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Kultur Weltweit Britischer Krimi: “Die Frauen am Fluss“ von Katherine Webb
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16:01 01.07.2018
Für Autorin Katherine Webb ist das einst florierende, heute verschlafene Industrieörtchen Slaughterford die perfekte Romankulisse. Quelle: Adrian Sherratt/Diana Verlag
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Slaughterford

Es kommt nicht gerade Hektik auf bei der Fahrt nach Slaughterford. Der Weg in das südenglische Dorf in der Grafschaft Wiltshire führt entlang an weiten Feldern, an den typisch britischen Steinmauern dazwischen, kurz vor dem Ziel über Single-Track-Roads, jene schmalen Straßen, auf denen sich Fahrzeuge in Zentimeterabständen aneinander vorbeischlängeln müssen.

Der einzige Nervenkitzel hier scheint die Frage, ob hinter der nächsten Kurve womöglich Gegenverkehr naht. In dieser Szenerie hat die englische Bestsellerautorin Katherine Webb ihren neuen Roman angesiedelt, „Die Frauen am Fluss“ – wenn auch fast 100 Jahre früher.

Slaughterford, ein verschlafenes Nest am Rande der Bilderbuchlandschaft der Cotswolds, war einmal ein richtiger kleiner Industriestandort. Zwei Papiermühlen zogen im frühen 20. Jahrhundert Arbeitskräfte aus der gesamten Umgebung an. Wer hier keinen Job fand, arbeitete alternativ in der Brauerei, die zwar längst geschlossen ist, deren Turm aber noch heute die wenigen Gebäude des Dorfes überragt.

Katherine Webb "Die Frauen am Fluss" Rundgang durch Slaughterford. Quelle: Michael Pohl

“Die Frauen am Fluss“ führt Leser genau in diese Phase, ins Jahr 1922. Die Londonerin Irene zieht in dem Roman in eben dieses Slaughterford, ein ihr zunächst unbekanntes Dorf. Wenig später wird ihr Mann, ein angesehener Gutsherr, ermordet.

Die Einwohner verdächtigen einen Kriegsheimkehrer, doch Irene ist von dessen Unschuld überzeugt. Sie macht sich gemeinsam mit dem Stallmädchen Pudding auf, den wahren Mörder zu stellen. Dabei decken sie ein dunkles Geheimnis auf.

Zu Beginn wirkt Webbs neuer Roman eher wie seichte Literatur in bestem “Downton Abbey“-Stil. Doch “Die Frauen am Fluss“ wird von Seite zu Seite mehr: ein intelligenter Krimi. Er ist gespickt mit raffinierten Ermittlungen, die weit in die Vergangenheit reichen – fast schon so, als hätte Agatha Christie ihre Hände mit im Spiel gehabt.

Reise in die Wahlheimat

Für Katherine Webb ist der Roman in erster Linie eine Reise in ihre Wahlheimat. In der südenglischen Grafschaft Kent geboren, in Hampshire aufgewachsen, lebt die 41-Jährige seit sieben Jahren nur ein paar Meilen entfernt von Slaughterford in einem alten Landhaus.

Hier schreibt sie ihre Romane am Laptop mit Blick auf den Garten, empfängt Gäste mit selbst gebackenem Victoria Sponge Cake, einem urbritischen Kuchenrezept. Und hier geht sie regelmäßig spazieren. “Auf einer meiner Touren habe ich Slaughterford entdeckt“, erinnert sie sich. Und dabei hat sie sich in den heute etwas abgehängten Ort verguckt.

“Ich mag diese Gegend sehr”, schwärmt Webb in ihrer eher bescheidenen Art beim Rundgang durch Slaughterford. “Und ich liebe alte Gebäude.“ Webb studierte in Durham Geschichte und arbeitete später mehrere Jahre in noblen Herrenhäusern. Nicht zuletzt deswegen spielen viele ihrer Romane im England vergangener Zeiten, als der Adel noch den Alltag bestimmte.

