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Kultur Regional Strauss und Hofmannsthals „Rosenkavalier“ auf dem Gipfel der Schönheit
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10:32 07.01.2019
Phänomenal: Kathrin Göring als Marschallin. Quelle: Ida Zenna / oper leipzig
Leipzig

„Der Lärm verhallt. Es bleiben allein zurück: Sophie, Marschallin und Oktavian“. Hugo von Hofmannsthal lässt in den szenischen Anweisungen zum „Rosenkavalier“ auch beim Einbiegen in die Zielgerade keine Fragen offen. Die Uhr zeigt Punkt neun am Sonntagabend, die Wiederaufnahme läuft seit vier Stunden – und Alfred Kirchner, der diese Inszenierung im April 1998 schon zur Premiere brachte, setzt noch eins drauf: Marcel Kellers schöne Beisl-Bühne verschwindet im Schnürboden. Und die drei, um deren Gefühle es geht in dieser „Komödie für Musik“, sie bleiben wirklich allein. Allein mit ihren Stimmen, allein mit Hofmannsthals Worten, von Strauss in Töne gegossen, allein mit dem Gewandhausorchester, das Worte und Töne in die Herzen der Zuhörer träufelt.

Eine Traumbesetzung: Kathrin Göring als Marschallin, Olena Tokar als Sophie, Wallis Giunta als Octavian, Karl-Heinz Lehner als Ochs, Mathias Hausmann als Faninal ...

Am Ende blitzen die Taschentücher

„Mein Gott, es war nicht mehr als eine Farce“, seufzt Sophie , die blutjunge und bildhübsche Tochter des neuadligen Faninal. Ihr Bräutigam hat sich als notgeiles Scheusal entpuppt, den Octavian ihr mit einer derben Intrige vom Hals schaffte. Seine Liebe muss ihr nun ebenfalls vorkommen als „nicht mehr als eine Farce“. Aber in den letzten 25 Minuten wird sich noch alles fügen: Die Marschallin entsagt in Weisheit und Liebe und führt die beiden zusammen. Am Ende blitzen im anständig besuchten Haus die Taschentücher auf bei der Feststellung: „Ist ein Traum, kann nicht wirklich sein.“

Was zwischen den Noten steht

Dabei ist die Inszenierung so schlicht wie der Mozart-Reflex, den Strauss den Entflammten zudachte, später schillernd umspielt von den Wunderklängen der Silberrose. Und in dieser Schlichtheit zeigt sich die ganze Größe dieser unter der Obhut Gundula Nowacks in 20 Jahren und 18 Vorstellungen in aller Ruhe immer weiter gereiften, immer besser gewordenen Produktion. Gewiss ist da nicht jede Blick-Achse plausibel gespannt, kippt die Typenkomödie bildweise in den Bauernschwank. Doch dieses fein ausbalancierte Kunstwerk aus Worten und Tönen, braucht Wiener Rokoko, um seine Brechungen plausibel zu machen und die fein gewirkten Soziolekte Hofmannsthals zwingend. Und so machte Kirchner seinerzeit kaum mehr, als genau das zu inszenieren, was zwischen den Noten steht.

Was in den Noten steht

Was in den Noten steht, war bei der Premiere nicht in den allerbesten Händen. Nicht dass Jirí Kout kein fabelhafter Strauss-Dirigent gewesen wäre. Aber gegen die Besetzungs-Unwägbarkeiten des Gewandhausorchesters war er machtlos. Und so verpuffte vieles dieser fast schmerzhaft schönen Musik ungeprobt im Ungefähr. Doch Ulf Schirmer hat in seiner Doppelfunktion als Generalmusikdirektor und Intendant die Zusammenarbeit beider Seiten des Augustusplatzes neu sortiert. Und weil er ein großartiger Strauss-Dirigent ist, kommen nun offenhörlich gerne die Besten.

Sinfonischer Orgasmus

Wie Konzertmeister Sebastian Breuninger da das Ende des ersten Aufzuges ans Firmament graviert, wie Henrik Wahlgren an der Solo-Oboe nicht nur Töne spielt und Linien, sondern Seelen ausleuchtet, wie die Hörner zu Beginn im plastischsten Instrumental-Orgasmus der Operngeschichte nach Luft japsen, wie immer wieder die Musik die Zeit aushebelt, ganz aufgeht in Klang und Schönheit, das lässt so gut wie keine Wünsche unerfüllt.

