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08:06 08.04.2018
Zum größten Hit in den späten Sechzigerjahren, als Musik noch Revolutionen untermalte, wurde das bunte, laute, grelle, anarchische Musical “Hair“. Quelle: Courtesy Everett Collection
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Hannover

Man sagt, der Tod von etwas Altem ist die Geburt von etwas Neuem. Und so war es wohl auch mit Jimi Hendrix’ Gitarre. Sein letztes Lied, “Wild Thing“, ist gerade vorbei, als Hendrix am 18. Juni 1967 auf der Bühne am Monterey County Fairground in Kalifornien niederkniet. Er übergießt seine handbemalte Stratocaster mit Benzin und zündet sie an.

Die Flammen lecken über die Saiten, Hendrix spritzt aus einer kleinen Ampulle mehr Benzin, steht auf, nimmt die brennende Gitarre und zerschlägt sie auf dem Bühnenboden. Das Bild von Hendrix’ brennender Gitarre auf dem Monterey Pop Festival wird zu einer Ikone der Popmusik, später mythologisiert zu einem der magischen Momente des 20. Jahrhunderts. “Es war ein Opfer“, sagte er später. “Man opfert, was man liebt.“

Es war die Geburtsstunde der Blumenkinder – und der Auftakt für eine funkelnde Ära in Pop, Rock und Soul, die zum Soundtrack der politischen Umbrüche wurde, 1968 ihren Höhepunkt erreichte und bis heute nachwirkt. Elvis, der ausgebrannte Wegbereiter, befand sich schon halb auf dem Weg nach Las Vegas zu seiner musikalischen Mumifizierung. Die Beatles, die größte Band der Welt, bewegten sich inmitten einer emotionalen Giftwolke ihrem Ende entgegen. Aber auf dem Weg ins Grab schufen die vier Apostel noch einmal Großartiges: das als “Weißes Album“ bezeichnete Doppelalbum “The Beatles“ und dann später im Jahr die Single “Hey Jude“.

Schöpferische Dichte, die unfassbar scheint

Das Jahr 1968 in der Musik. Zwölf Monate, deren schöpferische Dichte im Rückblick unfassbar erscheint. Für ein paar Augenblicke scheint es, als könne Rock ’n’ Roll tatsächlich helfen, das schlaffe, gestrige Establishment vom Thron zu stoßen.

Jimi Hendrix liefert mit seiner Version von Bob Dylans “All Along the Watchtower“ auf dem Doppelalbum “Electric Ladyland“ den Sound zum schlechten Kriegsgewissen Amerikas (und erzürnt Puristen mit 19 nackten Frauen auf dem Plattencover). Johnny Cash geht in den Knast, trifft dort einen Haufen Kumpels im Geiste und kommt mit einem ikonischen Zeitdokument namens “At Folsom Prison“ wieder heraus. Pete Townshends The Who zeichnen im Sommer in ihrer Rockoper “Tommy“ das Leben eines blinden, gehörlosen Jungen nach, der zum Flipper-Weltmeister, zum “Pinball Wizard“ wird.

Und zwei blasse Jungs namens Simon & Garfunkel liefern mit “Mrs. Robinson“ den Soundtrack zur Coming-of-Age-Geschichte des Jahres (“Die Reifeprüfung“) – und fangen mit der leisen Roadballade “America“ die Melancholie eines sich liebenden Hitchhiker-Pärchens auf der Suche nach “Amerika“ ein („Let us be lovers we’ll marry our fortunes together ...“).

In nur wenigen Jahren zur Ikone: Jimi Hendrix bei einem Konzert im Jahr 1968. Quelle: © Baron Wolman

Heute legendäre Alben sind 1968 Neuware: von den Rolling Stones (“Beggars Banquet“) zu Van Morrison (“Astral Weeks“), von The Band (“Music From Big Pink“) zu Aretha Franklin (“Lady Soul“) und Otis Redding (“The Dock of the Bay“). Louis Armstrong singt “Wonderful World“, und Paul Anka schreibt nachts in fünf Stunden einen englischen Text zum französischen Chanson “Comme d’habitude“, das sein Freund Frank Sinatra unter dem Titel “My Way“ zum Welthit machen wird.

Nebenan, im Kino, schickt sich ein Haufen kiffender Filmhippies unter der Überschrift “New Hollywood“ an, die plüschig-aufgeblähte Musicalfilmwelt aus den Angeln zu heben. Steppenwolf schreiben “Born to Be Wild“ – es wird als Titelsong von Dennis Hoppers und Peter Fonds Roadmovie “Easy Rider“ zur Freiheitshymne der marihuanasüchtigen Gegenkultur.

