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Kultur Regional Sir András Schiff spielt Werke von Johann Sebastian Bach im Gewandhaus
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00:20 17.06.2018
Bachfest Leipzig, 2018, 13.06.2018 Klavierübung 3, Gewandhaus: Sir András Schiff. Quelle: Gert Mothes
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Leipzig

Für eine Überraschung ist Sir András Schiff immer gut. Vor zwei Jahren, als er mit letzten Sonaten von Haydn bis Schubert im Gewandhaus gastierte, strich er kurzerhand die Pause vom Programm. Die hätte bei der Weihestunde mit Beethovens Opus 111 nur gestört. Aber auch Fälle, wo noch der geringste Mucks aus dem Publikum ihn beinahe das gesamte Konzert abbrechen lässt, sind belegt. Was ihn am Mittwochabend im fast ausverkauften Großen Saal dazu bewogen hat, das Italienische Konzert Da capo zu wiederholen, weiß nur er allein. Heftige Huster werden es kaum gewesen sein, eher die Unzufriedenheit des Perfektionisten Schiff mit sich selbst. Im quirligen Passagenwerk des Concertos sitzt nicht jede Note passgenau, die eine oder andere Sechzehntel entgleitet ihm unter seinen non legato artikulierenden Fingern. Dagegen überrascht die metallische, ja teils perkussive Schärfe, mit der er Einzelstimmen aus den Akkordfortschreitungen freilegt. Auch das klagende Andante mit seiner beseelt strömenden Kantilene klumpt stellenweise statt klangschön zu fließen, dem ausgelassenen Presto-Kehraus mangelt es an Spielwitz und sprühender Virtuosität, weil Schiff weiter mit dem grazilen Silberstift zeichnet und farbkräftige Kontraste meidet. Ein merkwürdiger Auftakt zu diesem von vielen Schiff-Verehrern aus aller Welt herbeigesehnten Klavierabend, der nicht besser oder schlechter wird, als er plötzlich nochmal von vorn anfängt. Eher macht sich nach dem zweiten Durchlauf Erleichterung darüber breit, dass der Pianist sich nicht in einer Endlosschleife verheddert hat. Aber dem Publikum Erleichterung oder Amüsement zu verschaffen, darin sieht der 64-jährige András Schiff seine Aufgabe nicht. Es käme wohl einer Majestätsbeleidigung gleich, würde jemand befinden, Schiff habe ihn unterhalten oder gar amüsiert. Denn die einzige Unterhaltung, mit der Sir András sich einverstanden zeigt, und die auch das Wesen seiner Kunst bestimmt, ist diejenige zwischen Werk und Interpret. Sie ist der Königsweg, der zur Essenz des Werkes führt. Glamour ist dabei nicht zu erwarten, vielmehr fordert Schiff von sich und seinem Publikum: Heilig sei die Kunst, heilig sei der Ernst des Interpreten!

Entsprechend kompromisslos packt er die Französische Ouvertüre BWV 831 an, belässt den gravitätischen Außenteilen ihre Strenge und Würde, belebt das flächige Sechzehntelspiel des Mittelteils durch geschickte Lichtwechsel. Im weiteren Verlauf dieser den Geist des französischen Hofzeremoniells atmenden Suite, in der Courante, den beiden Gavottes, Bourrées, Passepieds, der Sarabande, der Gigue und dem mit Couperin grüßenden Echo, bleibt Schiff seinem Hang zum introvertiert-sinnierenden Musizieren treu. Keiner der Tänze überschreitet die ihm gesetzte stilistische Geschmacksgrenze. Unvermittelte Ausbrüche sind bei Schiff nicht zu erwarten. Das macht seinen Zugang zur Musik sehr verbindlich, gediegen und kultiviert, führt aber auch dazu, dass seine Interpretation einen beträchtlichen Teil an Spontaneität einbüßt.

Spontaneität allein ist jedoch ein stumpfes Werkzeug bei der Erklimmung eines Achttausenders der Klavierliteratur. Die Goldberg-Variationen fallen zweifellos in diese Kategorie. Rund 550 Aufnahmen liegen von diesem Meilenstein der Musikgeschichte vor. Wer sich an sie wagt, braucht Kraft und Ausdauer für die Langstrecke, Sinn und Gespür für die Architektur. Schiffs Spiel vereint beides. Das zeigt sich vor allem im zweiten, noch expressiveren Teil des Zyklus. Ab der Variation Nr. 16 beginnen sich die einzelnen Nummern zu einem klingenden Organismus zu verhaken, von der funkensprühenden 20. Variation, dem unermesslich traurigen Adagio der 25. Variation bis zur lustig überschäumenden 26. Variation und dem derb-augenzwinkernden Quodlibet. Am Ende erklingt, unschuldig und rein, noch einmal die Aria – Alpha und Omega des gewaltigen Variationswerks.

Auch hier erweist sich Schiff als ein Pianist des Affekts, nicht des Effekts. Ein übermütiger Schiff auf der Bühne wäre hier undenkbar. Denn für Rausch ist in seiner Kunst kein Platz. Rausch ist romantisch, Schiff ist es nicht, wenn er Klavier spielt. Er wird vielmehr zum Hohepriester, der den Text, den sein Hausgott Bach geschrieben hat, der Gemeinde vorliest. Und das macht die Dreiviertelstunde nach der Pause auch zur anstrengenden Konzentrationsübung, allerdings zu einer lohnenden: Minutenlanger Jubelsturm im Großen Saal.

Von Werner Kopfmüller.

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