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Kultur Regional Weniger Filme, mehr Premieren bei DOK Leipzig
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16:06 16.10.2018
Eröffnungsfilm der Dokwoche: „Meeting Gorbachev“ von Werner Herzog (links). Der deutsche Regie-Altmeister porträtiert Michail Gorbatschow. Quelle: DOK Leipzig/ Lena Herzog
Leipzig

Das Plakat ist ein Versprechen. Erst eine Linie, dann eine mächtige, gezackte Ausbuchtung. Explosion! Womit wohl die Filme der Dokwoche gemeint sind, ansonsten ist eher Abspecken angesagt. Nicht eben weniger Reihen (9), aber weniger Filme (306 aus 50 Ländern, im Vorjahr waren es 340) einerseits, andererseits so viele Welt- (61), Europa (6) und deutsche Premieren (54) wie niemals zuvor.

Dabei ist die neue Bescheidung finanziell gar nicht so sehr nötig, immerhin schießt die Kommune Leipzig zum Sockelbeitrag von 421 300 Euro dieses Jahr 100 000 dazu. So wurde es im Sommer 2017 nach einem satten 230 000-Euro-Loch beschlossen. Mit den 521 300 Euro kann die Dokwoche künftig jährlich rechnen – beschloss unlängst die Stadt.

Das Abspecken ist wohl eine Gegenreaktion. Die guten Sparabsichten des Festivals wurden allerdings etwas übertrieben: Die Dokwochen-Zählzahl entfiel auf den taubefreien Hauptplakaten, 61. Jahrgang klingt eben unrund. Eine Abkoppelung von der DDR-Vergangenheit ist das jedoch nicht. Im Grassi, das als Spielstätte wieder dazugekommen ist, gibt es als Re-Vision Produktionen, die von Leipzig aus Kinowelt und Filmgeschichte eroberten – von Santiago Alvarez bis Michail Romm.

Etwas Ostalgie vermittelt – vermutlich aus Nichtwissen – auch die Auswahl zum Deutschen Wettbewerb: 60:40, jenes magische Zahlen-Verhältnis, nach der zu DDR-Zeiten Musik (60 Prozent Ost, 40 Prozent West) gespielt werden musste. Nun wurde die Formel geschlechtlich ausgelegt: 60 Prozent Filme von Frauen laufen in der Deutschen Reihe. Dokwochen-Programmleiter Ralph Eue beeilte sich allerdings bei der gestrigen Pressekonferenz, zu betonen, dass die Auswahl zunächst anonym, ohne Kenntnis der jeweiligen Filmemacher, dafür mit vielen Diskussionen gelaufen sei.

estivaldirektorin Leena Pasanen. Quelle: André Kempner

Reiner Zufall also, dass, wie Dokwochen-Chefin Leena Pasanen gezählt hatte, über die Hälfte der Filme im Programm von Frauen gedreht wurden. Wozu nicht die Eröffnung gehört. Die bestreiten am 29. Oktober drei Männer: Werner Herzog, André Singer und Michail Gorbatschow. „Meeting Gorbachev“ heißt das Porträt des 87-Jährigen vom 76-jährigen Altmeister Werner Herzog („Fitzcarraldo“).

Ein Coup, den viele machen wollten, sei es, gerade mit diesem Film das Festival zu starten – sagte Leena Pasanen. Der Coproduzent Mitteldeutscher Rundfunk hatte geholfen, dass der zustande kam. Werner Herzog wird dafür in Leipzig sein – und sein Film parallel zur Eröffnung in der Osthalle des Hauptbahnhof gezeigt.

Neu ist in diesem Jahr, dass der Nachwuchs-Wettbewerb Next Masters gesplittet wird: Es gibt einen für lange und einen für kurze Streifen. Die Reihe liegt Leena Pasanen am Herzen, weil da immer wieder junge Filmemacher stilistisch spielerisch mit kritischem Blick auf den Zustand der Welt sehen. Da schloss sich Ralph Eue an, der einen Trend von 2018 darin sieht, dass cineastische Quereinsteiger (bildende Künstler, Musiker) die filmischen Ausdrucksmittel erweitern. Schließlich heißt das Festival-Motto „Fordert das Unmögliche!“. Was hoffentlich nicht jenen nassen Schüttel-Hund meint, der letztes Jahr als Spot für erhebliche Irritationen sorgte.

Defa-Matinee mit sechs Filmen

Der Länderfokus befasst sich in diesem Jahr mit Litauen, es gibt Hommagen für den Leipziger Lutz Dammbeck, der seine Filme gerade in 4K digitalisiert hat, für Ruth Beckermann („Waldheims Walzer“), Jurymitglied bei Next Masters, und Werner Herzog. Die Defa-Matinee blickt mit sechs Filmen auf die Geschichte der Filmhochschule Babelsberg zurück, während die Retrospektive mit dem Rebellionsjahr 1968 in meist kurzen Filmen befasst ist – von Chris Markers „The Sixth Side of the Pentagon“ über Klaus Wildenhahns „Der Reifenschneider und seine Frau“ bis zu „Paragraf 14“ von Ulrich Weiß und Gitta Nickels „Lieder machen Leute“.

Was vor ein paar Jahren mit einem Iglu auf dem Markt begann, hat sich mittlerweile zu einem Nebenarm der Dokwoche erweitert: Neuland, die Sektion für interaktive Arbeiten. Die befindet sich in diesem Oktober in der Nikolaistraße 23 auf 700 Quadratmetern – mit zwölf Arbeiten (360-Grad-Filme, Smart-Produktion, fünf Virtual-Reality-Erlebnisse). Eine visualisiert Kafkas surrealen Alptraum „Die Verwandlung“, eine andere rekonstruiert die kriegszerstörte Hauptsynagoge von Aleppo, eine dritte versetzt aus der Sicht eines Häftlings in Stasi-Haftbedingungen.

Am Ende der 61. Dokwoche (29. Oktober bis 4. November) gibt es dann wieder die Tauben. Dafür ist zu hoffen, dass dieses Mal kein Malheur wie 2017 passiert. Da gewann „Mum’s Hair“ die Goldtaube animierter Dokfilm, obwohl er in Leipzig im Wettbewerb gar nicht hätte laufen dürfen – weil er (Reglement) keine deutsche Premiere war. Die gab es bereits im September beim Berliner REC Festival.Foto: DOK Leipzig/ Lena Herzog

Von Norbert Wehrstedt

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