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Kultur Regional Tanzimmersion: Das Ideal des Renaissancekörpers
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13:17 04.06.2018
Lebte von den starken, emotionalen Tanzsequenzen: die „Tanzimmersion“ des Leipziger Balletts im Kunstkraftwerk. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Sie springen von ihren Stühlen auf, unvermittelt, platzen tänzerisch hinein in die Projektion von Renaissance-Gemälden an den Wänden der Maschinenhalle des Kunstkraftwerks. Die Tänzer bewegen sich ruckartig und gleichzeitig fließend, animalisch fast, sie sind barfuß, tragen einfarbige Hosen, bauchfreie T-Shirts, Rollkragenpullover. Ein starker Start.

„Tanzimmersion“ ist der Titel der Performance, die am Donnerstag im Kunstkraftwerk gezeigt wurde. „Immersion“, das bedeutet eintauchen oder einbetten, und so soll auch das Konzept funktionieren: Das Leipziger Ballett taucht ein in die aktuelle Ausstellung „Renaissance Experience“ in der Maschinenhalle des Kunstkraftwerks. Zeitgenössischer Tanz auf höchstem Niveau trifft alte Meister – an die Wände werden Videoinstallationen von Werken der Renaissance projiziert, mehrfach vergrößert, teils in 3D.

Am stärksten ist die Immersion, wenn sie keine ist

Da fliegt dann Michelangelos „David“ durch die Gegend, Bilder von Leonardo da Vinci, und immer wieder: Sandro Botticelli. Seine „Primavera“, der Frühling, mit dem weichen Gesicht und dem Blumenkranz im Haar taucht auf, und vor allem sein wohl berühmtestes Werk, „Die Geburt der Venus“, das vor wenigen Monaten auch als Vorlage für die Werbekampagne der Sendung „Germanys Next Topmodel“ herhalten musste. Die Projektionen werden von eigens dafür komponierter Musik untermalt, mal liebliche Gebrauchs-Klassik, mal irischer Dudelsack, immer dramatisch – immer überbordend.

Am stärksten ist die Immersion aber dann, wenn sie eigentlich keine ist, wenn die Wände nicht angestrahlt werden und der Fokus ganz auf den Tänzerinnen und Tänzern liegt. Kraftvoll und zugleich leicht sind ihre Bewegungen. Durch den ganzen Abend zieht sich das Wechselspiel zwischen Anspannung und Loslassen, Begehren und Abstoßen, mal im Duett, mal solistisch, mal in der Gruppe. Die Tänzer testen Grenzen aus, lassen sich weich fallen, schwingen über den Boden, springen im nächsten Moment.

Spannend, berührend, wunderschön

Ins klassische Bewegungsrepertoire des zeitgenössischen Tanzes mischen sich Breakdance-, Ballett- und Popping-Elemente. Manchmal wirken die Tänzer wie getrieben von der Musik, dann wieder schlängeln sie sich anmutig durch den Raum wie durch eine zähe Flüssigkeit. Die Choreographie des spanischen Tänzers und Choreographen Francisco Baños Diaz ist durchgehend spannend, berührend und schlicht wunderschön.

Manchmal tanzt die Company vor den Videoinstallationen, ein sinnvolles Zusammenspiel aus bildender Kunst und Tanz will sich aber nicht recht einstellen. Nur eines ist Kunstwerken und Tänzern gemein: eine ganz eigene Schönheit, von der sich loszureißen schwer fällt. Das Ideal des Renaissance-Körpers, muskulös und geschmeidig, kann der Zuschauer live auf der Bühne erleben.

Nach anderthalb Stunden Performance stürzen die Tänzer noch ein letztes Mal auf die Bühne. Sie tragen apricotfarbene Kittel und hautfarbene Unterwäsche, es läuft „Venus“, das Lied der Girlgroup Bananarama, das die meisten heute vor allem mit einer bekannten Werbung für Rasierapparate verbinden.

„I’m Your Venus, I’m Your Fire, Your Desire“ heißt es da. On Fire sind die Tänzer auf jeden Fall. Sie tanzen, wie Menschen tanzen, wenn der Song zu fortgeschrittener Stunde auf einer Party gespielt wird. Ausgelassen, ein bisschen verführerisch, und vor allem sehr, sehr glücklich.

Von Sophie Aschenbrenner

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