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Kultur Regional Václav Havel guckt aus dem Fenster
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00:21 16.07.2018
Unter einem guten Stern: Matouš Hejl (links) und Felix Stachelhaus beim Leipziger Hörspielsommer. Quelle: Dirk Knofe
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Leipzig

Der 2011 verstorbene Václav Havel ist den meisten als Politiker und Menschenrechtler ein Begriff. Havel war sowohl der letzte Staatspräsident der Tschechoslowakei als auch der erste der Tschechischen Republik. Dass er auch ein Dramatiker und Essayist war, ist dafür etwas weniger geläufig. Am Donnerstag stellte der Komponist und Klangkünstler Matouš Hejl seinen musikalischen Essay „Václav Havel, Musikaufsatz“ mit Felix Stachelhaus beim Hörspielsommer im Rahmen des internationalen Fensters vor. Im Anschluss folgte eine Performance des Stücks „Covers“ mit Martin Žárský und Petr Tichý.

Matouš Hejls Lebenslauf ist schon recht beeindruckend, er hat sowohl am Berklee College of Music, der Academy of Performing Arts in Prag als auch am Royal College of Music in Stockholm studiert und vermag es, elektronische Klänge sehr interessant einzusetzen. Das Hörspiel „Václav Havel, Musikaufsatz“ entstand 2015 für das tschechische Radio, die deutsche Version folgte 2017. Der Auftritt steht unter einem guten Stern, denn während überall sonst in der Nähe des Richard-Wagner-Hains graue Wolken ziehen, ist es über der Bühne schön blau und fluffig.

Für das Hörspiel wurden Texte von Havel mit elektronischer Musik und Klangeffekten zusammengesetzt. Hejl und Stachelhaus beginnen sozusagen am Anfang, mit dem Alphabet. Während Stachelhaus in deutscher Sprache Sätze wie „Was ist das, was der Mensch ununterbrochen fragt?“ spricht, beginnt die Klangreise, teilweise rhythmisch, aber auch mit fast schon schrillen, hellen Tönen. Mal spiegelt Hejl den deutschen Text, mal ergänzt er ihn auf Tschechisch.

Zwischen den Texten kommen immer wieder längere, rein musikalische Passagen, in denen die beiden einfach auf der Bühne stehen. Dabei wirken sie sehr präsent, als ob sie eine Spannung halten. Zwischendurch arbeiten sie auch mit einer Loopmaschine, die die Worte vielfach durch die langsam abkühlende Luft wirft. Das leicht mechanische Element des Klangs wirkt mal auf interessante Art leicht zermürbend, während andere Komponenten neugierig stimmen. Die Reise durch das Schaffen Havels führt also auch ein wenig durch die eigene Gefühlslandschaft.

Vibratoren als Effektmittel

Nach dem Hörspiel kommen auch Žárský an der E-Gitarre und Tichý am Kontrabass dazu, während Stachelhaus die Percussion übernimmt und Hejl sich ans Zymbal setzt. Zu viert ist es schon fast etwas eng auf der kleinen Bühne, aber es passt zum Zusammenspiel der Musiker. Die kleine Discokugel, die über dem Zymbal hängt, gibt einen charmanten Kontrast zu dem schön verzierten Holz des Instruments. Hejl richtet ein paar Worte ans Publikum und erzählt von seiner Bewunderung für den Menschen Havel.

Als die Musik beginnt, wirkt es zunächst, als stelle sich jeder der Musiker erst einmal auf sein eigenes Instrument ein. Langsam kommt aber alles auf stimmige Art zusammen. Die Musiker wirken dabei völlig in sich versunken, das tut das Publikum ebenfalls. Der Sound auf der Bühne wird dröhnender und intensiver, klingt aber trotzdem sehr angenehm. Auf ein musikalisches Genre lässt sich das alles kaum festlegen, aber die Dynamikwechsel sorgen für schöne Höhen und Tiefen.

Ein Blickfang ist, dass sowohl Tichý als auch Hejl Vibratoren als Effektmittel benutzen. Auf Nachfrage erklärt Hejl, dass diese tatsächlich Produkte aus dem Erotikbereich von einer tschechischen Designerin sind. Das Bild, wie er sie wie zwei Lötkolben über das Zymbal hält, beschreibt eigentlich seinen Sound recht gut: Er ist wie ein Tüftler, der in allem potenzielle Klangkunst entdeckt. Nach insgesamt einer Stunde ist die sehr stimmungsvolle Klangreise dann zu Ende. Damit schließt sich, zumindest für den Abend, auch das internationale Fenster in die Tschechische Republik.

Der Hörspielsommer neigt sich am Wochenende mit dem Internationalen Wettbewerb seinem Ende entgegen – Samstag und Sonntag, jeweils ab 14 Uhr, im Richard-Wagner-Hain am Elsterflutbecken, Siegerehrung am Sonntag, 17.45 Uhr. Zum Finale führen Schauspielerin Anna-Lena Zühlke und Filmkomponist Frieder Zimmermann danach um 21 Uhr live José Saramagos „Geschichte von der unbekannten Insel“ auf, Eintritt frei, hoerspielsommer.de

Von Miriam Heinbuch

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