Zum “Afternoon tea“ serviert Katherine Webb in ihrem Haus in Slaughterford selbst gebackenen Victoria Sponge Cake. Quelle: Adrian Sherratt/Diana Verlag

Für die Britin ist das fast wie eine Art Arbeitsauftrag: “Ich möchte den Lesern immer etwas mitgeben“, sagt sie. Und gerade das 20. Jahrhundert sei in historischer Hinsicht ungemein faszinierend.

Auf der Manor-Farm am Ortsausgang von Slaughterford luken Pferde aus den Ställen. Die Scheune aus dem 12. Jahrhundert wirkt, als sei sie seit Jahren verlassen. Doch sie wird bis heute genutzt. Das Anwesen war Vorbild für einige Szenen in Webbs neuem Roman, ebenso die alte Kirche in der Ortsmitte, auch die heute vom Einsturz bedrohten Hallen der früheren Papierfabrik. Und natürlich der Fluss, der mal reißerisch, mal behäbig durch Slaughterford und die südlichen Cotswolds fließt.

Wie kommt man darauf, ausgerechnet in dieser friedlichen Umgebung einen Mord zu begehen, selbst wenn es nur ein literarischer ist? “Die wirklich dunklen Geschichten findet man oft in solchen Gegenden“, ist sich Webb sicher. Wirklich schwer sei es nicht gewesen, sich das alles auszudenken. “Sehen Sie sich nur an, wie viel Mord und Totschlag es heutzutage allein in den Fernsehnachrichten gibt.“

Ländliche Idylle, überschattet von Verbrechen

Der Autorin genügt schon der Gang über den Friedhof des Dorfes, um Anhaltspunkte für tolle Geschichten aufzuschnappen. Damit begnügt sie sich aber nicht – die Historikerin verbringt vor dem Schreiben viel Zeit mit der Recherche. Für ihren Vorgängerroman “Das Versprechen der Wüste“ reiste sie in den Oman, für “Die Frauen am Fluss“ waren es die Gespräche in Slaughterford, die sie inspirierten.

Ihr neues Buch wirkt wie die Vorlage für einen Fernsehkrimi, ein Sonntagabendkrimi mit schönen Landschaftsaufnahmen. Tatsächlich aber ist keiner ihrer Romane bislang verfilmt worden. “Ich fände das tatsächlich großartig“, schwärmt Webb. Schließlich schätze sie Fernsehserien wie “Inspektor Barnaby“ und “Lewis“, und ganz in diesem Rhythmus leitet sie auch ihre Leser in eine ländliche Idylle mit durchaus sympathischen Charakteren, überschattet vom Verbrechen.

Webbs nächster Roman ist bereits in Arbeit. Er spielt in Bath, Jane Austens Heimatort. Quelle: Adrian Sherratt/Diana Verlag

Mancher Kritiker sieht in Katherine Webb eine Art neuer Jane Austen, doch die Autorin winkt lachend ab: “Ein Schriftsteller darf niemanden kopieren“, sagt sie. Falls sie überhaupt einen Lieblingsautor habe, zu dem sie aufblicke, sei dies eher Thomas Hardy.

“Die Frauen am Fluss“ ist Katherine Webbs siebter Roman. Viele der Vorgänger sind in mehr als zwei Dutzend Ländern erschienen, mehrere schafften es in die Bestsellerlisten. Und auch ihr Neuling ist in Großbritannien bereits erfolgreich gestartet. Für Webb geht es weiter auf Heimaterkundung.

Ihr nächster Roman ist bereits in Arbeit. Er spielt wieder in der Umgebung – in Bath, einem Stück Weltkulturerbe und Jane Austens Heimatort. Ob dort ein Mord geschieht? Die Autorin verrät es noch nicht.

Katherine Webb: “Die Frauen am Fluss“, Diana Verlag, 496 Seiten, 20 Euro.

Von Michael Pohl

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