Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Weltweit Autor Rietzschel: „Das Konzert in Chemnitz trägt noch zur Spaltung bei“
Nachrichten Kultur Kultur Weltweit Autor Rietzschel: „Das Konzert in Chemnitz trägt noch zur Spaltung bei“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:05 03.09.2018
Lukas Rietzschel wurde 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen geboren. Sein Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ erscheint am 7. September im Ullstein-Verlag und erzählt über knapp 20 Jahre hinweg die Geschichte von zwei Brüdern, die in der Lausitz aufwachsen. Beim Lesen spürt man die Leere der Landschaft vor der Kulisse der Tagebauruinen aus DDR-Zeit. Die Perspektivlosigkeit treibt einen der Brüder auf Abwege. Rietzschel studierte Politikwissenschaften, Germanistik und Kulturmanagement. Seine Masterarbeit ist der Entwurf für ein jüdisches Museum in Görlitz, wo er heute lebt. Quelle: Gerald von Foris

Herr Rietzschel, Ihr Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ handelt von zwei Brüdern in der ostdeutschen Provinz. Kennen Sie dieses Bedürfnis?

Das Gefühl, zurückgelassen zu sein, kann ich sehr gut nachvollziehen. Perspektivlosigkeit begegnet einem hier an jeder Ecke, zum Beispiel in Form von Arbeitslosigkeit. Zum Glück hat mir meine Familie geholfen, diese Pfade der Hoffnungslosigkeit nicht weiterzugehen – anders, als es bei einigen meiner ehemaligen Schulkameraden der Fall war. So sind viele Erfahrungen aus meinem direkten Umkreis in den Roman eingeflossen.

Was ist Ihnen bei den Bildern aus Chemnitz durch den Kopf gegangen?

Ich habe nur darauf gewartet. Viele Menschen hier sind von zwei Gedanken geprägt: Sie glauben, Ausländer seien Kriminelle und der Staat sei handlungsunfähig. Da braucht es nur einen Funken, damit dieser subversive Hass in Gewalt umschlägt.

Es wird jetzt vielerorts das Stereotyp vom tumben Ostprovinzler beschworen. Ärgert Sie das?

Ja, denn es ist platt. Klar, Journalisten müssen zuspitzen. Da kommt solch ein lächerlicher Hutbürger von einer Pegida-Demo, der wie eine Karikatur wirkt, gerade recht. Aber es gibt Ursachen, die solche Menschen hervorbringen, und damit setzen wir uns zu wenig auseinander. Deshalb habe ich einen Roman geschrieben, der über eine große Zeitspanne angelegt ist und erzählt, was auf dem Weg dahin passiert.

Sie schreiben über sich auflösende Dorfstrukturen. Wie kann die Angst vor dem Verlust der Heimat in Hass umschlagen?

Viele Menschen haben das Gefühl, die Deutungshoheit zu verlieren. Sie sehen, wie der Arzt, der Bäcker, die Post im Ort schließen und wie ihre Verwandten darunter leiden. Die BRD konnte ihr Wohlstandsversprechen gegenüber vielen nicht einlösen – die DDR wiederum, die einmal Heimat war, wird auf Stasi und den Mangel an Südfrüchten reduziert und somit tabuisiert. Dieses Gefühl des Heimatverlustes auf verschiedenen Ebenen resultiert in einer grundlegenden Ablehnung des Systems.

Am Montag wird es in Chemnitz ein großes Konzert mit Musikern wie den Toten Hosen geben. Wie finden Sie das?

Ich fürchte, das trägt noch zur Spaltung bei. So ein solidarisches Zeichen der Zivilgesellschaft ist fantastisch. Allerdings bestätigt es den Eindruck der Enttäuschten, dass die Künstler nur das System unterstützen. Das rührt noch aus DDR-Zeiten her, da waren Künstler entweder regierungskonform oder oppositionell. Zudem bezweifle ich leider, dass der Slogan der Veranstalter „Wir sind mehr“ stimmt, wenn ich mir einige Landstriche in Sachsen so ansehe.

Es wird gerade diskutiert, ob Chemnitz seine Bewerbung als europäische Kulturhauptstadt 2025 zurücknehmen soll. Würden Sie das befürworten?

Nein, solch eine Kulturhauptstadtbewerbung belebt eine Region doch eher, das hat sich 2010 im Ruhrgebiet gezeigt. Die Auseinandersetzung mit Geschichte und Kultur schafft neue Perspektiven.

Wie sind Sie zur Literatur gekommen?

Ich komme nicht aus einem bildungsbürgerlichen Haushalt, bei uns zu Hause gab es keine Romane, und in der Schule wurde mir das Lesen verleidet. Als ich 16 war, hat mich meine erste Freundin verlassen. Meine Eltern konnten mir nicht helfen, ich habe mich in meinem Zimmer eingesperrt und dachte, die Welt sei zu Ende. Dann habe ich gegoogelt, was bei Liebeskummer hilft. Auf gutefrage.net wurde mir Anna Karenina empfohlen. Ich habe das Buch bestellt, ohne irgendetwas darüber zu wissen. Und Tolstoi hat mir tatsächlich geholfen.

Von Nina May/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Rap-Star Eminem hat überraschend ein neues Album veröffentlicht. Auf „Kamikaze“ kritisiert er unter anderem Filmproduzent Harvey Weinstein und Donald Trump – sagt aber auch, dass er eine frühere Schimpftirade auf den US-Präsidenten inzwischen bereut.

03.09.2018

Gute Nachrichten für Fans von U2: Die Band kann ihre Tournee nach dem Stimm-Aussetzer von Sänger Bono fortsetzen. Und auch für die Besucher des abgebrochenen Konzerts in Berlin gibt es Neuigkeiten.

03.09.2018

Von Rooney Mara als unbeirrbare Apostelin Maria Magdalena bis zu Guillermo del Toros märchenhaftem “Pans Labyrinth“, von Klassikern von Billy Wilder und Stanley Kubrick bis zu Riesenrobotern, die gegen Alienmonster kämpfen, und von einem misslungenen Nina Simone-Biopic bis zu Aaron Sorkins Regiedebüt: die Filmtipps von Matthias Halbig.

02.09.2018