Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional „Das ist ein Rockkonzert!“ – Westernhagen begeistert in der Arena Leipzig
Nachrichten Kultur Kultur Regional „Das ist ein Rockkonzert!“ – Westernhagen begeistert in der Arena Leipzig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:35 26.08.2018
Westernhagen hatte sichtlich Spaß beim Auftritt in der Arena Leipzig. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Clubatmosphäre darf man natürlich nicht erwarten, auch wenn das Format „unplugged“ eigentlich dafür gedacht ist. Oder mal war. Aber wenn es eben die großen Stars sind, die den Stecker ziehen (also aus dem E- Verstärker), kommen die Fans trotzdem immer noch in Scharen. So auch am Samstag in die mit 7000 Zuschauern fast ausverkaufte Arena, wo Marius Müller-Westernhagen im Rahmen seiner Unplugged-Tour für gute zwei Stunden seinen Großhallen-Rock im akustischen Bonsai-Format zelebrierte. Was dann erwartungsgemäß freilich immer noch eine ziemlich große Show war.

Die beginnt dann auch glatt – drunter macht man’s nicht – mit der Offenbarung des Johannes. Aus der Konserve ertönt nämlich „The Man Comes Around“, des großen Johnny Cashs grandiose Beschwörung des Jüngsten Gerichts samt Wiederkehr Jesu Christi. Und auch wenn man, bis es soweit ist, dann doch erst einmal mit Marius Müller Westernhagen vorlieb nehmen muss, der zu dem Song auf die Bühne geschlendert kommt, ist das ein starker Einstieg, der in bester Rock’n’Roll-Hybris die Erwartungslatte schön hoch legt.

Marius Müller-Westernhagen begeisterte am Samstagabend zum MTV-Unplugged-Konzert Tausende Fans in der Leipziger Arena.

Um dann in Folge nicht ohne Selbstironie den Sprung zu wagen. Und das, wie beim Großteil des Konzerts, auf einem Barhocker sitzend: „Baby, lass uns Liebe machen für ne bessre Welt“ röhrt da nämlich der Westernhagen gleich zu Beginn seine ganz eigene Erlösungsbotschaft. Und schiebt als zweiten Song passend „Hass mich oder lieb mich“ nach.

Zwei Stücke, geboten im safttriefenden Blues-Modus. Und schon hier darf man von Carl Carlton und Brad Rice begeistert sein. In einer wirklich formidablen Band die zwei formidablen Gitarristen. Was man eben gerade auch dann hört, wenn sie keine E-Gitarren spielen (müssen) in einem Konzert, das ja, bis auf das gelegentlich wohlige Wabern einer Hammondorgel, eins mit rein akustischen Instrumenten ist.

Was jedenfalls Carlton etwa auf der Slide-Guitar oder Rice immer wieder auch mal auf der Mandoline erklingen lassen, gehört zu den schönsten, schillerndsten Bonsai-Blüten dieses Konzerts.  Zumal man die Arena soundtechnisch sowohl bei den leisen Tönen wie bei den Mitsing-Krachern erstaunlich gut im Griff hat. Bei einer Akustikshow, die letztlich insgesamt 15 Musiker auf der Bühne vereint, ist das wahrlich nicht immer selbstverständlich.

Vor allem, wenn man beginnt, dem Affen Zucker zu geben. Song Nummer Vier des Abends ist „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ und die hübsche Zeile „Liebling lass uns tanzen“ hat dann auch zu diesem bestuhlten Konzert einen Aufforderungscharakter, den Westernhagen noch unterstreicht: „Es ist kein Gesetz, dass ihr sitzen bleiben müsst!“, ruft er.

Klar, kommt das Publikum der Aufforderung gern nach. So sehr, dass bald noch eine Ansage folgt: „Ich will keinen Ordner sehen, der hier Leute zurückstößt. Wenn ich das sehe, höre ich sofort auf!“ macht Westernhagen klar: „Das ist ein Rockkonzert!“

Schön garstig ruppig klingt er da. Beinahe wie in alten Tagen. Wie damals, auf dem Pfefferminz- Album (1978) zum Beispiel, das ja voll war mit rotzig gallig lebensechten Songs à la „Giselher“, „Dicke“ oder „Zieh dir bloß die Schuhe aus“, die heute vielleicht auch deshalb nicht mehr gespielt werden, weil sie erstens teilweise nicht zu den „großen Hits“ zählen. Und zweitens ja auch das Publikum mit den Jahren nicht jünger und auch nicht unbedingt dünner wurde und man gewisse piefige Sätze inzwischen selbst zu den eigenen Kindern sagt.

Was nun die neueren Sätze Westernhagens angeht, muss man nur hören, was er zu einem Song dichtete, den Ehefrau Lindiwe mit Keyboarder Kevin Bents komponierte: „Ich brauch Luft um zu Atmen/Brauch zum Leben Musik/Ich brauch dich um zu lieben/Einen Gott brauch ich nicht…“ Na, Halleluja!

Reden wir nicht davon, wie sich Johnny Cash für den letzten Satz den deutschen Kollegen zur Brust nehmen würde, sondern davon, wie sich eben Alterswerke unterscheiden können. Westernhagen, der im Dezember 70 Jahre wird, ist auf den Gipfeln seines fraglos verdienten Erfolgs. Auf denen aber zugleich mal schnell der Sauerstoff der Kreativität dünner wird in Ermangelung echter Berg- und Talfahrten auf jenen Straßen aus „Dreck gebaut“, die ja statt Katzengold die echten Song-Nuggets bereithalten.

Hört man deshalb aus der nach wie vor packend sehnsüchtigen Rockigkeit von „Mit 18“ auch ein wenig Resignation heraus? Oder liegt das nur an den fehlenden E-Gitarren? Wie auch immer: am insgesamt hohen Entertainment-Level dieses Konzertes ändert das nichts. Eine runde, kurzweilige Show, inklusive der obligaten kleinen Statements mit Blick auf politische Schieflagen und den „Operetten-Clown“ in Amerika (Einmischen, Schnauze aufmachen, Echos zurückgeben).

Okay, das mit den Echos hat er nicht gesagt, der Marius Müller Westernhagen. Aber natürlich „Freiheit“ gesungen. Zum Schluss eines begeistert bejubelten Konzerts.

Steffen Georgi

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Bei den Leipziger Thomanern singen immer mehr Jungen, die nicht aus der Messestadt kommen. Bei der Vorstellung des Jahresprogramms am Donnerstag wurde außerdem deutlich, dass zur Motette am Freitag weniger Menschen kommen als früher. Das möchten die Thomaner ändern.

23.08.2018

Die Sperrstunde in Leipzig ist Geschichte. Am Mittwoch hat der Stadtrat die Regelung gekippt. Unter dem Motto „Aus Freude am Tanzen“ feierte die Clubszene die Entscheidung vor dem Rathaus.

22.08.2018

Karibische Rhythmen, leidenschaftlicher Gesang, temperamentvoller Tanz: „Carmen la Cubana“ ist am Dienstagabend in der Oper Leipzig gefeiert worden. Die Inszenierung mit kubanischen Künstlern hat alles, was eine unterhaltsame Show braucht. Luna Manzanares begeistert in der Titelrolle.

22.08.2018