Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Weltweit „Hotel Artemis“ – Mord ist gegen die Hausordnung
Nachrichten Kultur Kultur Weltweit „Hotel Artemis“ – Mord ist gegen die Hausordnung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:01 03.07.2018
Sie flickt die verletzten Verbrecher zusammen: Krankenschwester Jean Thomas (Jodie Foster) und Gangsterboss Niagara (Jeff Goldblum, links). Quelle: Foto: Concorde
Anzeige
Hannover

Jodie Foster hat vor und hinter der Kamera alles erreicht, was ein Hollywoodstar erreichen kann. Ihre Karriere begann sie bereits als Dreijährige: Da zeigte sie in einem Werbespot für Sonnencreme ihren nackten Hintern vor. Im noch jugendlichen Alter sorgte sie für Furore als minderjährige Prostituierte in Martin Scorseses Taxi Driver“ neben Robert De Niro – dafür gab`s die erste Oscar-Nominierung.

Foster fühlte sich am Rande Hollywoods am wohlsten

Diese Trophäe gewann sie dann gleich zweimal: als Vergewaltigungsopfer in „Angeklagt“ (1989) und als FBI-Jägerin von Serienkiller Hannibal Lecter in „Das Schweigen der Lämmer“ (1991). Die Regisseurin Foster überzeugte mit ihrem stillen, intensiven Debüt „Das Wunderkind Tate“ (1991), in dem sie auf eigene Erinnerungen als Hochbegabte zurückgriff.

Es folgten „Familienfest und andere Schwierigkeiten“ (1995) oder auch „Money Monster“ (2016). Zuletzt steuerte sie eine Folge zur Science-Fiction-Serie „Black Mirror“ bei. Es muss ja nicht immer Kino sein – dessen Superhelden-Fixierung in den USA Foster mit der Ausbeutung der Böden beim Fracking vergleicht.

Mit öffentlichen Statements hielt sie sich in jüngster Zeit zurück – auch in der #MeToo-Debatte. Sowieso hat sie sich trotz all ihrer Erfolge (und ihrer Rekordgagen) doch immer am Rande Hollywoods am wohlsten gefühlt.

Die Schauspielerin spielt ein von Psychosen getriebenes Wrack

Was also könnte diese Frau, inzwischen gerade mal 55 Jahre alt, beruflich noch reizen? Einen Vorgeschmack auf ihr künftiges Wirken erhaschen wir jetzt auf der Leinwand: Jodie Foster mit gelben Zähnen und von Furchen durchzogenem Gesicht. Sie spielt eine Trinkerin und Pillenschluckerin, ein von Psychosen getriebenes Wrack.

Diese Alte hat ihr Leben anderen verschrieben: Als Krankenschwester mit einem Köfferchen voller Notfall-Utensilien flickt sie all jene zusammen, die sich in ihre seltsame, nun ja, Privatklinik retten. Und das sind Schwerverbrecher.

Jodie Foster hat eingecheckt im „Hotel Artemis“ von Regisseur und Drehbuchautor Drew Pearce. Der Mann kommt aus dem Blockbuster-Geschäft, bringt hier einige renommierte Mainstream-Kumpel zusammen und legt in seinem Spielfilmdebüt ein blutiges, billiges, trashiges B-Movie vor.

Das Hotel für Schwerverbrecher ist gewaltfrei

Wir schreiben das Jahr 2028 in einem düsteren Los Angeles. Die Stadt ist versunken in Dreck und Bürgerkrieg. Gewalt regiert. Horden marodieren durch die Straßen – wovon wir wohl wegen des überschaubaren Budgets nur wenig Anschauungsmaterial geboten bekommen. Es sieht so aus, als hätte die aktuelle US-Politik in den verdienten Untergang des Landes geführt. „Hey, das ist Amerika, 85 Prozent meiner Patienten haben Schusswunden“, erklärt Schwester Thomas einem Verletzten.

In ihrem Hotel aber herrscht Ruhe, einstweilen jedenfalls, denn hier gelten Regeln, für deren Durchsetzung der riesenhafte Everest (Dave Bautista, bekannt aus „Guardians of the Galaxy“) zuständig ist. Rein kommt man nur mit Mitgliedsausweis – so ähnlich wie ins Soho House in Berlin, in dem gern George Clooney oder Madonna absteigen.

Die wichtigste Vorschrift im Hotel Artemis allerdings besagt: Niemand darf an diesem Ort einen anderen töten. Bei dieser Klientel ist das nicht selbstverständlich, aber alle halten sich daran, auch Bankräuber Waikiki (Sterling K. Brown, bekannt aus „Black Panther“). Nach einem verpatzten Coup hat er zusammen mit seinem schwerverletzten Bruder eine der letzten Suiten ergattert.

Weitere Gäste sind die Profikillerin Nice (Sofia Boutella, „Die Mumie“), die gegen Regel Nummer eins zu verstoßen beabsichtigt, und Gangsterkönig Niagara (Jeff Goldblum), der sich Waikikis Beute holen will.

Regisseur Pearce setzt auf Eskalation

Eine originelle Konstellation ist das, garniert mit ein paar Gadgets aus dem Gesundheitsbereich, die 2028 allesamt so angeranzt aussehen, als hätte sie der Regisseur im Nachlass des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch gefunden. Nur weiß Pearce nicht so recht, was er mit seinen illustren Gästen anfangen soll.

Und so lässt er die Situation ganz einfach brachial eskalieren, ohne daraus tieferen Sinn erwirtschaften zu können. Womöglich hat ihm ein wahnwitziges Gangsterstück vorgeschwebt, wie wir es etwa von einem Quentin Tarantino kennen.

Was bleibt, ist diese seltsame Alte, die von den Geistern ihrer Vergangenheit umgetrieben wird und vor nichts mehr Angst hat, als einen Fuß vor die Tür zu setzen.

Foster vergisst, dass sie ein großer Hollywoodstar ist

Als „Transformation“, Verwandlung, hat Foster ihren Part beschrieben. Man könnte vielleicht auch sagen: als Befreiung. Sie tut, was sie tun möchte, vergisst einfach mal, dass sie der Hollywoodstar Jodie Foster ist. Wir bekommen in diesem sonst belanglosen Science-Fiction-Film etwas Aufregendes geboten: Wir sehen Jodie Foster in ihrer ersten Altersrolle.

Von Stefan Stosch / RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Eigentlich wollte der Brasilianer Karim Aïnouz einen Dokumentarfilm über die Schließung des Flughafens Tempelhof drehen. Jetzt ist „Zentralflughafen THF“ (Kinostart am 5. Juli) eine Geschichte der Flüchtlinge geworden, die dort leben, warten, hoffen und manchmal verzweifeln.

03.07.2018

David Hockney, Tracey Emin und Banksy: Das Traditionshaus präsentiert sich zum 250. Jubiläum sehr modern.

03.07.2018

In „Jurassic World: Evolution“ können sich Dino-Fans ihren Traum von einem eigenen Urzeitechsen-Freizeitpark erfüllen. Die Tiere sind die eindeutigen Stars des Spiels – unser Test.

03.07.2018
Anzeige