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Kultur Regional Urban Priol zu Gast im Schauspiel Leipzig
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00:19 30.10.2017
Urban Priol am Pult. Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

Im Grunde genommen hat Urban Priol ja eine ganz normale Frisur. Er hat sie nur eben nicht so gleichmäßig auf dem Kopf verteilt wie die meisten Leute: Zwei Drittel liegen brach, der Rest sorgt mit allerlei Volumen und Chaos für Ausgleich. Das Bühnenbild bei Priols Auftritt am Donnerstag im Schauspiel Leipzig (der am Freitag vor ebenso vollen Reihen wiederholt wurde) scheint dieses Konzept aufzugreifen: sehr viel Nichts, dazwischen ein unspektakulärer Stuhl, ein völlig nutzloser Tisch und ein verästeltes Stehpult.

An dieses Pult tritt der 56-jährige Aschaffenburger schnurstracks. Ehe man seine übertrieben jugendlichen Turnschuhe erfasst hat, steckt man schon mitten in den schwarz-gelb-grünen Koalitionsverhandlungen. Und überhaupt, das hat doch das schöne Land Jamaika gar nicht verdient, dass man hier eine Koalition nach ihm benennt. Erstes „Hoho, das stimmt!“-Murmeln mischt sich ins Gelächter und Applaudieren des Publikums.

Priol manövriert über die Gräben zwischen CDU und CSU, die mutlose SPD („das Borussia Mönchengladbach der Politik – ein paar schöne Spiele in den Siebzigern ...“) zu harscher Kritik an den Herren Tillich und Kurz („Den hat man vor 3,5 Jahren noch im Bälleparadies bei Ikea abgeholt“). Von da ist es ein Katzensprung zur EU und zum Brexit, zu den USA und zum Kalten Krieg, zum Klimawandel und – wie und warum auch immer – zum deutschen Fernsehen.

Priol verknüpft Absurditäten wie das deutsche Rentensystem oder die PKW-Maut zu einem großen Potpourri. Beispiel: US-Bildungsministerin Betsy DeVos fordert Waffenbesitz für Kinder, zur Verteidigung gegen Grizzlys auf dem Schulweg in Florida. Eine Stunde später fachsimpelt Äh-äh-ähdmund Stoiber über den Bären Bruno – der natürlich aus Florida stammt und über Mittelmeer und Gardasee nach Südtirol gekommen ist und mangels Grenzkontrollen nun zum Problembären in Bayern mutiert ...

Seinen 35-jährigen Bühnengeburtstag feiert Priol dieser Tage. Er weiß, was er tut, sicher. Aber jene „Veränderung“, die er im Laufe des Abends immer wieder im politischen und gesellschaftlichen Denken und Handeln fordert, fehlt seinem Programm gänzlich. So lacht sein größtenteils silberhaariges Publikum mit ihm über Ronald Reagan, der Priol einst inspirierte, „mit dem Dicken zusammen Kabarett zu machen“.

Gemeint ist natürlich Helmut Kohl, der wie im echten Leben auch auf der Bühne von Angela Merkel abgelöst wurde. Die Kanzlerin ist nun Priols geliebte Feindin, mal „unser unbeflecktes Verhängnis“, mal die ihre Partner verschlingende Gottesanbeterin. Auch sie imitiert er großartig, was überhaupt seine Stärke ist – von Jean-Claude Juncker über Franz Müntefering und Winfried Kretschmann zu Horst Köhler (im herrlichen Telefonat mit Bruce Willis).

Leider erklärt Priol oft seine Witze und führt Zusammenhänge überdeutlich aus: Trump schickt einen Flugzeugträger nach Nordkorea. „Weil die Amis aber nicht so gut in Geographie sind“, hören wir den Kapitän sagen: „Pjöngjang hat aber ein schönes Opernhaus!“ Und weil da nur wenige im Saal lachen, fügt Priol noch an: „Sind die nach Australien gefahren!“ Das haben dann alle verstanden. Der am Einlass ausgeschilderte „Gipfel der überzogenen Erwartungen“ ist gar kein Gipfel, sondern nur das Erfüllen von einfachen Erwartungen.

Von Benjamin Heine

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