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Kultur Regional So klug als wie zuvor: „Faust I und II“ am Schauspiel Leipzig
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19:14 30.09.2018
Theater-Intendant Enrico Lübbe inszenierte Johann Wolfgang von Goethes „Faust“ – beide Teile als sechsstündiges Mammut-Spektakel. Quelle: Rolf Arnold / Schauspiel Leipzig
Leipzig

Sechs Dekaden seines Lebens verbrachte Johann Wolfgang von Goethe mal mehr, mal weniger intensiv mit der Arbeit am „Faust“. Jetzt hat sich Schauspiel-Chef Enrico Lübbe dieses Lebenswerk-Stoffes angenommen und der Tragödie ersten und zweiten Teil in einem sechsstündigen Theaterabend gebündelt. Am Samstag war Premiere.

Sechs Stunden – und am Ende freundlicher Applaus. Wenig Bravos, keine Buhs. Dabei hätte man beides hier und da erwarten dürfen. Aber vielleicht war das Publikum dafür einfach auch zu erschöpft nach diesem Marathon, der um 18 Uhr begann und um Mitternacht endete.

Lübbes „Faust“ ist, das muss man sagen, eine durchaus imponierende Zumutung. Ein Wagnis, weil eine Anstrengung mit Ansage. Fürs Darstellerensemble wie fürs Publikum. Und das schon rein quantitativ: Nach einem knapp zweistündigen „Faust I“, folgt ein Zwischenspiel, „Goethes apartes Kistchen“ genannt. Danach geht es per Audiowalk oder Busfahrt zu drei jeweils exponierten Stellen der Stadt, die man als Resonanzraum für besonders geeignet hielt, um darin bestimmte Themen des „Faust II“ auf ihrer Relevanz für Gegenwart und Zukunft zu befragen. Mit den etwaigen Antworten kehrt man dann zurück ins Schauspiel, zum Faust-II-Finale.

Der Pudel bleibt draußen

Einiges drin also, in diesem Theaterabend. Weshalb allein schon interessant ist, was draußen bleiben musste. Der Pudel, zum Beispiel. Und das Vorspiel im Himmel. Ersteres zumindest ist vom reinen Unterhaltungsaspekt her bedauerlich. Letzteres wiederum wenig überraschend, angesichts des gemeinhin bevorzugten säkularen Blicks unserer Gegenwart auf jedwede Kunst. Was indes ein maßgeblicher Grund ist, warum sich auch diese „Faust“-Inszenierung so schwer tut, zu des Pudels Kern vorzudringen.

Ist doch die kleine perfide, dem Buch Hiob entlehnte Wette, die Gott und Mephisto zu Beginn über Faust abschließen, nicht nur der Motor, der das Stück in Bewegung setzt, sondern gleichsam dessen Unterfutter, ein Subtext, aus dem erst alle weiteren Texte und Exegesen erwachsen. Dass in diesem Vorspiel zudem Echos aus Kirchenliedern des 17. Jahrhunderts schwingen, hätte darüber hinaus motivisch gut mit Lübbes inszenatorischem Ansatz einer breitgefächert chorischen Aufbereitung des „Faust“ korrespondiert.

Ein Ansatz, der etwas für sich hat. So, wenn der Osterspaziergang wie von einer Schulklasse im Gruppenstakkato gestottert wird. Während im Gegensatz dazu Bieder-Sinnsprüche à la „Üb immer Treu und Redlichkeit“ rhythmisch zackig und auch gern mal zu stampfenden Stiefeln über die Rampe hallen. Was man gut und gern als Gesellschaftskritik goutieren oder als Plattitüde kritisieren kann. An der Wirkung ändert das nichts.

Auch dass im Chorgewusel eines mitunter recht inflationären Rauf-auf-die-Bühne-runter-von-der-Bühne Faust etwas verloren wirkt, passt. Wenzel Banneyer gibt den Titelhelden wie einen müden Bären, der schon zu Beginn die müden Worte eines Anderen spricht. Die des armen Wanderers aus Faust II nämlich: „Ja! Sie sind’s, die dunklen Linden,/ Dort in ihres Alters Kraft./ Und ich soll sie wiederfinden, / Nach so langer Wanderschaft …“ Und vielleicht ist der gelungenste Moment dieser Inszenierung der, wenn diese Worte gut fünf Stunden später erneut zu hören sind. Man wieder im Saal sitzt und für einen Moment diese irritierende, traumähnliche Theatermagie aufblitzt – als wären in den letzen Stunden keine drei Minuten vergangen und man selbst hat sich, gleich diesem Faust auf seiner ewig rotierenden Drehbühne, lediglich im Kreis bewegt.

Aber natürlich passierte zwischendrin dann doch einiges. Und erscheint dabei auch Mephisto nicht selbst, so erscheint er immerhin als teuflische Viererbande (gut aufeinander eingespielt als Sorge, Mangel, Not und Schuld: Thomas Braungardt, Alina-Kathrin Heipe, Denis Petkovic, Bettina Schmidt). Oder man begreift Ernst Jüngers „Lob der Vokale“ noch einmal ganz neu, wenn Faust einen schier endlos delirierenden Monolog aus sich herauswürgt, der nur aus Konsonanten besteht. Und man fühlt mit Margarethe – und das, weil Julia Preuß, wirklich auf jedes Mitgefühl pfeift. Ein Gretchen, das man lieber nicht in dieser Verniedlichungsform anredet. Ganz ruppige Vorstadt und dann doch zum Erbarmen.

Raus in die Stadt

Und dann geht’s ja noch raus in die Stadt. Im launigen Zwischenspiel mit Puppen wird man darauf vorbereitet. Ein Dreifach-Goethe erklärt mit Hilfe des guten Eckermann die Themen-Dreifaltigkeit, der man bald nachfolgt. Dem Geld, mit „Die Erfindung des Reichtums“ (in Handelsbörse und Festsaal des Alten Rathauses), den Veränderungen in Stadt und Umland (mit „Die Umsiedler“ am Völkerschlachtdenkmal) und den „Schöpfungsträumen“ im Historischen Hörsaal der Anatomie im Universitätsklinikum.

Ausgehend vom Homunculus-Motiv im „Faust II“ äußern sich hier per Videoeinspielung Koryphäen zu Genomik, Robotik und Künstlicher Intelligenz. Es sei eine „Frage der Zeit, bis der Tod überwunden ist“, oder „der Mensch wird nicht die Krone der Schöpfung bleiben“, hört man. Kernsätze einer irritierend rationalen Utopie und gleichzeitig Zeugnisse menschlicher Selbstüberhebung und -entmündigung. Sätze, die von einem Teil des Publikums laut belacht werden – so ähnlich, wie man zu Goethes Zeiten wohl über die Idee einer Mondreise gelacht hat.

„Es irrt der Mensch so lang er strebt.“ spricht Gott in Goethes „Faust“, wenn auch nicht in dieser Inszenierung. Aber in all seiner Komplexität ist der Stoff ohnehin unmöglich adäquat auf die Bühne zu bringen. Was dann auch Lübbes Versuch zeigt. Als Wagnis, inklusive Schwächen, gelungen. So klug als wie zuvor, ist man jedenfalls auch nach diesem „Faust“.

Weitere Vorstellungen am Schauspiel Leipzig: 5.10., 18 Uhr; 6.10., 18 Uhr (ausverkauft); 20.10., 18 Uhr (ausverkauft); 21.10., 18 Uhr; Kartentelefon: 0341 1268168

Von Steffen Georgi

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