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Kultur Regional Sonderausstellung in der Leipziger Kunsthalle G2
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18:00 11.06.2018
Edgar Leciejewskis Bild „Wand“ in der Ausstellung „Den ganzen Tag am Strand“, zu sehen in der Leipziger Kunsthalle G2. Quelle: André Kempner
Leipzig

Der „Daddy“ ist zwar abstrakter Natur, doch sehr präsent, was durch die Hängung noch betont wird. In einer konstruierten Raumtiefe überlagern sich eckige und abgerundete Formen, den Rahmen teilweise sprengend. Oskar Rink, die eigentlich Marie-Thérèse heißt, hat die Arbeit ihrem im Herbst gestorbenen Vater Arno Rink gewidmet. „Er konnte das Original nicht mehr sehen, nur ein Foto davon. Dass keine roten Töne vorkommen, hat ihm nicht so gefallen.“

„Daddy“ von Oskar Rink. Quelle: André Kempner

In anderen Bildern Oskar Rinks gibt es Rot, Orange und Gelb. Doch ihre künstlerische Ausdrucksweise unterscheidet sich deutlich von der des Vaters, mit dem sie einige Jahre das Atelier geteilt hat. Neben der Wahl des männlichen Pseudonyms sind auch die Orte ihres Studiums – München und London – Ausdruck dafür, sich trotz der tiefen privaten Verbundenheit zum Vater künstlerisch abzunabeln.

Tatsächlich ist ihr Herangehen an die Bildfindung ganz anders geartet. In nichtgegenständliche Kompositionen mit harten Konturen werden faltenwerfende Tücher eingewoben oder andere handfeste Dinge. Zum Beispiel ein Gummibaum, die Lieblingspflanze der Nierentisch-Moderne. Zwar hat Oskar Rink ihn fragmentiert, dennoch wirkt er ganz lebendig. Die natürliche Vorlage bekam sie dann auch von Anka M. Ziefer, der Leiterin der Kunsthalle, zur gutbesuchten Vernissage geschenkt.

Müßiggang als Katalysator für Ideen

Der Ausstellungstitel „Den ganzen Tag am Strand“ bezieht sich auf das Klischee, das der sogenannte Normalbürger vom Künstlerdasein hat. Lehrer arbeiten halbtags und haben mehrere Monate Urlaub, bei Künstlern lässt sich überhaupt nicht bemessen, was sie eigentlich tun, da gibt es nicht einmal eine Pausenklingel.

Auch wenn man den Bildern ansieht, dass sie nicht aus dem Handgelenk geschüttelt wurden, sondern Resultat intensiver Arbeit sind, spielen Rink und Leciejewski mit der Vorstellung des Müßiggangs als Katalysator für Ideen und berufen sich dabei auf den anarchistisch ausgerichteten Guy Debord und seine Situationistische Internationale.

In deren Manifest von 1960 heißt es: „Wir führen jetzt das ein, was historisch den letzte Beruf sein wird. Die Rolle des Situationisten, des Berufsamateurs, des Anti-Spezialisten bleibt noch eine Spezialisierung bis zur Zeit des ökonomischen und geistigen Überflusses, in der jeder zu einem solchen ,Künstler’ wird, wie es den Künstlern nicht gelungen ist – für die Konstruktion seines eigenen Lebens.“ Ganz ernst gemeint sein kann der Bezug nicht, denn Rink und Leciejewski sind keine Anti-Spezialisten und kommen mit der Konstruktion des Lebens ganz gut zurecht.

Darum steht auch der spezifische Arbeitsplatz, das Atelier, im Mittelpunkt des Interesses. Bei Oskar Rink passiert das vorwiegend indirekt. Die Topfpflanze wie auch die benachbarte „Schablone“ können zum Interieur gehören. Ein Gemälde aber nennt sich „Atelier“. Das Raumgefüge mit Stehleiter wird selbstverständlich durch kräftige Pinselschwünge gestört. All zu erzählerisch soll es nicht werden.

Konditionen der eigenen Arbeit

Edgar Leciejewski ist Fotograf. Mit Oskar Rink verbindet ihn eine langjährige Freundschaft. Seine Arbeitsweise pendelt zwischen dokumentarischer Genauigkeit und konzeptueller Auflösung. Eine frühere Werkgruppe zeigt tote Vögel, die direkt auf den Scanner gelegt wurden, den Fotografie-Begriff somit ausweitend. Die Vogelbilder kehren in einigen aktuellen Arbeiten wieder, aber als Zitat.

Mehrere Fotos nennen sich einfach „Wand“, ergänzt um das Datum der Aufnahme. Zu sehen sind Ausschnitte des eigenen Ateliers. Abzüge von Fotos wurden simpel mit Klebeband aufgehängt. Stifte liegen bereit, auch eine Wasserwaage, diverse Mitbringsel von Reisen stehen herum, kaum aber Geräte, die für eine Fotowerkstatt typisch sind.

Eins von Edgar Leciejewskis „Wand“-Bildern. Quelle: Kempner

Banale Details werden durch Vergrößerung und saubere Rahmung veredelt. Abstrakt hingegen wirkt trotz des klaren Titels „Caffee Thee Tabac“ ein Diptychon, dessen Karomuster wie ein Vorhang aussieht, verzerrt durch gewölbtes Glas.

Sowohl Leciejewski als auch Rink gehören zu den Künstlern, die immer wieder die Konditionen der eigenen Arbeit zum Thema machen. Da gehören die materiellen Bedingungen, speziell die Räumlichkeit der Arbeit, ebenso wie die Spezifik des künstlerischen Daseins dazu. Tage am Strand spielen dabei eine höchstens nebensächliche Rolle. Freiräume ohne Zwang zur Effizienz sind allerdings unverzichtbar, auch wenn sich der Kleinbürger darüber aufregt.

Edgar Leciejewski/Oskar Rink: Den ganzen Tag am Strand, bis 23. September, geöffnet Mi 15–20 Uhr und nach Vereinbarung; G2 Kunsthalle, Dittrichring 13, Telefon: 0341 35573793, Mail: info@g2-leipzig.de

Von Jens Kassner

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