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Kultur Regional Steffen Schleiermacher: „Ich liefere, was bestellt wird, und zwar pünktlich“
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18:26 20.02.2018
Tritt am Donnerstag sein Amt als Gewandhauskapellmeister an: Andris Nelsons Quelle: André Kempner
Leipzig

Das Gewandhausorchester hat in dieser Saison zwei gute Gründe zum Feiern: Zum einen begeht es weiträumig seinen 275. Geburtstag, der am 11. März ansteht, zum anderen den Umstand, dass nach gut zwei kopflosen Jahren am 22. Februar in Gestalt Andris Nelsons endlich wieder ein Gewandhauskapellmeister im Großen Concert dirigiert. Beide Anlässe nutzt das älteste bürgerliche Orchester der Welt, um sich seiner eigenen Geschichte und Verantwortung im Umgang mit dem Neuen zu versichern.

Auf der einen Seite durchziehen also Werke den aktuellen Spielplan, die dieses Orchester aus der Taufe hob: Ob Beethovens Tripelkonzert, Brahms’ Deutsches Requiem, sein Violinkonzert, Schumanns Zweite, Schuberts Große, Bruckners Siebte – die Liste ist so lang wie glanzvoll. Allenfalls Wien glänzte diesbezüglich im 19. und frühen 20. Jahrhundert noch heller. Auf der anderen Seite nimmt Andris Nelsons den Faden auf und setzt seinerseits auf das ganz Neue. Mehr als ein Dutzend Uraufführungen durchziehen die Saison 2017/18 in all ihren Reihen, und der neue Chef geht selbst mit gutem Beispiel voran: Allein in den Festwochen, die seinem Amtsantritt folgen, hat er drei neue Werke angesetzt, die im Auftrag des Gewandhausorchesters entstanden. Es sollten vier sein. Aber Wolfgang Rihm, Jahrgang 1952, der deutsche Staats- und Repräsentations-Komponist, musste krankheitsbedingt von seinem Auftrag zurücktreten. Bleiben also zunächst Jörg Widmann (geboren 1973), der erste Gewandhauskomponist und schon darum oft vertreten in dieser Saison, und Thomas Larcher, 1963 in Innsbruck geboren.

Lordsiegelhalter der Moderne am Gewandhaus

Die ersten neuen, ja die ersten Töne überhaupt, die Andris Nelsons als 21. Gewandhauskapellmeister zum Klingen bringt, stammen aus der Feder des 1960 geborenen Steffen Schleiermacher, mit seiner Reihe musica nova so etwas wie der Lordsiegelhalter der Moderne am Gewandhaus. Auch Chailly hat ihn viel gespielt: Allein drei Schleiermacher-Uraufführungen hat der Italiener dirigiert: 2006 das Orgelkonzert „Gegenbild“, 2009 sein „Leuchten der singenden Kristalle“, 2011 schließlich „Bann. Bewegung. mit Beethovens Erster“ – und er war am Gewandhaus nicht der erste, der sich für Schleiermachers Musik eingesetzt hat: Bereits 1985 hat Kurt Masur seine „Musik für Pauken und Orchester“ uraufgeführt.

Wenn Nelsons also am Donnerstag das „Relief für Orchester“ aus der Taufe hebt, ist dies bereits das fünfte Orchesterwerk Schleiermachers, das im Auftrag des Gewandhausorchesters entstand und von ihm zum ersten Mal gespielt wird. Dazu kommt die Masur-Hommage „Felsen“, die Michael Sanderling 2016 uraufführte. Damit rangiert er auch historisch in der Spitzengruppe der Komponisten, die nicht gleichzeitig Gewandhauskapellmeister waren. Also hinter Mendelssohn und Reinecke etwa und auf Augenhöhe mit Schumann und Brahms.

12 bis 13 Minuten solle sein neues Stück dauern, schrieb das Gewandhaus ihm ins Auftragsheft, und sich mit der Besetzung an Alban Bergs Violinkonzert orientieren, das im Programm unmittelbar darauf folgt. Beides hat der Komponist befolgt: „Ich liefere, was bestellt wird“, umreißt er knapp sein Arbeits-Ethos, „und zwar pünktlich“. Tatsächlich liegt seine Partitur schon seit Monaten fertig am Augustusplatz, während die Kollegen wenige Wochen vor der Aufführung noch immer damit beschäftigt sind, ihre Inspiration zu kanalisieren.

