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Kultur Weltweit Fünf Vorschläge für Horst Seehofers „Heimatmuseum“
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11:13 10.04.2018
Ein Appell für einen Heimatbegriff jenseits von Folklore. Quelle: dpa
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Berlin

War das mit dem „Heimatmuseum“ in der ersten GroKo-Pressekonferenz gar kein Versprecher? Hat Horst Seehofer tatsächlich noch nicht so ganz klar, worum es geht? Fast einen Monat nach Amtsübernahme weiß man im Hause des CSU-Bundesministers für Inneres, Bauen und Heimat noch immer nicht, was in der Heimatabteilung denn nun geschehen soll. Eigentlich hat Heimat doch Konjunktur – von rechts bis links, von der AfD bis zu den Grünen. Und angeblich ist es sogar ein „Zukunftsthema“, weil die Menschen sich in einer globalisierten und anonymisierten Welt wieder nach Geborgenheit und Übersichtlichkeit sehnen.

Aber im Hause Seehofer ist man über den Gedanken, dass Heimat sich nicht allein durch einen Blick ins Museum herstellen lässt, offenbar noch nicht hinausgekommen. Dabei ist es doch gar nicht so schwer. Heimat ist ein Ort, mit dem wir uns verbunden glauben und wo wir wissen, wer wir sind. Oder, wie es Hermann Bausinger, der große alte Mann der deutschen Volkskunde, einmal gesagt hat: Heimat ist eine „Nahwelt, die verständlich und durchschaubar ist.“

Das war sie in der Vergangenheit nicht wirklich immer, oder höchstens in unserer idealisierten Rückschau, und das wird sie in Zukunft auch nur werden, wenn wir sie dazu machen. Verständlich und durchschaubar wird die unmittelbare Umgebung den Bürgern aber immer dann, wenn sie irgendwo mitreden, an den Geschehnissen teilhaben und sich darüber austauschen können. Dann packen sie mit an und reichen sich die Hände. Insofern ein paar bescheidene Vorschläge, worum sich Seehofers Heimatministerium mal kümmern könnte.

1. Mitreden

Es ist nichts ärgerlicher, als wenn andere entscheiden, was mit einem passiert. Das sorgt für Frust und macht wütend. Sozialwissenschaftler nennen das vornehm Autonomieverlust. Worum sich Seehofers Mannen – auf der Leitungsebene gibt es ja keine Frauen – schon mal kümmern könnten, sind zum Beispiel die Kommunalverfassungen. Okay, da ist viel Ländersache, aber man kann ja mal ernsthaft darüber reden. Warum haben die Bürger zum Beispiel bei der Aufstellung der Kommunalhaushalte so wenig zu melden? Schließlich haben die meisten Entscheidungen direkte Auswirkungen auf die Einwohner einer Stadt oder einer Gemeinde. In manchen Kommunen gibt es sogenannte Bürgerhaushalte, in denen die Menschen direkt mitdiskutieren können und mitentscheiden, was mit dem knappen Geld unbedingt gemacht werden muss und was noch eine Weile warten kann.

2.Teilhabe

Für Unmut sorgt auch, wenn Lasten ungleich verteilt werden. Beispiel Windenergie. Die einen verdienen gutes Geld damit, die anderen ärgern sich über die Schlagschatten der Anlagen, das Blinken bei Nacht oder das Rauschen, wenn der Wind ungünstig steht. Warum werden die Menschen, die neben so einer Anlage wohnen, nicht einfach fair am Ertrag beteiligt? Hier wäre der Gesetzgeber gefragt, damit künftig auch die Anwohner von Windrädern etwas davon haben. Dann nimmt man Unannehmlichkeiten auch eher in Kauf. Die Menschen an den Prozessen um sie herum beteiligen, das kann Identifikation mit einer Kommune oder einer Region schaffen. Ein wunderbares Feld, das ein Heimatministerium beackern könnte.

3. Austausch

Was man nicht kennt, wirkt mindestens seltsam, und wenn man es nicht durchschaut, kann es sogar als Bedrohung wahrgenommen werden. Am besten also, man weiß Bescheid. Selbst wenn es nur um ganz harmlose Dinge geht. Zum Beispiel, warum die Flüchtlinge aus arabischen Ländern ihren Teller nie leer essen. Ganz einfach: Weil es dort so Sitte ist, dass ein leerer Teller wieder aufgefüllt wird. Wer satt ist, muss etwas übrig lassen. Der Teller wird also nie leer. Klingt seltsam. Aber halten wir hier oben im Norden es wirklich für ganz normal, dass die im Süden Bier aus Gefäßen trinken, in die gleich ein ganzer Liter reinpasst? Ziemlich rustikal – oder einfach stillos? Austausch über Eigenheiten, Sitten und Gebräuche schafft Verständnis und auch ein Stück Vertrauen gegenüber denjenigen, die ihr Leben ein bisschen anders führen als wir. Auch wenn sie gleich nebenan wohnen. Falls das Heimatministerium noch nicht weiß, was es mit seinem Etat anfangen soll: Informationsmaterial zur politischen und kulturellen Bildung bereitstellen, Debatten organisieren, Vorschläge für die Bildungsministerkonferenz der Länder machen. Wissen schafft Vertrauen und damit ein Stück Geborgenheit.

4. Anpacken

Die Bürger wollen nicht immer nur berieselt werden. Sie sind auch bereit, mal zuzulangen. Dafür zu sorgen, dass etwas in ihrer Umgebung passiert. Sie organisieren Feste und Konzertbesuche, bauen Kinderspielplätze oder pflegen gemeinsam Friedhöfe und Grünanlagen. Das Gefühl, etwas gemeinsam zu bewegen, stiftet ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Manchmal fehlt aber einfach nur ein wenig Geld für Material, Werkzeug oder die Spritkosten. Förderprogramme für Kommunen, Vereine oder Initiativen, die bereit sind, solche gemeinnützigen Dinge anzupacken, wäre ein guter Ansatz, um die Bildung von Gemeinschaftsgefühl zu unterstützen. Dabei können nicht zuletzt sogar kleine Jobs entstehen.

5. Hände reichen

Ob ein Gemeinwesen wirklich funktioniert, hängt auch davon ab, ob alle mitmachen können. Damit zum Beispiel Alte, Behinderte, Neulinge oder Fremde sich nicht ausgeschlossen fühlen, müssen Barrieren abgebaut werden. Ein Heimatministerium könnte zum Beispiel dafür sorgen, dass mehr Geld bereitgestellt wird, damit in ländlichen Regionen Bürgerfahrdienste für Ältere angeboten werden können – zum Einkaufen oder zum Arzt. Oder damit mehr Deutsche Sprachkurse für ausländische Familien abhalten. Dort, wo sich die Menschen gegenseitig die Hände reichen und füreinander einstehen, dort scheint am ehesten so etwas wie Heimat auf. Es gibt also viel zu tun, Herr Seehofer. Übernehmen Sie!

Von Mathias Richter/RND

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