neuen Show „Showtime – Varieté der 20er Jahre " im Krystallpalast in Leipzig: Albert Tröbinger mit seiner wundervollen Kontaktjonglage. Quelle: André Kempner
Leipzig

Vier Glaskugeln hält Albert Tröbinger in jeder seiner weit auseinander gestreckten Hände, sie tanzen, sie wandern, sie kreisen, beben, pulsieren wie ein rätselhafter Organismus aus einer fremden Welt. Wunderbar schlicht ist diese Kontakt-Jonglage, subtil, poetisch und bezaubernd. So subtil und poetisch, wie es im riesigen Leipziger Krystallpalast der späten 20er wahrscheinlich nur selten war. Da verschwanden Elefanten vor Tausenden Zuschauern, während es in der Magazingasse der zaubernde Conferencier Alexander Merk bei Kartentricks, Bällen, Tüchern und allerlei verblüffenden Petitessen bewenden lässt und Mihail Mihelev sogar die Kunst des Handschattenspiels wieder aus der Schublade kramt für „Showtime – Varieté der 20er Jahre“.

Nostalgie und Akrobatik: Die Winterproduktion im Krystallpalast-Varieté.

Es sind diese intimen Nummern, die den nostalgischen Zauber dieser Show ausmachen, die in marktschreierischen Zeiten zeigen, wie viel Betörung, Verblüffung und Magie in eine Westentasche passen. Etwa bei Albert Tröblinger: Während der Österreicher mit den Glaskugeln und zuvor bereits mit dem Reifen mit höchster Kunstfertigkeit die Schwerkraft aus den Angeln hebelt, lächelt er fein. Er grunzt nicht, brüllt nicht, salbadert nicht, jauchzt nicht. Er lächelt unter seiner Schiebermütze nur dieses entwaffnende Lächeln aus dem Niemandsland zwischen Grandseigneur und Lausbube.

Elegante Kumpanei

Auch Alexander Merk beherrscht sie, diese elegante Kumpanei mit dem Publikum. „Ihr wisst doch eigentlich alle, wie’s geht“ blitzt es, derweil er mit den Händen seine hinreißenden kleinen Zaubereien sortiert, jungenhaft und beinahe verschwörerisch aus seinen Augen. Dabei weiß er natürlich sehr genau, dass die allermeisten auch nicht die Spur einer Ahnung haben, wie da die Bälle durch die geschlossenen Fäuste der Zuschauerinnen wandern, wie er weiß, wer im Saal an welche Karte denkt, wie er sich das Taschentuch durchs Schienbein zieht, oder wie zum Teufel es möglich ist, dass er innerhalb von Sekundenbruchteilen ein anderes Hemd und eine andere Fliege unter dem Frack trägt.

Allerdings ist diese Kommunikation auf überlegener Augenhöhe beinahe sofort verschwunden, wenn Merk die Rolle wechselt, wenn der Zauberer zum Conferencier wird und in seinen (sehr, sehr knappen) Ausführungen zur Geschichte des historischen Krystallpalastes ins Dozieren gerät. Dann hängt der Spannungsfaden durch, und die „Showtime“ wirkt momentweise nicht mehr nostalgisch, sondern abgestanden.

Das liegt nicht so sehr daran, dass es zur Vorpremiere am Mittwochabend hier und da noch Text-Hänger beim Conferencier und Akrobatik-Patzer bei manchem Künstler gibt. Das wird sich im Laufe der zum großen Teil übrigens bereits ausverkauften Vorstellungen noch hinruckeln, sondern vor allem daran, dass es dem Regisseur und künstlerischen Leiter Urs Jäckle diesmal nicht durchweg gelungen ist, der Show einen vorwärtstreibenden Rhythmus mit auf den Weg zu geben.

