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Kultur Weltweit Die Ausstellung zum Nymphen-Skandal
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13:10 18.04.2018
Die Diskussion als Post-It-Collage. Quelle: Museum
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Manchester

 Als plötzlich die Nymphen aus dem Museum verschwanden, setzte eine ungeahnte Hysterie auf der Insel ein. Sie sollte sich schnell von der Manchester Art Gallery im Norden Englands in das ganze Königreich verbreiten. Einige Kritiker befürchteten bereits, die Freiheit der Kunst sei in Gefahr, andere warfen den Verantwortlichen vor, die politische Korrektheit ins Absurde zu führen. Im Zentrum des Feuersturms taumelte die Londoner Künstlerin Sonia Boyce. Sie war es, die das 1896 fertig gestellte Gemälde „Hylas und die Nymphen“ des Briten John William Waterhouse aus der Manchester Art Gallery abhängen ließ. Darauf wird der gut aussehende Liebhaber des Gottes Herakles von sieben barbusigen Nymphen mit langem rotem Haar in einen Teich voller Seerosen gelockt. Der Jüngling ist machtlos angesichts der Schönheit der Mädchen – so lautet die Botschaft der mythologischen Szene.

Warum musste das historische Gemälde einer leeren Wand Platz machen, auf der Besucher auf einmal via Post-its ihre Meinung hinterlassen sollten? War dies der Anfang vom Ende?, wie ein Kritiker des „Guardian“ fragte. „Wird als nächstes Picasso aus den Ausstellungsräumen dieser Welt entfernt?“ Nun malten Waterhouse und Picasso zweifellos in unterschiedlichen Ligen, der Aufregung tat dies jedoch keinen Abbruch – auch wegen des Zeitpunkts Ende Januar. Gerade tobte die #MeToo-Debatte über Sexismus und Übergriffe auf Frauen, eine vierte Welle des Feminismus zog herauf. Dementsprechend wurde dem Museum nicht nur eine übertriebene politische Korrektheit vorgeworfen. Viel schlimmer noch. „Zensur“, schrien sie in allen Ecken des Landes. Hier zeige sich feministischer Extremismus „von seiner schlechtesten Seite“. In den Medienspalten herrschte gar die Angst vor dem Aufziehen eines „neuen Puritanismus“.

Das Abhängen war eine Kunstaktion

Sonia Boyce traf die Empörung völlig überraschend – war das Abhängen doch nur ihrer Idee für eine Kunstaktion geschuldet mit dem Ziel, mehr Menschen in den Kuratoren-Prozess einzubinden. Zudem sollte die Performance Art lediglich einen Teil bilden für ihre nun eröffnete Ausstellung „Sonia Boyce – Retrospektive“, die sich mit ihrer Arbeit seit Mitte der 1990er Jahre beschäftigt und bis zum 22. Juli 2018 in der Manchester Art Gallery gezeigt wird.

Sie wollte eine Diskussion über die Präsentation und Interpretation von Bildern sowie Gender-Fragen anstoßen, nicht einen Mediensturm über Prüderie und Zensur auslösen. Täglich würden in Museen, so erklärte sie später, Gemälde ersetzt, abgehängt, aufgehängt. Zumeist träfen einzelne Kuratoren hinter verschlossenen Türen die Entscheidung. Aber nach welchen Kriterien und in welchem Kontext? Welche Stereotype, die unser Leben und die Gesellschaft prägen, spielen dabei eine Rolle? Den Ablauf wollte Boyce hinterfragen und suchte mit der Aktion den Dialog mit den Museumsmitarbeitern, inklusive den Technikern und Sicherheitskräften, anderen Künstlern sowie mit den Besuchern. Was soll an die Wand, was nicht und warum? Damit machte die renommierte Londoner Künstlerin, geboren 1962, das, was sie stets macht: eine Verbindung zwischen Kunst und Gesellschaft herstellen, das Publikum in die Werk miteinbeziehen, Klischees aufbrechen, Vorurteile über Geschlecht, Herkunft, Sexualität und Hautfarbe, entlarven und auseinandernehmen. Gibt es etwa bei Gemälden aus dem 19. Jahrhundert auch andere Narrative als die Darstellung der weiblichen Figur entweder als todbringende Verführerin oder als unterwürfiges Objekt zum Begaffen?

Die Aufregung legte sich selbst dann nur langsam, nachdem bekannt wurde, dass die Entfernung des Gemäldes eine Kunstaktion für Boyces neue Ausstellung war. Sowohl ihr als auch dem Museum wurde vorgeworfen, das Projekt sei mehr ein „PR-Gag“ statt wirklicher Kunst. Wie es damals zum Abhängen des Bildes kam und auch den anschließenden Skandal hat die Britin in dem Film „Six Acts“ verarbeitet, der nun erstmals in der Schau präsentiert wird. Wer aber allein wegen John William Waterhouse nach Manchester reist, kann ebenfalls beruhigt sein: Auch die Nymphen hängen wieder.

Von Katrin Pribyl

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