Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Weihnachten mit Gänsehautentzündung: Holly Loose liest im Anker
Nachrichten Kultur Kultur Regional Weihnachten mit Gänsehautentzündung: Holly Loose liest im Anker
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:00 16.12.2017
Vielleicht sogar so etwas wie Adventsstimmung? Holly Loose liest, Rudolf Schwarzhaupt zupft die Saiten seiner Gitarre. Quelle: Anja Pankotsch
Leipzig

Interview mit Holly Loose:

Muss das sein? Dieses Gebimmel und Gebammel – und dazu die soziale Kälte …

Ich finde: Ja, das muss unbedingt sein. Über die ach so sozialen Medien verrohen Sprache und Miteinander zusehends, wir bekommen nur noch schlimme oder traurige Dinge zu hören oder zu lesen, und anstatt sich wieder näher einander zuzuwenden, sei es der Familie oder dem halbfremden Nachbarn im Aufgang nebenan, liken wir Katzenvideos und eine Petition nach der anderen, hängen unsere Fenster mit amerikanischen LED-Geflacker voll und denken: Nu is bald Weihnachten … Ich komme mit meinem Freund und Kollegen Rudi eigentlich in die Wohnzimmer Deutschlands, um Leute zusammenzubringen und um an die gute alte Zeit zu erinnern. Mit alten Weihnachts-Geschichten aus den letzten Jahrhunderten, einer Gitarre und ein paar Weihnachtsliedern, von denen den meisten Leuten nur noch die erste Strophe im vagen Gedächtnis ist.

Und dann? Was passiert, wenn die Leute nicht mehr als die Anfangszeilen von „O Tannenbaum“ wissen? Gibt’s die Texte ausgedruckt? Wie in der Kirche?

Ja. Darüber haben wir sehr nachgedacht, und ich muss gestehen, ein besserer Gedanke als der, ein kleines Gesangsheftchen zu machen und auf den Lesungen zu verschenken, kam uns nicht. Damit sich dann aber auch der oder die Letzte traut mitzusingen, werden wir Glühwein ausschenken. So gesellt sich zur Besinnlichkeit möglicherweise auch ein wenig Unterhaltsamkeit.

Wie halten Sie all den Glühwein aus? Ich bekomme davon Schmerzen im Hirn. Sogar mächtig gewaltig.

Nun, ich schenke ja nur aus und trinke vielleicht jeden Dritten mit. Mal sehen. Ich möchte gern, dass man mich versteht, wenn ich lese. Deshalb werde ich vorsichtig sein. Nun gibt es noch ein kleines Problem, das wir aber schnell gelöst haben: Ich stehe total auf Lagerfeuer. Das ist im Wohnzimmer nun schlecht. Erst recht in einem fremden … Also haben wir in Absprache mit den jeweiligen Gastgebern beschlossen, die Lesungen nach draußen zu verlegen. Ans Lagerfeuer. In Leipzig nun sind wir weder im Wohnzimmer, noch im Garten, sondern im Anker. Aber ich bin sicher, es findet sich auch dort eine schöne Atmosphäre, die dem der Veranstaltung zugrunde liegenden Gedanken gerecht wird.

„Wie ich mich als Kind darauf gefreut habe“

Sie haben den Kollegen Rudolf Schwarzhaupt dabei. Warum gerade ihn? Zwei Männer zur Weihnacht, das irritiert doch.

Ich finde nicht, dass es irritiert. Wir kommen ja nicht im Kostüm als Weihnachtsmänner daher. Da stimmte ich Ihnen dann zu, dass es zu viel des Guten wäre. Es hat sich einfach so ergeben, wie sich’s manchmal ergibt. Rudi (der eigentlich Stephan heißt und aus Hessen kommt), spielte eines lauen Sommerabends mit dem Gedanken, mich auf meiner kurz zuvor angesprochenen Weihnachtslesereise zu begleiten, damit er auch mal wieder was von Deutschland und seinen Menschen sieht. Ich überlegte kurz und freute mich, denn dann wäre ich zumindest auf den langen Autofahrten nicht mehr so einsam. Als er mir dann noch am hochsommerlichen Lagerfeuer ein Weihnachtslied nach dem anderen auf seiner Gitarre vorspielte und ich die stärkste Gänsehautentzündung bekam, die man sich vorstellen kann, da war die Sache besiegelt.