Liebe auf den ersten Blick

Als Strauss mit dem „Rosenkavalier“ als Opernkomponist die zweite Häutung vollzog, hatte er als sinfonischer Dichter bereits die Sterne vom Himmel komponiert. Was er auf diesen Gipfeln sah, kam auch der „wienerischen Maskerad’“ zugute. Sex und Zärtlichkeit, Klamauk und Intrige, Selbstgefälligkeit und Anmaßung, Weisheit und Wollust – niemand konnte dies auf so engstem Raum zum Tönen bringen wie Strauss. Und die Klänge der Liebe auf den ersten Blick im zweiten Aufzug, sie sind die musikalische Magie selbst.

Schirmer weiß, was er zu tun hat mit dem Luxus-Klangkörper, der da bei ihm im Graben sitzt. Er stranguliert das Gewandhausorchester nicht und lässt vieles zu. Greift nur bremsend ein, wenn die fein ausbalancierte und durchstrukturierte Üppigkeit die Sänger gefährdet. Und hörte man die nicht, es wäre allzu schade.

Erstklassige Eigengewächse

Im Zentrum stehen die Ensemble-Eigengewächse Wallis Giunta als Octavian, Olena Tokar als Sophie und Kathrin Göring als Marschallin. Ein Traumbesetzung. Die Mezzosopranistin Giunta spielt im ersten Aufzug einen Jüngling, der als Mädchen verkleidet ist, und lässt ihre schöne Stimme sinnlich schwingen zwischen den Geschlechterfarben, zwischen Verliebtheit und juvenilem Wagemut. Olena Tokars Sophie ist zum Niederknien schön. Ihre Fähigkeit, Spitzentöne ganz sacht neben die Stille zu setzen, ihre so sanfte wie selbstbewusste Präsenz befähigen sie zu einem rundum eindrucksvollen Rollendebüt.

Phänomenale Marschallin

Die Fäden der Intrige und der Liebe laufen zusammen bei Kathrin Görings phänomenaler Marschallin. Leidenschaft und Melancholie – sie legt ein ganzes Sängerleben in eine Rolle, die das ganze Leben bündelt – auf dem Gipfel der Schönheit, den Abstieg in die Vergänglichkeit allen Seins fest im Blick. Immer wieder neuen Gästen vertraute die Oper Leipzig in den letzten beiden Jahrzehnten diese komplexe Partie an. Exzellente waren darunter – aber keine bessere als Göring.

„Der Rosenkavalier“ hat viele Partien, und manche der ganz kleinen überzeugt auch diesmal nicht. Aber, Hand aufs Herz, wenn mal ein Zwischenruf mehr nach Gebell klingt, wen stört das in dieser Fülle des Wohllautes? Angesichts der komödiantischen Volten, die Karl-Heinz Lehner als Ochs auch gesanglich schlägt – wenn auch mit manchmal recht eigenen Tempo-Vorstellungen? Angesichts der gespreizten Pracht von Mathias Hausmanns Faninal? Angesichts all der Treffer zwischen Intriganten (Patrick Vogel und Sandra Fechner), Sängern (Kyongho Kim – mit alberner Erkältungs-Ansage), Wirten (Dan Karlström), Notaren, Kommissaren (Sejong Chang) ...? Der Leipziger „Rosenkavalier“ ist besser denn je. Wer ihn noch nicht gesehen und gehört hat, sollte es nachholen. Und wer ihn schon kennt, wird überrascht sein, was da noch ging.

Vorstellungen: 12. Januar, 26. April. Weitere Strauss-Vorstellungen in der Oper Leipzig: „Salome“ 13. Januar, 24. Februar, 27. April; Elektra (28. April); Karten und Infos erhalten Sie u.a. bei der Ticketgalerie im LVZ Foyer, Peterssteinweg 19, im Barthels Hof, Hainstr. 1, in unseren Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Ticket Hotline 0800 2181050 unter www.ticketgalerie.de oder an der Opernkasse sowie unter Tel. 0341 1261261.

Von Peter Korfmacher

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