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Kultur Regional Zurück in die Zukunft: Finale der Nato-Reihe „Warschauer Punk Pakt“
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18:44 10.12.2017
Alexander Pehlemann in der Galerie KUB. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Im Punk gehörte es zur subkulturellen DNA: Auf Zukunft hatte man weder Bock noch den Glauben an sie. Für die einen (die westlich des Eisernen Vorhangs) gab es überhaupt kein Morgen, für die anderen (die im Osten) ein Zuviel davon. „No Future!“ und „Too much Future!“ waren die Slogans, zwischen denen kein Widerspruch lag. Vielmehr stellten sie lediglich die Einprägungen auf den zwei Seiten ein und derselben Medaille dar. Für jeden noch halbwegs dialektisch geschulten Ostdeutschen (besser: Osteuropäer) eine ganz plausible Sache.

Aber wie es so ist: Irgendeine Zukunft trifft doch immer ein. Und mit ihr dann der nicht selten seltsam gerührte Blick zurück auf jene Vergangenheit, in der man auf die Zukunft pfiff. Eine Vergangenheit, an deren politischen Enge und geistigen Ödnis man sich im Osten gefährlich aufreiben konnte, aber von der man dann eben doch auch zehrt, geprägt ist; von der man der Nachwelt berichten will.

Etwa in Buchform. „Warschauer Punk Pakt. Punk im Ostblock 1977-1989“ – wie eine Veranstaltungsreihe des Soziokulturzentrums Nato, die jetzt zu Ende gegangen ist, heißt auch der Sammelband, der jetzt eine Chronik der Ereignisse zwischen Analyse, Subkulturgeschichte und Anekdoten-Kladde versucht. Am Samstag wurde das Buch in der Galerie KUB vorgestellt.

Wobei das nur bedingt stimmt – denn das Buch, es ist noch nicht fertig. Oder wie es Moderator und Herausgeber Alexander Pehlemann vom Zonic-Magazin launig formuliert: „Um es mit den Worten der Deutschen Bahn zu sagen: Wir haben da Verzögerungen im Betriebsablauf.“

Die ewige männliche Erinnerungsoberhoheit

Nun gut, immerhin kein Personenschaden. Und so saßen sie dann auch gemütlich beisammen, die einstigen Szene-Protagonisten und jetzigen Autoren Henryk Gericke (Schriftsteller, Gallerist, Dokumentarfilmer), Jürgen „Chaos“ Gutjahr (Ex-Wutanfall, Pffft) und Konstanty Usenko (der russisch-polnische Zeitzeuge für die reizvolle perspektivische Osterweiterung des Abends).

Die Frage nun, welchem Umstand es sich verdankt, dass auf dem Podium eine Geschlechterzusammensetzung wie beim erzgebirgischen Kleinstadt-CDU-Stammtisch herrscht, stellt dann leider auch niemand aus dem Publikum, als die Möglichkeit zum Fragen gegeben wird. Und nein, man will das nicht immer so hoch hängen – aber mal im Ernst: Diese ewige männliche Erinnerungsoberhoheit wird auf Dauer öde. Und so derart gänzlich ohne Frauen ging ja dann auch der Punk im Osten nicht ab. Vielleicht streift diesen Aspekt ja das Buch selbst. Man wird es sehen.

Neugierig auf die Publikation macht die KUB-Präsentation in jedem Fall. Vor allem Gutjahrs Manuskript-Part gelingt es, auch atmosphärisch etwas greifbar zu machen von jener DDR-Zeitgefühl-Beschaffenheit, ob der man sich wie unter Schlacke lebendig begraben fühlte und sich eine mitunter schon irrsinnige Energie und Wut stauen konnte: „Ich schrie so lange und so laut, bis es nicht mehr ging“, erinnert sich Gutjahr: „Das Schönste und Beste für mich war Krach und Erschöpfung durch Krach.“

Kolbenfresser, Brecheisen und Rostfraß

Und das in einem System, in dem „Ruhe als erste Bürgerpflicht“ zur Grundmechanik gesellschaftlicher Angepasstheit gehörte. Tatsächlich war dafür Punkrock geradezu zwangsläufig Kolbenfresser, Brecheisen und Rostfraß. Selbst eingedenk jener Bands, die irgendwann staatlich geschmiert ins ideologisch Konformere glitten.

Auch das gehört zur Geschichte, die in diesem Buch erzählt wird. Im Januar soll die Verzögerung im Betriebsablauf behoben sein. Man darf gespannt sein. Was den Samstag anging, konnte man die Reise zurück in die alten Tage auch noch musikalisch angehen: Im UT Connewitz mit Bands jener alten Tagen, die sich damals eher nicht träumen ließen, irgendeine Zukunft zu haben, in der sie die alten Tage wieder aufleben lassen würden.

www.warschauer-punkpakt.de

Von Steffen Georgi

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