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Kultur Weltweit „Candelaria“: Kubanische Schelmengeschichte
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00:17 07.07.2018
Lieben einander: Candelaria (Verónica Lynn) und Victor Hugo (Alden Knight). Quelle: Foto: DCM
Hannover

Der Zusammenbruch der Sowjetunion stürzte auch Kuba Anfang der neunziger Jahre in eine tiefe Krise. Die UdSSR war der wichtigste Wirtschaftspartner für das sozialistische Regime auf der Karibikinsel und das Handelsembargo der USA verhinderte eine ökonomische Neuausrichtung.

Eine Reise ins Havanna des Jahres 1994

„Die spezielle Periode“ wird diese dunkle Zeit auf Kuba genannt, in der Öl und Lebensmittel knapp waren, nachts der Strom abgeschaltet wurde und die Menschen zum ersten Mal seit der Revolution wieder hungern mussten.

In seinem Film „Candelaria“ reist der kolumbianische Filmemacher Jhonny Hendrix Hinestroza zurück ins Havanna des Jahres 1994, wo Candelaria (Veronica Lynn) und Victor Hugo (Alden Knight) mit den Widrigkeiten des sanktionierten Alltags hadern. Die Beiden sind schon Mitte Siebzig, müssen aber noch weiter arbeiten gehen, um über die Runden zu kommen.

Candelaria ist in der Wäscherei eines Hotels angestellt und tritt abends als Sängerin in einer Bar auf, in die sich nur noch gelegentlich ein paar zahlungskräftige Touristen verirren. Victor Hugo geht jeden Tag in eine Tabakmanufaktur, wo er den Arbeitern, die die Zigarren rollen, aus der Zeitung vorliest.

Das Auge der Videokamera definiert die Beziehung neu

Als Zubrot schmuggelt der alte Mann regelmäßig eine Kiste Havannas am Pförtner vorbei, um sie auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Die Ärztin warnt eindringlich vor den Folgen von Unterernährung, aber zum Abendbrot gibt es dennoch nur noch Karottenkompott.

Die Überlebensroutine des Ehepaares ändert sich, als Candelaria auf der Arbeit zwischen der Schmutzwäsche eine Videokamera findet. Sie nimmt sie mit nach Hause, ohne genau zu wissen, was sie damit anfangen soll. Auf dem Schwarzmarkt könnte man dafür ein paar Dollars bekommen. Aber dann fängt Victor Hugo an mit dem Gerät herumzuspielen und seine Frau heimlich zu filmen.

Als Calendaria das Video entdeckt, macht sie von sich selbst ein paar freizügige Aufnahmen für ihren Mann. Und so beginnen die beiden alten Leute füreinander kleine Filme zu drehen. Durch die Kameralinse sehen sie sich mit neuen Augen und nehmen sich dadurch gegenseitig wieder als begehrenswert wahr.

Die Angst vor dem Ende des zweiten Frühlings

Während draußen auf der Straße sich Proteste formieren und Fidel Castro im Radio Durchhalte-Parolen verbreitet, findet das Paar im späten Wiedererwachen ihrer Liebe Trost und Ablenkung.

Aber dann wird die Kamera gestohlen und Victor Hugo hat Angst, dass der zweite Frühling mit ihrem Verschwinden wieder verfliegt. Er begibt sich zu dem stadtbekannten Hehler, wo alle Dinge, die in Havanna gestohlen werden, früher oder später wieder auftauchen.

Der Ganove hat die Filme auf der Kamera gesehen und macht Victor Hugo ein lukratives Angebot. Für weitere Videos will er mit harten Dollars bezahlen, um die Sexfilmchen an Touristen zu verkaufen. Das Geld könnten die beiden gut gebrauchen und was hat man in diesem Alter auf dieser Insel schon zu verlieren?

Hinestroza erzählt in völlig entspanntem Modus

Hinestroza erzählt seine kubanische Schelmengeschichte in einem vollkommen entspannten Modus. Die Videokamera landet wie ein außerirdisches Raumschiff im Leben des alten Paares und bringt sie dazu, die eigene Eheroutine neu zu hinterfragen und die widrige Lebensituation im maroden Kuba zu vergessen.

Mit einer zärtlichen Freizügigkeit werden die Liebe und die Körper der alten Menschen ins Bild gesetzt, die ihre Anziehungskraft aus dem gelebten Leben beziehen, das sich in sie eingeschrieben hat.

„Du bist wie dieses Haus, wie diese Land“ sagt ein Freund zu Victor Hugo einmal „total im Eimer, aber nicht unterzukriegen“. Und im weitesten Sinne kann „Candelaria“ auch als eine Liebeserklärung an das gelassene Improvisations- und Überlebenstalent der kubanischen Inselbewohner verstanden werden.

Von Martin Schwickert / RND

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