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Tschaikowski – gestaltet, statt indiskret

Großes Concert im Leipziger Gewandhaus Tschaikowski – gestaltet, statt indiskret

Michael Sanderling und Joshua Bell mit Tschaikowskis Violinkonzert und seiner vierten Sinfonie im ausverkauften Großen Concert des Gewandhausorchesters

Joshua Bell und Michael Sanderling im Großen Concert.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Nein, Peter Tschaikowski, dem in dieser Woche die Großen Concerte des Gewandhausorchesters gehören, hat kein schönes Leben gehabt. Von Jugendzeiten an bis in den vermutlichen Freitod hat die heimliche Homosexualität auf ihm gelastet. Doch auch er existierte nicht nur im Schatten – und sein immenses Schaffen erschöpft sich nicht in den Todesahnungen einer gewaltigen Pathétique in ungezählten Sätzen.

Ja, natürlich hat das Leiden an sich und der Welt Eingang gefunden in seine Musik. Weil jede große Musik die Persönlichkeit ihres Schöpfers widerspiegelt, ihr ein Fenster öffnet, durch das sie sich mitteilen kann. Aber auf dem sublimierenden Umweg über den schöpferischen Akt. Denn Kunst erwächst nicht aus indiskretem Mitteilungsdrang. Was sie preisgibt, ist Ergebnis eines Gestaltungswillens, Folge von Abstraktion und Überhöhung, von Formung und Entwicklung. Folglich ist Musik, die den direkten Weg wählt, nicht Mikrophon der Seele, sondern Megaphon des Sentimentalen. Und genau unter diesem Missverständnis hat das Schaffen des großen Peter Iljitsch immer wieder gelitten.

Auch das Violinkonzert, das bei der flüchtigen Annäherung und unter der Firnis gefühliger Virtuosen sentimental bis zum Kitsch klingen kann und unter den Bögen der eitlen sich in sportlicher Höchstleistung genügt. Das Werk hält es aus. Denn die Schönheit seiner melodischen Erfindungskraft und die dankbare Virtuosität des Soloparts heben es auch ohne doppelten Boden über die meisten Hervorbringungen des Genres hinaus. Doch um wie viel höher schwingt es sich, wenn ein Geiger wie Joshua Bell sich seiner annimmt, am Pult in selbstverständlicher Partnerschaft auf Händen getragen von einem Dirigenten wie Michael Sanderling.

Joshua Bell gehört zu den Großen seiner Zunft. In aller Welt liegt ihm das Publikum zu Füßen, seine CDs (in der Pause signiert er sie bereitwillig) sind noch immer eine sichere Bank auf dem sinkenden Dampfer des Tonträger-Marktes. Und gleich mit den ersten Tönen des Allegro moderato zeigt er, warum dies so ist: Er schluchzt seine Stradivari nicht, er weint sie nicht, er gibt nicht an mit ihrem herrlichen Silberton – er singt sie. Ganz natürlich und in einer bisweilen beinahe naiv scheinenden Schönheit.

Das bedeutet nicht, dass er die Gelegenheiten, seine stupende Technik vorzuführen, ungenutzt verstreichen ließe. Mit bisweilen waghalsigen Tempi geht er auf volles Risiko, nimmt in der Coda des Kopfsatzes im Eifer des Gefechtes auch Blessuren in Kauf. Aber nie schiebt sich prahlerische Attitüde in den Vordergrund. Und wenn Bell immer wieder lautstark mit dem linken Fuß aufstampft, ist das nicht Pose, sondern nötig, um die Spannung abzubauen, die nicht abfließen kann über die vier Saiten, die die Welt bedeuten.

Bell legt das D-Dur-Konzert vom Zentrum her an, aus dem Herzen der Canzonetta, die bei ihm nicht Tränen-Teich ist, sondern Idyll, ein warm strömender inniger Gesang, den das Leid seines Schöpfers nicht larmoyant niederdrückt, sondern in bessere Welten entrückt. Aus diesem kunstvollen Liedton heraus schlagen auch die Ecksätze ihre Wurzeln unerwartet tief in den Humus von Volkston und Volkstanz. Trotzig stolziert die Polonaise des Kopfsatzes. Wie im Rausch quirlt das Finale. Und Sanderling assistiert, indem er aus den filigranen Holzbläserstimmen Details filtert, die Tschaikowski in überraschende Nähe zu Mahler rücken.

Verblüffend ist hier der Klang des Gewandhausorchesters um Konzertmeister Sebastian Breuninger. Bei aller Substanz ist er hell und drahtig, in immer neuen Farben leuchtend, zart, zerbrechlich im Piano, kraftvoll, aber durchlässig fürs Detail im Forte. Selten nur ist Tschaikowskis Violinkonzert anzuhören, dass für seinen Schöpfer Mozart der wichtigste Komponist aller Vorgängergenerationen war.

Dieser abgeklärte Ton ist um so erstaunlicher und beglückender, als das Gewandhausorchester und Sanderling nach der Pause Tschaikowskis Vierte ganz anders färben. Hier bringt Sanderling den einzigartigen Ockerton der Leipziger zu immer neuer Strahlkraft. So satt, so warm, so lebendig, so lüstern beinahe klingen selbst diese Streicher in tiefen Lagen nicht alle Tage.

Viele Kollegen am Pult fahren schon bei den Horn-Fanfaren des Beginns so große Geschütze auf, dass das Pulver verschossen ist, bevor die Sinfonie richtig begonnen hat. Sanderling hingegen kalkuliert die Dynamik so klug wie sinnlich: Das Diminuendo, mit dem er den bei aller Beherztheit beherrschten Beginn über die Holzbläser bis zu den pumpenden Seufzern der Streicher herunterdimmt, setzt er als Doppelpunkt vor den Rest: Eine Dreiviertelstunde in vier Sätzen aus einem Atem heraus, über alle Grenzen hinweg zwischen dem aufgewühlten Kopfsatz, dem altmodisch singenden Andantino, dem verspielten Scherzo mit den Pizzicato-Streichern und der Register-Magie, der Wucht des Finales.

Ja, vielleicht zeigen die Kotflügel auf beiden Seiten den einen oder andern Blechschaden zu viel. Vielleicht klappern Akkorde im Holz auch zu oft. Aber das bleiben nichtige Schatten auf einer mitreißenden Ganzheit, die Sanderling mit selten präzisem, unmissverständlich forderndem und doch bei aller sinnlichen Entäußerung immer ökonomischem Schlag herzustellen vermag.

Als Chef der Dresdner Philharmoniker hat er gerade erst das Handtuch geworfen, weil die Landeshauptstadt die finanziellen Daumenschrauben angezogen hat. Für Dresden ist das ein herber Verlust – für andere Orchester kann es ein Gewinn werden. Schließlich hat er ab 2018 mehr Zeit. Die Leipziger jedenfalls, der Jubel zeigt es deutlich, würden ihn gern bald wieder am Pult sehen. Und Bell gern möglichst schnell wieder daneben. Das letzte Mal war er 1998 am Augustusplatz – so lange jedenfalls sollte es nicht dauern, bis wir diesen Geiger wieder hören dürfen.

Am 19./20. Januar gibt es wieder Tschaikowski im Großen Concert, dann dirigiert Olari Elts die Erste, die „Winterträume“ , außerdem spielt Oli Mustonen Prokofjews zweites Klavierkonzert, dazu kommt Rachmaninoffs „Toteninsel“; www.gewandhausorchester.de

Von Peter Korfmacher

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