Schwierige Proportion

Da stimmen schon die Proportionen zwischen Merk und dem Rest nicht wirklich, sind Mihail Mihelevs usbekische Schattenspiele zwischen Tierköpfen und fragwürdiger Orientalen-Parodie zu lang, ist sein Steppen zu kurz und zu unerheblich, um nicht überflüssig zu wirken. Auch von Monsieur Chapeau, der bereits 2014 beim „Winterflimmern“ zu Gast war im Krystallpalast-Varieté, auf seinen vier (und im Vorüberspringen auch mal fünf) Rollen hätte man gern mehr gesehen. Gleiches gilt für die kraftvolle Fußball-Jonglage des Bulgaren Ivan Radevs und für das hinreißende Luftballett der Dazzling Daisies aus Österreich.

Punktgenau an die Musik geschmiegt winden die beiden sich in luftiger Höhe um, in und durch den Reifen. In elfenhafter Leichtigkeit erobern Sie an den Tüchern, die gleichzeitig als Leinwand dienen, die dritte Dimension. Tanzen können Julia und Christina auch, und dass gehört zum 20er-Jahre-Varieté gewiss dazu, ebenso wie der Hauch von Sünde in Form von Strapsen und Mieder und ihrer Entfernung. Schließlich hat am historischen Ort schon Josefine Baker rund ums Bananenröckchen blankgezogen. Dennoch bremst derlei diese Show weiter aus.

Was auch für einen Teil der Musik gilt, die die Leipziger Swing Delikatessen (Laura Liebeskind, Simon Bodensiek, Jonas Timm, Daniel Vargas und Sebastian Stahl) mit Stimme, Holzblasinstrumenten, Klavier, Bass und Schlagzeug beisteuern. Dabei ist unbedingt zu unterstreichen, dass Live-Musik noch jeder Show im Krystallpalast gut bekommen ist. Und wenn die swingenden Delikatessen-Händler punktgenau zur Akrobatik das große amerikanische Liederbuch durchmessen, ist alles gut. Zeigen sie aber mit ambitioniert raunenden Neo-Chansons, dass sie auch andere Genres beherrschen, ist ratzfatz wieder die Luft raus. Nicht, weil sie ihr Handwerk nicht verstünden, oder die Titel nichts taugten – sie bringen nur den Rhythmus des „Varietés der 20er Jahre“ vollends ins Trudeln.

Für einen netten nostalgischen Abend reicht das alles allemal. Aber zu den besten Shows im neuen Krystallpalast gehört diese Verbeugung vor dem alten sicher nicht.

Showtime – Varieté der 20er Jahre. Bis 2. März im Krystallpalast-Varieté, Magazingasse 4; Karten (15–35 Euro, Menü 22/30 Euro) u.a. bei der Ticketgalerie im LVZ Foyer, Peterssteinweg 19, im Barthels Hof, Hainstr. 1, in unseren Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 unter www.ticketgalerie.de, unter Tel. 0341 140660 oder auf www.krystallpalastvariete.de

Von Peter Korfmacher

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Nachdem der Leipziger Buchbinder Theodor Trampler 1928 arbeitslos geworden war, ging er nach New York, um dort für die Familie Geld zu verdienen. 15 Monate arbeitete er da und hielt als Hobbyfotograf fest, was ihn faszinierte. Auch sein Enkel, der Musikproduzent Ulrich Balß, hat in den letzten Jahren bei seinen Aufenthalten in New York viel fotografiert und nun ein Buch veröffentlicht: „New York“.

07.11.2018

Sakrale Innigkeit und brodelnde Lebensfreude gehen Hand in Hand in „Requiem pour L.“ von Komponist Fabrizio Cassol und Regisseur Alain Platel. Mit dem szenischen Konzert, das Mozarts Requiem weltmusikalisch überschreibt, hat die bis Sonntag dauernde Euro-Scene Leipzig erfolgreich begonnen.

07.11.2018

Die Ausstellung von Yoko Ono (85) in Leipzig muss erneut verschoben werden. Die Schau im Museum der bildenden Künste solle nun im Frühjahr 2019 beginnen, teilte das Museum am Dienstag mit. Die Eröffnung, zu der die Witwe von John Lennon persönlich kommen will, war zuletzt für den 1. Dezember geplant.

06.11.2018