Doch trotz der Orientierung an Bergs „Dem Andenken eines Engels“ gewidmetem Werk hat Schleiermacher kein Violinkonzert geschrieben. „Es ist“, sagt er, „eher ein Konzert für Orchester. Das bedeutet auch der Titel: Wie bei einem Relief schieben sich immer wieder andere Gruppen oder Solisten des Orchesters aus dem Tutti hinaus mit virtuosen solistischen Aufgaben nach oben.“ Wobei Schleiermacher die Musiker des ihm so vertrauten Orchesters im Auge behält: „Ich weiß, was geht, und ich weiß, was den Musikern auch ein bisschen Spaß macht. Niemandem ist gedient, wenn ich mir irgendwelche spieltechnischen Teufeleien ausdenke, die dann später schlecht oder nur lustlos gespielt werden. Ich scheue mich nicht, meiner Musik auch eine gewisse Spielfreude zu unterstellen.“

Die meisten Werke verschwinden in den Schubladen

Vielleicht liegt es an der, dass Schleiermachers Werke vergleichsweise oft nachgespielt werden. Das Orgelkonzert wird allein in dieser Saison andernorts mehrfach gegeben, der Beethoven-Reflex von 2011 steht gleich ein halbes Dutzend mal an. Für die meisten Komponisten allerdings sieht die Realität anders aus: Da die großen Konzerthäuser und Orchester zwar irgendwie das Gefühl haben, der Moderne verpflichtet zu sein, geben sie, wenn es schon sein muss, immerhin Kompositionsaufträge, um sich der medienwirksamen Uraufführung sicher zu sein. Danach verschwinden indes die meisten Werke wieder in den Schubladen. „So entstehen“, sagt Schleiermacher, „riesige Halden neuer Musik, die nie eine wirkliche Chance bekommt, ins Repertoire zu gelangen“.

Eigentlich unverständlich. Denn wer auf Zweitaufführungen setzte, wüsste, worauf er sich einließe, könnte den Unfug aussortieren, der ja heute nicht weniger produziert wird als in vergangenen Jahrhunderten, und sich gleich auf erwiesene Qualität stürzen. So erweist sich die beinahe ausschließliche Fokussierung aufs ganz neue, aufs unerhörte Werk allzu oft als Feigenblatt.

Auch am Gewandhaus: Trotz aller Lippenbekenntnisse hat sich selbst ein Riccardo Chailly hier (anders als zuvor in Amsterdam) kaum verdient gemacht um die klassische Moderne, um Schönberg, Berg, Webern, um den späten Strawinsky, Ives und Copland. Ganz zu schweigen von Messiaen und Varèse, Nono und Berio, Stockhausen und Boulez.

Doch auch hier setzt Nelsons an. In seinem ersten Konzert nach der Vertragsunterzeichnung im Mai 2016 hat er Weberns Orchesterstücke Opus 6 dirigiert, auf die Schleiermacher-Uraufführung lässt er Bergs Violinkonzert folgen, in der Woche darauf musiziert der Ex-Trompeter gemeinsam mit Håkan Hardenberger Bernd Alois Zimmermanns (1918–1970) grandioses Trompetenkonzert „Nobody Knows de Trouble I See“. Kein schlechter – aber doch nur ein Anfang.

Ein dringend notwendiger. Denn in den Wohlfühl-Oasen des sinfonischen Mainstreams ist die Luft mittlerweile so stickig geworden, dass in ihnen auf Dauer kaum wird überleben können, wer nicht endlich einmal gründlich durchlüftet. Das gilt auch für Traditionsklangkörper – vor allem wenn sie sich, wie das Gewandhausorchester, fortwährend auf ihre Tradition berufen, der Welt einst so viel Neues geschenkt zu haben.

Von Peter Korfmacher

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