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Kultur Regional Spätes Leuchten: Ausstellung holt den abstrakten Meister Kurt Bartel ans Licht
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00:27 14.03.2018
Entdeckung in Halle 14 (Untergeschoss) der Leipziger Spinnerei: Die Retrospektive „Ans Licht " feiert den in Leipzig lebenden abstrakten Maler Kurt Bartel (89). Quelle: André Kempner
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Leipzig

Die Entdeckung von Künstlern im fortgeschrittenen Alter ist im Moment nichts Außergewöhnliches. Die Orientierungslosigkeit der gegenwärtigen Kunstwelt mag dazu beitragen. Auch Kurt Bartel könnte so ein Späterkannter sein. Doch die Sache liegt etwas anders. Um 1960 hatte er die Möglichkeit, in die erste Liga aufzusteigen. Ohne seinen freiwilligen Rückzug würden Bartel-Gemälde heute in den großen Museen der Welt hängen. So aber ist der Name selbst Experten der Nachkriegskunst bisher kaum bekannt. Im Sommer letzten Jahres gab es eine kleine Schau mit frischen Arbeiten im ARTAe-Showroom an der Menckestraße, nun diese Retrospektive. Beide hat Frank Berger, Gründer des Kunstkonzils, initiiert. Ihm ist es zu verdanken, dass die unbekannten Werke eines Meisters nun bekannt werden.

Der Titel „Ans Licht“ ist doppeldeutig. Natürlich ist dieses Präsentieren eines Vergessenen gemeint. Aber das Licht ist auch Schlüsselthema seines Schaffens. Dem 89-Jährigen ist dies so wichtig, den Laudator zu unterbrechen, um auf auf Max Bense hinzuweisen. „Ein ganz wichtiger Mann!“ betont er. Der Theoretiker hat 1935 „Der Aufstand des Geistes“ veröffentlicht, in dem sich Sätze finden wie: „Das Licht ist die Farbe des Raums. Mit den Farben wird das Licht substanzieller. Farben sind Körper des Lichts.“ Solche Maximen wurden zum Lebensthema Bartels.

Sein 1951 begonnenes Studium an der Westberliner Kunsthochschule brach er ab. Ein Grund war sicherlich die Kontroverse mit seinem Lehrer Karl Hofer, der trotz der Erfahrungen im Nazi-Regime an einer gegenständlichen, narrativen Kunst festhielt. Bartel aber schloss sich den Strömungen an, die in der Abstraktion die Zukunft sahen. Ob man das nun Tachismus, Informel oder Abstrakter Expressionismus nennt, ist letztlich unerheblich.

Heraus aus dem grauen Berlin

Bartel verließ das graue Berlin zugunsten des Lichts, lebte in Italien, dann auf Ibiza. Ausgerechnet dort aber entstanden Bilder in dunklen, erdigen Tönen. Er kehrte nach Berlin zurück, lebte ab 1977 in Österreich und seit 1994 in Leipzig. Trotz dieser Unrast wirkt sein Œvre erstaunlich konsequent. Nur zum Teil liegt das daran, dass man für die Ausstellung einige Werkgruppen weggelassen hat, so die übermalten Fotos der Berliner Mauer von Jan George. Zwei Ausnahmen wurden aber gestattet. Ein ganz kleines Bild nennt sich „Tod der Muse“. Da blitzt Ironie auf. Von 1968 hingegen stammt der „Rote Himmel“. Hier findet man überraschend harte, geometrische Konturen und Muster.

Ansonsten aber ist es eine heftige Pinselarbeit, immer auf der Suche nach der ausgewogenen Komposition und dem richtigen Zusammenspiel der Farben. Ausgewogen und richtig können dabei temporäre Einschätzungen sein. Bartel hält die Bilder nie für abgeschlossen, überarbeitet sie manchmal auch im zeitlichen Abstand. Ebenso ist das Attribut „abstrakt“ zu relativieren. Schon auf Ibiza hat er sich von schrundigen Mauern oder Baumrinden inspirieren lassen. Bis heute sind immer wieder Raumgefüge erkennbar, aber auch einzelne Gegenstände, Gefäße etwa, manchmal meint man sogar menschliche Konturen identifizieren zu können.

So verwundert es nicht, dass Bartel in Bezug auf Bense auch dem Licht körperliche Eigenschaften zuschreibt, unabhängig von der Meinung der Physiker. Seit den frühen 60ern benutzt er die Bezeichnung Lichtknoten für viele Arbeiten. Bei aller Konstanz in der Ausdrucksweise wiederholt er sich nie wie manche Kollegen, die ihre Masche gefunden haben und ewig reproduzieren. Bartel scheint mit jedem Bild oder zumindest jeder Gruppe aufs Neue nach der geeigneten Form zu suchen. Auffällig ist die wie selbstverständlich wirkende Freiheit, mit der er an die Arbeit geht.

Rückzug vom großen Markt

Schon auf Ibiza fand Bartel Anschluss an Kreise um Emil Schumacher und Antoní Tapies. In Deutschland hatte er dann vielbeachtete Ausstellungen bei Brusberg in Hannover und der Galerie Diogenes in Berlin. Will Grohmann und Eberhard Roters nannten ihn in einer Reihe mit dem Who is who der Nachkriegs-Abstraktion. Blättert man in Katalogen dieser Zeit, wird klar, das Kurt Bartel tatsächlich hätte fest dazu gehören müssen. Doch er zog sich vom großen Markt zurück, treue Sammler ermöglichten diesen Luxus. An zu großen Zweifeln am Tun oder mangelndem Selbstbewusstsein kann es nicht gelegen haben, wie seine überzeugende Präsenz bei der Vernissage zeigte. Nach 24 Jahren Anwesenheit und anhaltender Produktivität darf man Kurt Bartel ruhig als Leipziger Maler bezeichnen. Und das genau in einer Richtung, die hier nicht sonderlich stark vertreten ist. Die Wiederentdeckung ist auf jeden Fall eine Bereicherung des Bildes von der Kunststadt Leipzig.

Kurt Bartel. Ans Licht. Retrospektive 1957-2017; Halle 14 Untergeschoss, Spinnereistr. 7; bis 2. April, Do/Fr 14-18 Uhr, Sa 11-18 Uhr; www.anslicht.de

Von Jens Kassner

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