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Kultur Weltweit Cannes – Die Nummer eins in Nöten
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21:38 18.05.2018
Steht vor schwierigen Aufgaben: Der Direktor des Cannes Film Festival, Thierry Frémaux. Quelle: dpa
Cannes

Begegnungen mit Kinoprominenz sind bei Festivals auf die Minute durchgetaktet, entsprechend oberflächlich fallen diese Speed-Datings oft aus. Die Offenheit eines Gesprächspartners in Cannes aber war verblüffend: Kaum einer macht so umstrittene Filme wie Lars von Trier – und kaum einer antwortet so ungeschützt auf Fragen.

Mit angeschlagener Stimme und zitternden Händen sitzt der 62-jährige Däne in einer Villa fernab vom Festivaltrubel. Er wäre enttäuscht gewesen, wenn nicht eine erkleckliche Zuschauerzahl aus seinem Serienkiller-Thriller „The House That Jack Built“ geflüchtet wäre, sagt er. Sieht sich von Trier unter einem Zwang zur Provokation? „Mag sein“, sagt er. Nach den Antisemitismusvorwürfen in Cannes vor acht Jahren sei für ihn eines klar: „Ich mache keinen Film mehr ohne Hitler.“

„Kino ist meine Hauptdroge neben anderen“

Er will weiter filmen, trotz seiner Depressionen, trotz seiner Alkoholprobleme: „Kino ist meine Hauptdroge neben anderen.“ Ein angeschlagener Regisseur auf einem angeschlagenen Festival, dass passte: Kinosüchtige aus aller Welt sind wie gewohnt nach Cannes gepilgert. Und doch lief wenig rund in diesem Jahr. Eine Frage bewegte alle: Wie geht es weiter mit dem Kino, dessen Exklusivitätsanspruch sogar in Cannes gefährdet ist?

Zumindest ein Land glaubt an die Zukunft: Lautstark hat Saudi-Arabien in Cannes seine Ansprüche als künftige Kinogroßmacht angemeldet. Bislang waren dort Kinos genauso verboten wie Frauen hinterm Autolenkrad. Bis zum Jahr 2030 will Kronprinz Mohammed bin Salman 2000 Leinwände im Wüstensand hochziehen lassen. Ein milliardenschwerer Markt soll westliche Produzenten locken.

Darf auf saudischen Leinwänden geküsst werden?

Der Auftritt der Saudis hinterließ jedoch Fragen, zum Beispiel die nach der Zensur: Darf auf der Leinwand geküsst werden? Die Antwort lautete stets: „Die Richtlinien werden demnächst veröffentlicht.“ Und da ist noch ein klitzekleines Problem: Saudi-Arabien hat bislang keine eigenen Filme, will jetzt aber Studierende hinaus in die Welt schicken, auch an die Hochschule in Babelsberg.

Bei solchen Ankündigungen verfiel die Branche in eine Aufregung, als sei Leben im All entdeckt worden. Endlich mal wieder eine hoffnungsvolle Botschaft aus Cannes! Das vor Selbstbewusstsein strotzende Festival hat bei seiner 71. Auflage zu spüren gekommen, dass es sich etwas einfallen lassen muss, um seine Stellung als Nummer eins zu behaupten

Digitaler Wandel – Ende der Feindschaft zu Netflix?

Mit rigiden Maßnahmen sucht Cannes Anschluss an die digitale Zeit – und damit ist nicht das Selfie-Verbot gemeint. Das Dilemma lässt sich am Auftritt von Ehrengast Martin Scorsese demonstrieren: Der US-Altmeister gilt seit seiner Goldenen Palme 1976 für „Taxi Driver“ als bester Cannes-Freund – doch liefert ausgerechnet er bei Netflix den stargespickten Mafiathriller „The Irishman“ ab. Mit dem Streamingdienst liegt Cannes im Clinch. Nach dem diesjährigen Reglement wäre Scorsese nicht zugelassen worden.

Man kann dafür argumentieren, dass Streamingdienste nichts auf Festivals zu suchen haben, so lange sie nur vom Glamour profitieren wollen, den sie nicht selbst erzeugen können. Und doch muss man miteinander leben lernen. Fürs kommende Jahr hat Frémaux recht sybillinisch eine neue „Netflix-Episode“ angekündigt.

Die Berlinale kennt diese Probleme auch, Cannes hat aber noch ganz andere: Die nur sporadische Berücksichtigung von Frauen hat sich in der Post-Weinstein-Ära zu einem Affront ausgewachsen. Nur drei Regisseurinnen konkurrieren um die Goldene Palme, die am 19. Mai vergeben wird.

Protest der Frauen auf der roten Treppe

Frémaux besetzt den Wettbewerb nach eigenen Worten geschlechtsunabhängig und hat keine weitere Filmemacherinnen gefunden, die seinen künstlerischen Ansprüchen genügen. Jury-Präsidentin Cate Blanchett führte höchstpersönlich den symbolischen Protest der Frauen auf der roten Treppe an: „Frauen sind keine Minderheit auf der Welt, aber die Filmindustrie sendet eine andere Botschaft.“ Und weiter: „Die Treppen unserer Branche müssen für alle zugänglich sein. Lasst sie uns erklimmen.“ Blanchett dürfte dafür sorgen, dass Frauen in diesem Jahr nicht leer ausgehen.

Die größten Hoffnungen darf sich wohl die Libanesin Nadine Labaki machen, die dem Publikum mit dem Drama „Capharnaüm“ über vernachlässigte Kinder in Beirut das Herz schwer machte – nur einer von vielen Filmen, die von Menschen erzählten, die die Gesellschaft ausgespuckt hat. Oder hat die Italienerin Alice Rohrwacher Chancen? Sie erzählt in ihrem verschrobenen Drama „Lazzaro Felice“ von Landarbeitern, die im Dienste einer Adeligen schuften müssen – unter ihnen ein wundersamer junger Mann mit leuchtenden Augen, vielleicht ein Heiliger?

Iranischer Beitrag mit Palmen-Chancen

Bislang hat eine einzige Frau die Goldene Palme gewonnen, und das war Jane Campion mit „Das Piano“ vor einem Vierteljahrhundert. Ob im Jahr der wachsenden Bedrängnisse eine zweite Frau auf der Siegerliste auftauchen wird? Wenn nicht, wäre der Iraner Jafar Panahi eine Alternative. In seinem klug-ironischen Film „3 Faces“ taucht er selbst auf, überlässt es aber in den entscheidenden Momenten den Frauen, die Gesellschaft voranzubringen. „Eine Frau kann solche Dinge besser regeln“, sagt er im Film – und wartet lieber im Auto.

Von Stefan Stosch/RND

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