Bei charmanter Unterhaltung zum hochheiligen Fest fühlen sich manche Menschen schnell religiös angegriffen. Wie umgehen Sie das Aufwallen negativer Emotionen?

Wat? Na, dit wern wa mal seh’n. Ich lese jetzt nicht über Jesus und Co, sondern eben einfache, alte Weihnachtsgeschichten, die besinnlich, traurig, lustig oder fröhlich sind. Und ich freue mich einfach selbst drauf, auf die schöne Zeit, wie ich mich als Kind darauf gefreut habe.

„Mir ist noch kein böser oder dummer Sachse begegnet“

Sie leben im Dresdner Tal – manche Menschen reden dort, als ob das Abendland dort besonders gefährdet wäre. Wie lebt sich’s zwischen all dem Hass?

Das weiß ich nicht, weil ich nicht dort lebe. Ich bin nur hin und wieder mal zu Besuch in Dresden und sehe dann meist auch nur unseren Proberaum. Manchmal jedoch bin ich auch im Kreis der Dresdner und da kann ich nichts Negatives feststellen. Mir persönlich ist noch kein böser oder dummer Sachse begegnet. Die kenne ich nur aus der Zeitung. Die Dresdner, die ich kenne, sind goldige und dufte Menschen, mit denen es sich zwischen all dem Hass, der da und anderswo glüht und blüht, wie auf einer Insel anfühlt. Vom Meer hört man ja auch oft nix Gutes, ob seiner Kraft, an die man gar nicht glauben mag, wenn man nur die an den Strand plätschernden Wellen sieht.

Wo haben Sie die Geschichten her? Selber geschrieben? Geklaut?

Die Geschichten habe ich nicht selbst geschrieben. Ich bin zwar im letzten Jahrhundert geboren, aber lang noch nicht so alt, um diese Geschichten geschrieben haben zu können. Dafür mussten bekannte Leute wie die Gebrüder Grimm und Hans Christian Andersen, aber auch weniger bekannte, wie Gorch Fock, oder gar gänzlich Unbekannte ihre Geschichte unters Volk gebracht haben, damit ich sie finden konnte und nun wieder vorlesen darf. Ach … da fällt mir ein: Eine Geschichte ist tatsächlich geklaut. Sozusagen die Zugabe. Die ist von einem uns beiden bekannten Kollegen von mir. Und der kommt auch aus Leipzig.

Holly Loose liest von Weihnachten, Sonntag, 19 Uhr, Anker (Renftstraße 1), Vorverkauf 16,65 Euro

Von Volly Tanner

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Seit sechs Jahren arbeitet der aus der Inneren Mongolei (China) stammende Komponist Zhebo in Leipzig. Statt der beantragten Niederlassungserlaubnis erhielt der 33-Jährige im August einen konkreten Ausreisetermin. Dieser ist nun vom Tisch.

15.12.2017

Das Museum der bildenden Künste in Leipzig sucht ein Gemälde von Arno Rink aus dem Jahr 1967, das der in diesem Jahr gestorbene Künstler „Reporterturm“ nannte. Es ist ungefähr 120 mal 180 Zentimeter groß – und verschwunden.

21.12.2017

Für die Premiere ihrer Vorweihnachts-Lesung „Schmeiß die Oma in den Ofen“ hatte die Leipziger Gruppe Das ÜZ am Mittwochabend im Neuen Schauspiel die „schlimmsten Märchen aus aller Welt“ versprochen. Und ein Kaminfeuer.

14.12.2017