Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Weltweit Bruno Ganz ist tot – Ein melancholischer Beobachter
Nachrichten Kultur Kultur Weltweit Bruno Ganz ist tot – Ein melancholischer Beobachter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:54 16.02.2019
Bruno Ganz ist im Alter von 77 Jahren verstorben. Quelle: imago/ZUMA Press
Hannover

Selbst als Engel war sich dieser Mann seiner Sache nicht ganz sicher. Der große Schauspieler Bruno Ganz war eigentlich eher ein Anti-Schauspieler: Statt seine Rollen mit sonorer Stimme gestenreich in Besitz zu nehmen, wie es für die meisten seiner Kollegen die Regel war, war es beim ihm oft, als würde er sich und seine Umgebung beim Spielen verwundert beobachten. Ganz legte nicht viel Wert darauf, Figuren möglichst lebensprall auf die Bühne zu bringen – er machte sie lieber durchlässig für etwas, was dahinterlag: Mit seiner nie sehr lauten, bei aller Melodik stets aufgerauten Stimme konnte er die schützende äußere Hülle einer Persönlichkeit abschmirgeln und den Blick freilegen auf ihr Inneres.

Lesen Sie hier: Bruno Ganz ist tot

Der Autor Peter Handke hatte Ganz vor Augen, als der das Drehbuch zu dem Film „Der Himmel über Berlin“ von 1987 schrieb. Der Schauspieler spielt darin einen Engel, der es müde ist, das Schicksal der Menschen immer nur zu beobachten, und schließlich selbst als Mensch in die Welt geworfen wird. Der melancholische Beobachter, der verzweifelt wissende Menschfreund: Im Film fand der Theatermann die Rolle seines Lebens. Wie sein Management jetzt mitteilte, ist Bruno Ganz am Sonnabend im Alter von 77 Jahren in Zürich gestorben.

In Zürich geboren, in Zürich gestorben

In Zürich wurde Ganz auch am 22. März 1941 geboren und nach dem Abitur zum Schauspieler und Sanitäter ausgebildet. 1962 trat er sein erstes Theaterengagement am Jungen Theater in Göttingen an, zwei Jahre später wechselte er nach Bremen. Dort lernte er die Regisseure Peter Zadek und Peter Stein kennen, mit denen er bald Theatergeschichte schreiben sollte. Ab 1970 arbeitete Ganz mit ihnen und weiteren Regisseuren wie Klaus Michael Gruber an der jungen Berliner Schaubühne zusammen, zu deren Ensemble auch Otto Sander und Angela Winkler gehörten. Die als Kollektiv organisierte, politisch aktive Schaubühne, die bahnbrechende Aufführungen von Klassikern und neuere Stücke von Thomas Bernhard, Peter Handke und Edward Bond spielte, wurde während der Siebziger- und Achtzigerjahre zum prägenden Theater der Bundesrepublik.

Mit dem Regisseur Peter Stein verband Ganz auch über seine Schaubühnen-Zeit hinaus eine enge Zusammenarbeit. Zusammen waren beide regelmäßige Gäste bei den Salzburger Festspielen, und auf der Expo 2000 in Hannover sollte Ganz den alten Faust im monumentalen Goethe-Projekt des Regisseurs spielen. Das war schon für die Schaubühne geplant und wollte und den vollständigen Text (nebst einiger Regieanweisungen) in einem 22-stündigen Marathon auf die Bühne bringen. Doch bei der Probenarbeit in Hannover brach sich Ganz das Becken, der als junger Faust besetzte Christian Nickel übernahm auch diesen Part – und der mit Spannung erwartete „Faust“ sorgte vor allem für Enttäuschung.

Der Hitler in „Der Untergang“

Ganz hatte derweil seine Arbeit vom Theater mehr und mehr zum Film verlagert. Nach dem Erfolg von „Der Himmel über Berlin“ drehte er mit dem Regisseur Wim Wenders die Fortsetzung „In weiter Ferne, so nah!“. Im Jahr des Expo-Faustes landete er mit „Brot und Tulpen“ als melancholischer Kellner einen Kinohit, der vier Jahre später medienwirksam noch übertrumpft wurde: In dem von Bernd Eichinger produzierten Film „Der Untergang“ über die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs spielte er Adolf Hitler als einen von Parkinson, Größenwahn und Selbstzweifeln zerfressenen Diktator. Zuletzt war Ganz in dem Horror-Thriller „The House that Jack Built“ von Lars von Trier zu sehen, der im Mai 2018 beim Filmfestival in Cannes Premiere hatte.

Regelmäßig war der Schauspieler in Lesungen und als Rezitator bei Konzerten zu erleben. Bei den Salzburger Festspielen sollte er im vergangenen Sommer bei der „Zauberflöte“ in einer von Regisseurin Lydia Steier hinzugefügten Rolle als Erzählers mitwirken. Damals musste er schon gesundheitsbedingt absagen. Seinen Part übernahm sein österreichischer Kollege Klaus Maria Brandauer, der auch diese Rolle mit einem Ausrufezeichen versah. Bruno Ganz hätte wohl lieber Fragezeichen gesetzt.

Große Anteilnahme am Tod von Bruno Ganz

Einen vorzeitigen Nachruf hat schon der 1989 verstorbene Dramatiker Thomas Bernhard hinterlassen, als er dem Schauspieler sein Stück „Die Jagdgesellschaft“ widmete: „Für Bruno Ganz, wen sonst“. Am Samstag würdigten zahlreiche Politiker und Kollegen den Schauspieler: „Mit Bruno Ganz verlieren wir eine Ikone des deutschsprachigen Theaters und einen herausragenden Könner auch der internationalen Schauspielkunst“, teilte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) mit. „Selbst in den boshaften Rollen schimmert bei Bruno Ganz und seinen Charakteren immer Menschlichkeit durch“, sagte der Schweizer Bundespräsident Alain Berset: „Das macht sein Wirken und Werk so bedeutsam, weil es differenziert und dadurch verstörend wirkt.“ Berlinale Direktor Dieter Kosslick sagte, er habe das Gefühl, dass nichts im Weg sein soll, „wenn er auf seinem Weg ist in den Himmel über Berlin“.Und Schauspieler Ulrich Matthes zeigte sich „bestürzt und sehr traurig“ über den Tod seines „großen, wenn nicht größten Kollegen“ und schloß eine Bitte an: „Hören Sie Bruno Ganz liest Hölderlins ,Diotima’ auf YouTube.“

Von Stefan Arndt/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Bruno Ganz zählte zu den Größten seiner Zunft. Freunde und Wegbegleiter trauern nun um den Schweizer Schauspieler. Auch Vertreter aus Politik und Kultur reagieren „bestürzt“ auf den Tod des Mimen.

16.02.2019

Der Schriftsteller Max Goldt und der Zeichner Stephan Katz sind Deutschlands beliebtestes Comic-Duo. Seit 22 Jahren sammeln sie als „Katz & Gold“ Auszeichnungen und Fans für ihre überdrehten Strips. Ein Interview über Komik ohne Pointe und warum Merkel sich besser für Comics eignet als Nahles.

18.02.2019

Künstler Jonathan Meese, der ab Sonntag Lübeck mit seinen Ausstellungen „Dr. Zuhause: K.U.N.S.T. (Erzliebe)“ in ein Gesamtkunstwerk verwandeln will, spricht im Interview über Künstlerwerdung, Erfolg – und über eine dicke, fette Spinne.

16.02.2019