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Kultur Weltweit „Aus dem Nichts“ – Wenn Terror ein Leben zerreißt
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06:15 23.11.2017
„Mein Mann hat niemanden umgebracht. Er wurde umgebracht“: Katja Sekerci (Diane Kruger) sucht Gerechtigkeit. Quelle: Warner
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Hannover

Katja hat die junge Frau genau gesehen, die das Fahrrad vor dem Büro ihres Mannes abgestellt hat. Sie hat der Frau zugerufen, sie möge ihr Gefährt besser abschließen in dieser Hamburger Gegend, sonst werde es geklaut. Nicht nötig, sie sei nur kurz weg, hatte die Frau geantwortet und sich dann schnell verdrückt. Und von diesem Moment an in Fatih Akins Film „Aus dem Nichts“ ahnen die Zuschauer, dass Gefahr droht.

Ein besitzloses Fahrrad in einer Geschäftsstraße mit vielen türkischstämmigen Bewohnern? Genau so ist es doch passiert am 9. Juni 2004 vor einem Friseurgeschäft in der Keupstraße in Köln-Mülheim. Auf dem Gepäckträger war eine ferngesteuerte Nagelbombe platziert. 22 Menschen wurden damals bei der Detonation verletzt, einige schwer. Erst mehr als sieben Jahre später wurde der Anschlag der rechtsterroristischen Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) zugeordnet. Bis dahin sprach die Polizei von den „Döner-Morden“.

Die Ermittler durchforsten Katjas Haus

Als Katja (Diane Kruger) am Abend zurückkommt, zuckt überall Blaulicht, die Straße ist abgesperrt hinter rot-weißen Bändern, die Polizei sichert den Tatort und will niemanden durchlassen. Katja rennt trotzdem in dunkler Vorahnung los und muss mit Gewalt gestoppt werden. Ihr Mann Nuri (Numan Acar, sonst gerne als Terrorist besetzt, etwa in der Serie „Homeland“) und ihr kleiner Sohn Rocco sind tot. Die Explosion hat Katjas Leben zerrissen.

In knappen, präzisen Skizzen haben wir zuvor gesehen, wie Katja sich ihre Existenz aufgebaut hat, gedreht im Stil von privaten Familienvideos: Ihren Mann Nuri, einen Haschisch-Dealer, hat Katja noch im Knast geheiratet. Dann haben die beiden zusammen neu angefangen, die tätowierte Blonde in den schwarzen Klamotten und ihr Ehemann mit krimineller Vergangenheit, der jetzt mit einem Übersetzungsbüro sein Brot verdient. Der gemeinsame Sohn Rocco ist ein kleiner Junge mit Brille und Geige. Die Geschichte einer erfolgreichen Resozialisierung: Diese Kleinfamilien ist nicht so viel anders als andere auch, egal, was früher war.

Und was tun die Ermittler? Sie durchforsten Katjas Haus auf der Suche nach Verbindungen zum Drogen- und Rotlichtmilieu. Sie vermuten die Täter im kurdisch-türkischen Umfeld. Sie behandeln Katja so, als sei sie selbst schuld. Mit so einem Gatten müsse man mit allem rechnen. Und wie, bitte, haben Katja und ihr Mann die Raten für ihr Eigenheim aufbringen können? „Mein Mann hat niemanden umgebracht. Er wurde umgebracht“, sagt die immer blasser werdende Witwe. Aber niemand hört ihr zu, nicht einmal ihre eigenen Eltern stehen hinter ihr.

Bis dahin kann man Fatih Akins Drama voll und ganz folgen - was auch an Diane Kruger in ihrer ersten deutschsprachigen Kinorolle liegt. Sie hat bislang in Hollywood und Frankreich gedreht. Mit diesem Auftritt sicherte sie sich in Cannes die Darsteller-Palme. Ihre Katja ist umhüllt von stiller Verzweiflung. Beinahe stumm versinkt sie in ihren Schmerz und kuschelt sich nachts in die Bettwäsche ihres Sohnes. Aber da ist auch eine letzte Entschlossenheit in ihr, ihre Familie nicht in den Dreck ziehen zu lassen. Sie will Gerechtigkeit, soweit das eben möglich ist.

Dann geht ganz schnell, was in der Wirklichkeit so lange gedauert hat und mit dem Prozess gegen Beate Zschäpe immer noch andauert: Ein rechtsextremistisches Pärchen wird verhaftet. Fatih Akin, der sonst so dynamische Regisseur, zieht vor Gericht. Er lässt in seinem mit Hark Bohm verfassten Drehbuch Anwälte und Richter anscheinend glasklare Beweise drehen und wenden und geht in die Details, als wäre das hier ein Fall für einen Gerichtsfilm - bis das Pärchen zum Entsetzen Katjas freigesprochen wird.

Der letzte Teil des Films bleibt fragwürdig

Als Zuschauer reibt man sich verblüfft die Augen: Wäre so eine Entwicklung bei dieser erdrückenden Faktenlage tatsächlich möglich? Oder biegt Akin den Fall zurecht, damit Katja wieder die Freiheit zum Handeln erhält? Hält es Akin einfach nicht mehr aus in diesen miefigen Räumen und bricht deshalb auf ans weite griechische Meer?

Mit dem überraschenden Freispruch verliert „Aus dem Nichts“ jedenfalls seine politische Dringlichkeit. Bis eben war für Akin, den Sohn türkischer Eltern, „Aus dem Nichts“ noch eine sehr persönliche Angelegenheit, so wie die meisten seiner Filme. Nun trifft er wieder seine Entscheidungen als Regisseur, dem das große Drama inklusive einer reichlichen Portion Tragik wichtiger ist als die Rücksichtnahme aufs Wahrscheinliche.

In drei Kapitel hat Fatih Akin seine Geschichte unterteilt. Sie heißen „Die Familie“, „Gerechtigkeit“ und „Das Meer“. Der Mittelteil im Gericht ist sicher der schwächste davon - und der letzte Teil der fragwürdige. Katjas Verzweiflung verwandelt sich in grenzenlose Wut. Sie wird zur Rächerin in eigener Sache. Jeder Zuschauer muss für sich selbst entscheiden, wie weit er bereit ist, mit ihr zu gehen.

Von Stefan Stosch / RND

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