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Kultur Regional Unbekümmerte Freiheit einer Tanzgroteske
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12:18 29.10.2018
Visuell effektvoller Gegenschlag: „Geschöpfe“, choreografiert vom Leipziger Ballet-Direktor Mario Schröder. Foto: Leipzigreport Quelle: Leipzigreport
Leipzig

25 Jahre besteht sie schon, die Städtepartnerschaft zwischen Leipzig und Huston. Grund genug für das Leipziger Ballett, dieses Jubiläum in der „Houston Week“ mit einem opulenten Abend zu begehen. Drei Choreografien gab es zur „Beethoven/Ravel“-Premiere. Am Samstag in der Oper, vor vollem Saal und begeistertem Publikum.

Ein Abend, der, ganz wie es sich für solch eine Quasi-Silberhochzeit gehört, nicht nur einen Blick auf den Partner – das Huston Ballett – ermöglicht, sondern auch einen Blick zurück. Und vielleicht sogar einen kleinen in die Zukunft.

Zuerst hebt sich der Vorhang für Vergangenes. Für eine Choreografie von Uwe Scholz (1958–2004), die 1993, also vor 25 Jahren, in Leipziger uraufgeführt und jetzt aus gegebenem Anlass von Roser Muñoz und Tatjana Thierbach reanimiert wurde. Zu Beethovens 7. Sinfonie und vor einem zur Kulisse gewordenen Bild des amerikanischen Malers Morris Louis.

Zu sehen ist eine Applikation von „Beta Kappa“, es hätte aber auch irgendetwas von „Alpha-Pi“ bis „Beta Zeta“ sein können, also eines jener oft nur vage variierenden Werke, die auf dem weiten Feld der sogenannten Farbfeldmalerei wuchsen und im Fall von Morris gern den von schlängelnden Farblinien begrenzten Blick ins Offene eines weißen Nichts lenken. Vor dem dann Scholz, der auch für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich zeichnete, einen Reigen inszenierte, der die Tänzerinnen und Tänzer im steten Fluss aus Harmonie, Eleganz und Gleichmaß zu Mustern drapiert.

Uwe Scholz’ "Siebente Symphonie". Quelle: Leipzigreport

Ganz so, als schüttele Beethovens Musik mal stärker, mal sanfter an einem Kaleidoskop, in dem sich dann wieder und wieder hübsche Konstellationen ergeben. Inklusive jener Pirouetten, die die apart dauerlächelnden Tänzerinnen, von ihrem Partner wie Püppchen, wie Skulpturen in Rotation versetzt, possierlich drehen dürfen.

Was darin mitschwingt, greift dann die zweite Choreografie des Abends auf. In „Tu Tu“ erforscht Stanton Welch mit seinem Houston Ballet das berühmte Kleidungsstück, das geradezu ikonographisch für eine Kunstform steht, die oft in einer Symbiose aus innovativer Freiheit und musealem Konservatismus, beeindruckender Akkuratesse und dem Manierismus des Kunstgewerblichen changiert.

Passend dezent parodistisch wirken die metallisch-farbigen Tutus der Tänzerinnen, die gemeinsam mit ihren in so etwas wie sexy Designer-Badehosen gekleideten Kollegen (Kostüme: Holly Hynes) besagtes Changieren aufs Korn nehmen. Wie psychedelische Ufos fegen die Tutus zu klassischen Ballettfigurationen über die Bühne. Wirbeln, kreisen, kommen zur Ruhe – und selbst das schönste Pas de Deux wird dabei immer zum Solo für die Tänzerin.

Das ist, ohne ins Karikierende zu verfallen, pfiffig. Und passt auch wunderbar zu Maurice Ravels Klavierkonzert in G-Dur. Zumal, wenn von Gewandhaus-Pianist Wolfgang Manz lässig und doch kraftvoll jene teilweise schon Ragtime-haften Akkorde angeschlagen werden, zu denen einem prompt einfällt, dass aus gegebenem Anlass etwas Musik aus der „Neuen Welt“ auch mal ganz schön gewesen wäre. Nicht zuletzt als Geste gen Houston.

„Tu Tu" von Stanton Welch. Quelle: Leipzigreport

Gleichwohl bereitet das Gewandhausorchester (Leitung: Moritz Gnann) schlicht Freude. Was „Beethoven/Ravel“ zu einem Abend macht, der sich gleichermaßen hören und sehen lassen kann. Und das kulminierend im mit „Geschöpfe“ titulierten und von Mario Schröder choreografierten dritten Teil. Denn nach all dem Spitzentanz mit oder ohne Tutu, den schönen Linien gestreckter Beine mit gestreckten Füßchen die sich im filigranen Getrippel ergeben, kurz: Nach all den Darbietungen im Ballett-Body-Mass-Index folgt hier ein visuell effektvoller Gegenschlag.

Für den hat Kostümbilder Paul Zoller das Ensemble per Fat Suits in eine Truppe von Wuchtbrummen verwandelt und Schröder zur Musik von Beethoven, Stravinsky und der usbekischen Komponistin Elena Kats-Chernin eine Tanzgroteske von bizarrer Schönheit und einigem Witz geschaffen. Eine, die „Beethoven/Ravel“ auch dramaturgisch klug, nun ja, abrundet. Und das im Sinne einer selbstkritischen Reflexion der Kunstform und ihrer Konventionen.

Wie Schröder jene Püppchen-Pirouetten des ersten Teils als kreiselnde Korpulenz zitierend aufgreift, hat, neben einem eigentümlich visuellen Reiz, die Qualität eines Kommentars. In den mag man hineinlesen, was man will – dass sich im Laufe der Choreografie die tanzenden Nilpferde wieder in die gewohnten Schwäne verwandeln, ist in jedem Fall eine augenzwinkernde Metapher und ein Statement für das, was Tanz vermag.

Und wo Schröders letzte Inszenierung „Schwanensee“ noch wirkte wie der Versuch, das Beste aus einer Pflichtübung zu machen, ist „Geschöpfe“ von jener geradezu jungenhaft unbekümmerten Freiheit, die man nur allzu gern auch als Versprechen für die Zukunft nimmt.

Vorstellungen: 31. Oktober, 9. November, 19., 23 Mai Karten (15–39 Euro) u.a. bei der Ticketgalerie im LVZ Foyer (Peterssteinweg 19), über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 unter www.ticketgalerie.de oder an der Opernkasse.

Von Steffen Georgi

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