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Takemitsu, Grieg und Dvorák im Gewandhaus

Großes Concert Takemitsu, Grieg und Dvorák im Gewandhaus

Edvard Gardner dirigiert im Großen Concert des Gewandhausorchesters Griegs Lyrische Suite, Dvoráks Siebte und Toru Takemitsus mystisch murmelnden Halbstünder „From Me Flows What You Call Time“ für Percussion und Orchester.-

Die Schlagzeuger Steffen Cotta (blau), Rafael Molina García (rot), Wolfram Holl (weiß) und Gerhard Hundt (gelb) mit dem Gewandhausorchester unter der Leitung von Edward Gardner.

Quelle: Andre Kempner

Leipzig. Am Ende herrschen die beiden Windspiele über die Zeit. Unter der Decke des Gewandhauses hängen sie, mit der Wirklichkeit des Großen Concertes nur verbunden über jeweils fünf lange Gebetsbänder in den Farben Weiß, Rot, Blau, Grün und Gelb. So lange sie, zum Schluss beinahe unhörbar, klingen, hält auch Edward Gardner am Pult des Gewandhausorchesters das kosmische Grundrauschen lebendig. Erst wenn es oben still wird, kehrt Toru Takemitsus (1930–1996) „From Me Flows What You Call Time“ in die Stille zurück, aus der Soloflötist Sébastian Jacot es eine gute halbe Stunde zuvor hinausgehoben hat mit subtilen Bambusflöten-Reflexen.

Das zeigt, dass es dieser Musik nicht darum zu tun ist, aktiv die Zeit zu gliedern, zu gestalten, auszuhebeln. Sie klinkt sich eher ein in ihren immerwährenden Strom, übt sich in einer Genügsamkeit irgendwo zwischen Ritual und Gebet, Folklore und Naturlyrik, Geräusch und Gestalt. Seltsam vertraut klingt dieses tönende Zen bisweilen, und zerbrechlich schön.

Als Hörer allerdings muss man sich mit Haut und Haaren einlassen auf dieses murmelnde Klang-Kontinuum, auf die Mystik, mit der Takemitsu die Elemente als Farben zeigt, an den Gebetsbändern und an den schicken Seiden-Jackets der Solisten, die den Elementen wie ihren Farben jeweils die Klänge des Materials und der Form zur Seite stellen: Da bearbeiten Johann-Georg Baumgärtel (grün, Marimba-) und Rafael Molina García (rot, Vibraphon) die Stäbe aus Holz und Metall, Gerhard Hundt (gelb, Trommeln) schlägt auf Felle und Häute, die sich über Röhren spannen, Wolfram Holl (weiß, Steal-Drum) hat mit dem Metall-Fass zu tun und Steffen Cotta (blau) mit Glocken, Zimbeln und Klangschalen. Sie spielen sich Klänge zu, reichen den Nachhall weiter, umkreisen flirrend oder mit emblematischen Signalen das Orchester, knoten ein Netz aus meist eher beiläufigen bis unerheblichen Einzelereignissen, das den rätselhaften Zauber, den dieses Werk verströmt kaum eine halbe Stunde lang scheinen lässt.

Man darf nur nicht beginnen, darüber nachzudenken. Denn dann wirft diese wohlfeile Wohlfühlmoderne, mit der das Gewandhaus offenkundig Schwellenängste abzubauen versucht, mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Wie Takemitsu da beispielsweise Klangfolgen Debussys einpflegt, trägt durchaus Spuren eines Exotismus mit umgekehrten Vorzeichen – nur dass er, anders als der französische Kollege Ende des vorletzten Jahrhunderts am Ende des letzten nicht die Musik aus den Angeln hob, sondern harmlos kuscheln ließ.

Aufs Detail gesehen lässt sich das ganze Werk auf diese Weise demontieren: seine Elemente-Philosophie, die Farben-Lehre, die Zen-Ereignislosigkeit. Aber wer aufs Detail sieht, schaut an dieser Musik vorbei, deren Alltags-Mystik dann doch erstaunlich gut funktioniert. Weil auch Edward Gardner, das Gewandhausorchester und die fünf Perkussionisten nicht aufs Detail schauen, sondern auf die zwar ziemlich pauschalen, aber doch auch irritierend schönen Klänge, die da die Zeit begleiten. Und würde nicht die diese halbe Stunde weiträumig gliedernde Stille konsequent zerhustet werden von außergewöhnlich zahlreichen Halskranken, es wären wohl noch mehr im gut besuchten Saal dieser Moderne auf den Leim gegangen sein, die mit Moderne nichts am Hut hat.

Edvard Grieg jedenfalls war im Glockenklang seiner Lyrischen Suite, die er aus seinen Klavierminiaturen gewann, bereits weiter. Dabei hat auch er auf den ersten Blick ähnliche Mittel bemüht wie Takemitsu: Er hat in die Natur gelauscht, in die Welt, in die Musik seines Landes – und all das kurzgeschlossen mit dem Handwerk der europäischen Kunstmusik, das er übrigens in Leipzig lernte. Das Ergebnis aber ist das genaue Gegenteil: knapp, intim, berauschend, beseelt – und perfektes Material für das Gewandhausorchester, das Gardner mit sicherem, präzisem, inspirierenden, hier und da vielleicht etwas affektiertem Schlag zu wunderbaren Klängen inspiriert. Erdig und verträumt, samtig und saftig, zärtlich und übergriffig klingen die fünf gewaltigen Petitessen.

Auch Antonín Dvorák schaute für seine sträflich unterschätzte Siebte auf Volksmusik, in die Natur und auf die Gesetze des avancierten Tonsatzes der späten Romantik. Es ist ein wunderbares Werk, märchenhaft schön und rückhaltlos ausgelassen, bisweilen ein wenig dämonisch verschattet – aber am Ende wird natürlich alles gut. Abgesehen vielleicht vom „Poco Adagio“, das unter Gardners Händen ein wenig zerfasert und zerfällt. Der Rest indes ist die Wonne selbst, musikantisch und virtuos, sinnlich und subtil, mit wunderbaren Mittelstimmen und unwiderstehlichem Schwung übers Ganze.

Kurzum: Das letzte Große Concert der kopflosen Zeit zeigt, dass Andris Nelsons in der übernächsten Woche ein Gewandhausorchester übernimmt, das prall im Saft steht. Schaumermal, was er nun daraus macht.

Das Konzert wird am Sonntag, 11 Uhr, wiederholt. Restkarten: Tageskasse oder www.gewandhaus.de

Von Peter Korfmacher

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