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Kultur Regional Stadionrock im Club: Jimmy Eat World im Conne Island
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00:28 07.06.2018
Als würde das Conne Island hinter dem Mischpult am Saalende noch hunderte Meter weitergehen: Jimmy Eat World mit großen Gesten im kleinen Club. Quelle: Foto: Dirk Knofe
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Leipzig

Die Straßen-Verbundenheit offenbart sich eher zwischen den Zeilen: Tagsüber posten Conne-Island-Mitarbeiter Bilder, die von ihrem Leipzig-Sightseeing mit Jimmy Eat World zeugen. Im restlos ausverkauften Konzert am Sonntagabend wird es lange dauern, bis Frontmann Jim Adkins nach vielen Gitarrenwechseln und wenigen knappen Ansagen auch persönliche Worte ans Publikum richtet. Aber eigentlich muss man es schon als klaren Daumen hoch an die eigenen Fans werten, dass die Alternative-Soft-Punk-Emo-Rocker aus Arizona nach einem Wochenende vor Tausenden bei Rock am Ring und Rock im Park als einen der ganz wenigen Deutschlandtermine noch einen Club bespielen, dem sie eigentlich längst entwachsen wären.

Und nicht nur diese Konstellation fühlt sich an wie eine kleine Zeitreise: Jimmy Eat World waren schon Emo und reflektiert-melancholisches Post-Was-auch-immer, lange bevor diese Begriffe in den 2000ern inflationär wurden, damals, als Indie noch Alternative hieß. Dass sie in gut zwei Stunden Konzert am Sonntag reichlich Songs aus etwa zweieinhalb Dekaden zum Besten geben, hört man ihnen insofern kaum an, als dass sie ihrem 1990er Sound, im Härtegrad irgendwo zwischen Pearl Jam und R.E.M., stets treu geblieben sind.

Entsprechend präsentiert sich das Publikum als ein eben in dieser bunten Dekade jung gewesenes, gemischt mit solchen, die es rückwirkend musikalisch gern wären. Der hohe Weiblichkeits-Faktor und damit überschaubar hohe Körpergrößen-Durchschnitt in den ersten Reihen erleichtert auch im hinteren Bereich des vollen Saals die Sicht auf die Bühne. Näher dran ist man ohnehin, als es zu den Terminen die Tage davor überhaupt möglich gewesen sein dürfte.

Verträumt, aber nicht ausgelassen

Dass die eingängigen Songs und die Bühnenpräsenz von Jimmy Eat World jedoch längst eher auf größere Auditorien ausgerichtet sind, zeigt sich etwa daran, dass beides eher stadionrockig über das Publikum als in die Zuschauerreihen hinein gesendet wird. Ganz so, als würde es hinter dem Tonpult des Conne Island erst so richtig losgehen. Auch führt die Atmosphäre im alternativen Club nebst Straßenlaternen als Bühnenbild kaum zu punkiger Räudigkeit, man bleibt auf beiden Seiten der Rampe wohl geordnet.

Die Stimmung jedoch ist gut: Man singt mit, betanzt und bejubelt die Lieder, zeigt sich sichtlich zufrieden, verträumt, aber nicht ausgelassen. Wo mancherorts Stroboskoplicht gern als Ekstase-Einladung verstanden wird, senken hier viele den Blick nach und unten und pausieren ihr Tanzen, bis das helle Blinken vorbei ist.

Immerhin, bei vereinzelt härteren Riffs braust auch der Applaus auf und ein paar Springwütige finden sich in der Mitte zusammen. Insgesamt aber trifft man sich offenbar für Gefühl und Erinnerung bis zur Nostalgie. Denn auch das zuverlässige Anknipsen herzzerreißender Emotionen ist seit jeher eine Kraft der Musik, und darauf verstehen sich Jimmy Eat World nun mal ebenso gut, wie andere aufs Aktivieren des Bewegungsapparats.

Entsprechend herzlich dankt Jim Adkins seinen Fans gegen Ende des Konzerts dafür, dass sie ihre Zeit in Musik anstatt in ein „fucking Smartphone“ investieren. Und weil er dann doch den Blick ins nähere Auditorium senkt und erkennt, dass man „unter sich“ ist, plaudert er noch ein wenig, nach dem Motto: „What happens in Leipzig stays in Leipzig.“ Und derart den Bann gebrochen, lockt man sich gegenseitig dann doch noch mit den letzten, die Bremse lockernden Songs und Zugaben etwas aus der Reserve, fast so, als müssten sich zum arbeitsamen Weckerklingeln am Montagmorgen nicht nur Kopf und Herz, sondern doch auch ein wenig die Beine an die schöne Sonntagabend-Beschäftigung erinnern.

Von Karsten Kriesel

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