Schlagerkitsch statt Musikrevolution: Deutschland hörte – und zwar dies- wie jenseits der Mauer – bevorzugt Beschauliches, und so dominierten Heintje (Bild) und Rosemarie Ambé die Hitparaden des Jahres 1968. Quelle: SAT.1

Alle Welt hört also politischen Pop? Ja, Pustekuchen. Eine breite Mehrheit in Deutschland suchte 1968 in stürmischen Zeiten Halt bei Heintjes “Heidschi Bumbeidschi“ und Roy Blacks “Ich denk’ an Dich“ und pfiff auf die “Negermusik“ der jungen “Gammler“. Das verschreckte Bürgertum klammerte sich zu Schnulzigem vor der Schleiflack-Musiktruhe aneinander.

Keine Spur von Iron Butterfly (“In-A-Gadda-Da-Vida“) oder Deep Purple. Die Mehrheit der Deutschen ließ sich von Heintjes “Ich bau’ dir ein Schloss“ zu Erfrischungsstäbchen und Eierlikör die Tränen in die Augen treiben. Revolution? Nee, lass mal lieber. Besser Frikadellchen.

In Ostdeutschland war es nicht anders: Die wichtige Hitparade der Sechziger hieß “Schlagerrevue“ und lief auf Radio DDR 1. In der Jahreswertung 1968 hatte Sängerin Rosemarie Ambé die Nase vorn – mit dem hoffnungsvollen Titel “Es fängt ja alles erst an“. Aber erst mal fing überhaupt nix an. Die “Rundfunk-Wertungssendungen“ für jugendliche Hörer starteten erst später: “Die Beatkiste“ 1970, die “Tip-Parade“ erst 1971.

Zum Mythos wurde das Musikjahr erst in der Retrospektive

In den westdeutschen Jahrescharts 1968 ganz vorne: Heintje mit “Mama“, gefolgt von Heintje mit “Du sollst nicht weinen“, dahinter Tom Jones mit “Delilah“, wieder Heintje mit “Heidschi Bumbeidschi“ und Peter Alexanders “Letzter Walzer“. Der erste halbwegs gesellschaftsumstürzlerische Song ist “Jumpin’ Jack Flash“ von den Stones – auf Platz 22. Ton Steine Scherben gründeten sich erst zwei Jahre später.

Wie weit die DDR popmusikalisch vom Geist der 68er entfernt war, zeigte sich im angesagtesten Musikfilm des Jahres: “Heißer Sommer“ war eine musikalisch-unernste Sommerromanze an der Ostsee, von einer Mädchen- und einer Jungsclique gesungen und getanzt. Ohne Rebellion, aber dafür mit dem damaligen Traumpaar des DDR-Schlagers: Chris Doerk und Frank Schöbel.

Im Westen sangen linke Liedermacher wie Franz Josef Degenhardt (“Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“) oder Hannes Wader (“Es ist an der Zeit“) zwar gegen Polizeigewalt, Militarismus und Geschichtsvergessenheit an – aber nur im Soziotop der engagierten Linken. Zum Mythos wurde das Popjahr 1968 erst retrospektiv: Von den “20 größten Popsongs aller Zeiten“ der Zeitschrift “Rolling Stone“ stammen 14 aus den Jahren 1964 bis 1974.

Die Band The Doors um Frontmann Jim Morrison spielte vergleichsweise sperrig-experimentelle Songs, wurde aber trotzdem Ausdruck eines Kollektivgefühls. Quelle: AP

Eine Band aber muss keine Charthit-Maschine sein, um Ausdruck eines Kollektivgefühls zu werden: Als die Band The Doors um den 24-jährigen Jim Morrison an einem warmen Sommerabend im Juli 1968 die “Hollywood Bowl“ in den Hügeln von Los Angeles betrat, schuf sie ein filmisches Denkmal (das freilich erst 1987 erschien): Damals entstand das einzige in voller Länge mitgefilmte Doors-Konzert mit Hits wie “Light My Fire“ und dem “Alabama Song“ – bis zum majestätischen, 17-minütigen “The End“.

Zum größten Hit in jener Zeit aber, als Musik noch Revolutionen untermalte, wurde das bunte, laute, grelle, anarchische Musical “Hair“ mit Friedenshymnen wie “Let the Sunshine In“ und “Hare Krishna“. In der Geschichte einer Gruppe New Yorker Friedensaktivisten kristallisierte sich alles, was die US-amerikanische Gegenkultur ausmachte: Angst, Wut, Liebe und Sehnsucht einer Generation, die nicht wusste, wofür zum Teufel sie am anderen Ende der Welt sterben sollte.

Das ist das wichtigste popkulturelle Erbe jener Zeit: die Idee, dass ein Lied das Leid der Welt vielleicht nicht heilen, aber lindern kann.

Von Imre Grimm und Thorsten Czarkowski

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