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Kultur Regional Welten in Tusche: Comics von Birgit Weyhe in der Moritzbastei
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13:30 17.01.2018
Birgit Weyhe, 49, vor ihren Comic-Zeichnungen in der Moritzbastei. Quelle: André Kempner
Leipzig

Ein Chamäleon macht es sich auf einem tropischen Blatt gemütlich. Hitler greift mit knochigen Fingern nach der Weltkugel. Hier ein Mosambikaner mit resigniertem Blick. Dort drüben verwundete Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg mit Kopfverband. Wer sich derzeit im Moritzbastei-Café Barbakane umsieht, entdeckt Tuschezeichnungen an den Wänden, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Haben sie aber. Es sind Originale aus der Feder von Birgit Weyhe, eine der wenigen deutschen Comic-Künstlerinnen, die sich auch international einen Namen gemacht hat. Und was da thematisch reicht von den Kriegszeiten in Europa bis nach Afrika, das kennt auch inhaltlich eine Verbindung: Weyhes Arbeiten sind meist autobiografisch gefärbt, erzählen von Familiengeschichte oder eigener Erfahrung mit fremden Kulturen.

Weyhe ist zwar in Deutschland geboren, aufgewachsen aber in den 70er und 80er Jahren in Ostafrika, in Uganda, Tansania, Kenia. „Meine Mutter wollte eigentlich nur ihren Bruder besuchen, der in Uganda arbeitete“, erzählt Weyhe. Aber dann blieb sie, und Weyhe, die inzwischen in Hamburg lebt, kehrte erst mit 19 zurück nach Deutschland. Seither weiß sie, wie es ist, wenn man immer etwas vermisst, etwa die Gerüche, Farben und das Licht Ostafrikas, wie es ist, wenn Heimat sich nicht auf einen singulären Ort beziehen lässt. „Als Kind ist man den Eindrücken ganz anders ausgeliefert“, sagt sie, weil man mit Pflanzen spielt, die Umgebung anders erforscht.

Ihr Debüt-Band „Ich weiß“, in Fragmenten Teil der Ausstellung und vergangenen Sommer im Avant-Verlag neu aufgelegt, erzählt aus dieser Kindheit. Etwa von Chamäleons, die die Kinder in der deutschen Schule vom Baum pflücken. Nur ein schwarzer Junge spielt nie mit. Später wird Weyhe erfahren, dass die Tiere mit Mythen aufgeladen sind, Unglück bringen sollen. Realität und Mythen überlagern sich immer wieder in ihren Geschichten, gespiegelt von der Zeichnerin in symbolischen Motiven. „Es gibt immer verschiedene Wahrheiten“, hat Weyhe gelernt.

Fantasie schließt Wissenslücken

Die Wahrheit über die eigene Familiengeschichte wollte Weyhe auch herausfinden. Über die Großmutter aus Berlin, die einen ungarischen Grafen heiraten sollte. Und die Großmutter aus München, die einen Hutsalon führte. Daraus ist, ebenfalls Teil der Ausstellung, das Buch „Im Himmel ist Jahrmarkt“ entstanden. Weil sich wenig recherchieren ließ, hat sie erfunden, die Kopfverbände der Soldaten als Inspiration für die spätere Hutmode montiert. Wissenslücken hat Weyhe also mit Fantasie geschlossen – und überrascht festgestellt, dass die erfundenen Passagen längst Eingang gefunden haben in den Familien-Kanon.

Wehye hat erst spät Illustration im Zweitstudium in Hamburg studiert und über die Illustration den Weg in den Comic gefunden. Aber ihr „Vertrauen ins Bild“, wie sie es nennt, ist ebenfalls eine Kindheitserfahrung. „Ich bin in einer bildhaften Welt groß geworden. Wegen der vielen Analphabeten waren Symbole und Bilder selbstverständlich, um etwas auszudrücken.“

Der Durchbruch gelang der Zeichnerin 2016 mit „Madgermanes“, ausgezeichnet mit dem Comicpreis der Berthold Leibinger Stiftung und dem Max-und-Moritz-Preis. Ein Buch über mosambikanische Vertragsarbeiter in der DDR, über Leben in der Fremde, Alltagsrassismus, schwierige Rückkehr und Lohnbetrug. Ein Buch, das aufbaut auf zahlreichen Interviews mit Betroffenen. Und das sie nur deshalb anging, weil sie mit ihrer eigenen Biografie die Fremdheitserfahrung nachvollziehen konnte. Vom Erfolg wurde sie selbst überrascht. „Ich dachte, ich bewege mich mit einem Nischenthema in der Nischenkunst Comic.“ Dann hat sie die Wirklichkeit überholt mit der Flüchtlingswelle, Migration wurde zum Thema.

Die Afrika-Schublade

In der Moritzbastei ist der Weg vom Erstling „Ich weiß“ bis zum Erfolgsbuch „Madgermanes“ nachvollziehbar. Ausdrucksstark und atmosphärisch dicht wirkten die manchmal fast skizzenhaften Bilder schon immer, doch der Strich ist differenzierter geworden. Hinzu kam mit „Madgermanes“ eine zweite Farbe, die sie digital über die Schwarz-Weiß-Bilder legt.

Kurz vor Abschluss steht schon das nächste Werk. „German Calendar No December“ hat Weyhe mit der nigerianischen Autorin Sylvia Ofili verfasst. Wieder eine Geschichte zwischen den Welten, über den Lebensweg eines Mädchens aus Warri, das über Lagos nach Europa aufbricht. Ein Buch, das im Mai zeitgleich in Nigeria erscheinen soll.

Thematisch zieht es Weyhe mit dem anschließenden Comic voraussichtlich nach Argentinien. Um aus der Afrika-Schublade auszubrechen? Ja, sagt Weyhe, ein wenig Abgrenzung sei ihr wichtig. „Ich bekomme inzwischen absurde Anfragen und soll Empfehlungen geben oder Vergleiche zwischen afrikanischen Ländern ziehen, in denen ich nie war.“

Birgit Weyhe: „Gestern dort, heute hier“, bis Anfang März in der Moritzbastei (Universitätsstraße 9), Eintritt frei

Von Dimo Rieß

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