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18:42 09.10.2018
Schriftsteller und Intendant in Rudolstadt: Steffen Mensching. Quelle: Uwe Zucchi /dpa
Leipzig

Manchmal bekamen Schermanns Augen einen dunklen Glanz, „als spiegelten sich auf seiner Netzhaut glückliche Erinnerungen“. Dann wieder wurden sie starr, „als richtete der Alte seinen Blick nach Innen“. Dunkelbraun waren sie, „verschattet, wenn er einem ins Herz sah, angsteinflößend und bedrohlich“. In seinem Blick lag Erschöpfung.

Als der Gefangene Rafael Schermann im Lager an der Bahntrasse nach Workuta landet, umgibt ihn mehr als ein Geheimnis. Wer hat den Graphologen und Hellseher an dieses Ende der Welt gebracht? Und was wird von ihm erwartet? In seinem üppigen Roman „Schermanns Augen“ erzählt Steffen Mensching von den Rändern des Erträglichen in einem Straf- und Arbeitslager des NKWD, des Innenministeriums der UdSSR, Anfang der 40er Jahre, kurz: einem Gulag.

Steffen Mensching (59) ist bekannt geworden als Dichter, als Duo-Partner von Hans-Eckardt Wenzel, später als Schauspiel-Regisseur. Seit zehn Jahren ist er Intendant und Geschäftsführer des Theaters Rudolstadt. Auch Romane hat er schon veröffentlich: „Jacobs Leiter“ (2003) und „Lustigs Flucht“ (2005). In dem einen schrieb er über das geheime und das öffentliche Leben der Bücher, im anderen über das Rivalisieren von Aufbruch und Überdruss. „Schermanns Augen“ nun ist entschieden düsterer, kein Buch, das sich genießen lässt. Mit erzählerischer Gnadenlosigkeit schildert Mensching, was er nicht wissen kann, also recherchiert und gelesen, sich erarbeitet haben muss. Zwölf Jahre lang, wie der Verlag mitteilt.

Psychologisches Geschick

Begrüßt wird der Leser in der Krankenbaracke des Lagers, in dem 1000 Häftlinge interniert sind, sogenannte Volksfeinde, Kriminelle, religiöse Schwärmer. Neben Schermann, 66 Jahre alt, liegt ein Deutscher, Otto Haferkorn, von Beruf Setzer, den sie „Faschistschik“ nennen. Er ist Mitte 20 und „ein 10-Ender, verurteilt nach Paragraf 58 Absatz 6,8 und 10. Spionage, Terror und konterrevolutionäre Agitation.“ Bei guter Führung käme er 1949 in Freiheit.

Da betritt Hauptmann Timofej Nikititsch Kosinzew die Baracke, der Lagerleiter. Hauptsächlich um diese drei spinnt Mensching die Geschichte. Denn weil der in Krakow geborene Schermann zwar Polnisch und Deutsch, nicht jedoch Russisch spricht, muss Haferkorn übersetzen, wenn Kommandant Kosinzew verhört. Und der verhört viel. Es gilt nicht nur zu ermitteln, ob Schermann ein Agent und den Trotzkisten zuzurechnen ist, sondern auch, was es mit seinem psychologischen Geschick auf sich hat.

„Bildet der Mensch die Schrift, so bildet uns die Schrift wieder den Menschen ab“, hat der reale Rafael Schermann geschrieben in seinem Buch „Die Schrift lügt nicht“, das 1929 erschienen ist. Mensching geht es auf über 800 Seiten um Wahrheit, Vertrauen und Verrat. Er zelebriert das minutiös. Sein Mittel, die Handlung voranzutreiben, ist ein Zeitgeschichtspanorama der Erinnerungen, die Freiheit simulieren. Aus Schermanns Vergangenheit schaut Kollege Hanussen herüber, Karl Kraus, Oskar Kokoschka, Erich Weinert, Thomas Theodor Heine, Yvan Goll, Magnus Hirschfeld, Sergej Eisenstein ...

Wahrheit und Lüge

Schillernde Namen tänzeln auf dieser Weltbühne der Kultur und Politik, Namen, die in den Ohren klingen, die Häftling Schermann jetzt ebenso wenig nützen wie (dem fiktiven) Häftling Haferkorn, Kommunist aus Berlin. Den Lesern verschaffen sie vor allem eine Atempause von den Beschreibungen des Lageralltags mit all der Gewalt, Willkür und Ungerechtigkeit. „Es gab Anfälle von Mut. Verzweiflungstaten. Feiglinge, die blindwütig um sich schlugen. Amok liefen. Die Welt war voller Irrer. Großer und kleiner.“ Wobei Haferkorn sich fragte, „wer verrückter war, diejenigen, die die Lügen ausheckten oder jene, die sie ihnen als Wahrheiten abkauften.“

Sein vorheriges Leben hatte Schermann durchaus auch verwöhnt. Da „die Welt nicht billig zu haben“ ist, gibt er, der Kosinzew gegenüber den Narren spielt, sich keiner Illusion hin: „Wer sein Leben liebt, sollte hier niemals auf die Überzeugungskraft der Wahrheit bauen.“ Er weiß, dass „auf Menschen kein Verlass“ ist.

Und er kennt die Menschen, sie zu erkennen, ist ja Beruf und Begabung des Handschriftenlesers. „Ich sehe die Schrift und erkenne Gefahren, Schwächen, Veranlagungen. Jedes Leben birgt in sich die Chance, zu scheitern, sich aufzureiben, schuldig zu werden. Die Irrwege sind nicht gottgegeben. Das ist nicht Gottes Aufgabe. Er hat Besseres zu tun. Du fragst, was ich tue? Ich entwickle Pläne, ich entwerfe einen Plan, wohin die Reise gehen könnte. Gebe quasi Verhaltensregeln aus.“

Borniertheit wird zum Sterbehelfer der Kultur

Dieses Buch verlangt nach ungeteilter Aufmerksamkeit, fast schon Hingabe, um bis zum Schluss folgen zu wollen und um es, so paradox das klingen mag, zu ertragen. Hier und da erlöst ein galliger Scherz: „Für ein Land, das sich auf seine Säuberungen so viel einbildet, sind diese Lumpen keine Empfehlung“, heißt es einmal über etwas, „das sich frische Unterwäsche nennt“, während der Deportierte Rafael Mauritzowitsch Schermann „Ungeziefer aus seiner Leistengegend sammelt“.

„Klug zu sein wäre in diesem Augenblick das Blödeste, was er tun konnte“, begreift Otto Haferkorn. Einer Situation und einem Menschenschlag ausgeliefert zu sein, ist in den 40ern im Archangelsker Gebiet wie zu anderer Zeit und anderswo Freiheitsberaubung. Borniertheit wird zum Sterbehelfer der Kultur. Mensching zeigt, dass es einen Weg zu überleben gibt, der über die Schrift führt, das Schreiben, die Sprache.

„Wende deinen Mitmenschen nie den Rücken zu“, sagt Schermann, „suche immer ihren Blick“. Daran so ausgiebig erinnert zu werden, bietet weniger Vergnügen als Gewinn.

Steffen Mensching: Schermanns Augen. Roman. Wallstein Verlag; 820 Seiten, 28 Euro

Von Janina Fleischer

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