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„Überrascht haben mich die Ansichten von Uwe Tellkamp nicht“

RND Exklusiv: Interview mit Ingo Schulze „Überrascht haben mich die Ansichten von Uwe Tellkamp nicht“

Der Schriftsteller Ingo Schulze möchte sich gerne mit den Unterzeichnern der umstrittenen „Erklärung 2018“ und Flüchtlingen zusammen an einen Tisch setzen. Im Interview erzählt er auch, weshalb die Empörung in seiner Heimatstadt Dresden so groß ist.

Lesung in Potsdam Ingo Schulze Schulze

Quelle: Foto: Gaby Gerster

Sie weilen derzeit als Gastprofessor in den USA. Wie haben Sie aus der Ferne die Nachricht aufgenommen, dass sich Intellektuelle in der „Erklärung 2018“ gegen „illegale Masseneinwanderung“ aussprechen?

Kennen Sie diesen alten Kinderwitz, in der ein Volkspolizist in ein Geschäft geht und sagt: „Ich hätte gern einen Globus von Cottbus“? Daran musste ich denken, als ich die beiden Sätze, die sich „Erklärung“ nennen, las. Ich würde sehr gern mit den Unterzeichnern über das, was sie „Masseneinwanderung“ nennen, sprechen, über die Ursachen, Bedingungen und Auswirkungen von Vertreibung und Flucht und die Versuche, in Deutschland Asyl zu finden. Ich würde zu diesem Gespräch auch diejenigen bitten, die es unmittelbar betrifft, sowohl Flüchtlinge als auch Deutsche, die in ihrem Alltag mit ihnen zu tun haben. In aller Regel empören sich diejenigen am meisten über Flüchtlinge, die keinen oder kaum Kontakt mit ihnen haben. Je weniger man voneinander weiß, desto schwieriger wird es, sich über unterschiedliche Erfahrungen zu verständigen – sofern man das überhaupt will. Die Unterzeichner dieser Erklärung wissen doch, dass jene Demonstrationen, mit denen sie sich solidarisieren, die Hemmschwellen für nationalistisches und rassistisches Verhalten absenken und nicht selten Gewalt zur Folge haben.In den USA hat sich seit Trump für einen Weißen auf den ersten Blick wenig verändert, für Mexikaner oder Menschen mit dunklerer Hautfarbe ist es ein anderes Land geworden, in dem verdeckte oder offene Anfeindungen alltäglich geworden sind, selbst in einer Universitätsstadt.

Bei Uwe Tellkamps Eröffnungsbeitrag zur Diskussion im Dresdner Kulturpalast Mitte März konnte man den Eindruck gewinnen, er greife Sie direkt an, weil er seine Beispiele mit Ihrer Feststellung beschloss, wo denn der „Meinungskorridor“ in den Medien sei. Möchten Sie sich dazu äußern?

Ich war in einem Radiointerview gefragt worden, was ich von der sogenannten „Charta 2017“ halte. Da ich einige der Unterzeichner persönlich kenne und auch eingeladen worden war, diese „Charta“ mit zu unterzeichnen, habe ich sinngemäß gesagt, dass ich gern mal wissen würde, was sie unter diesem „Gesinnungskorridor“ verstehen. Aufzuzählen, welche Äußerungen oder Entscheidungen mir nicht passen, würde auch bei mir, würde wohl bei jedem eine lange Liste ergeben. „Gesinnungskorridor“ ist doch eher dazu angetan, in seiner Pauschalität und Inhaltslosigkeit notwendige Auseinandersetzungen mit den Medien zu verhindern. Zudem habe ich keineswegs den Eindruck, dass diejenigen, die sich da äußern, nicht zu Wort kämen. Das Gegenteil ist doch der Fall. Und wenn ich mich öffentlich äußere, werde ich natürlich auch angegriffen. Ich kann nicht austeilen und dann herumbarmen, wenn ich selbst einstecken muss. Überrascht haben mich die Ansichten von Uwe Tellkamp nicht. Wir haben vor zwei Jahren in der Dresdner Kreuzkirche miteinander diskutiert, moderiert von Susanne Dagen, die ich schon länger kenne und mag, deren Engagement der letzten Monate ich aber nicht verstehe.

Der Publizist Matthias Matussek hat jüngst auf einer „Merkel-Muss-Weg“-Demo angesichts der Gegendemonstranten frohlockt, dass Linke nun gegen eine regierungsfeindliche Kundgebung demonstrierten. Verschieben sich infolge der Debatte die Grundvorstellungen darüber, was es heißt, rechts oder links zu sein?

Ich denke nicht, dass die Polarisierungen unserer Gesellschaft durch ein Rechts-Linksschema angemessen ausgedrückt werden können. Wer für eine Demokratie eintritt, die sozialer Gerechtigkeit und den Menschenrechten verpflichtet sein soll, sieht diese mindestens von zwei Seiten bedroht: durch den Neoliberalismus, der in den letzten Jahrzehnten die sozialen Standards demoliert hat und die Gemeinwesen erpresst, und durch einen Nationalismus und extremen Konservatismus, der die sozialen und ideellen Leerräume, die der Neoliberalismus geschaffen hat, versucht zu besetzen. Jede Seite geriert sich als Alternative zur anderen, in diese Falle darf man nicht tappen. Ich würde immer versuchen, gegen beide Seiten zu argumentieren.

Sie stammen aus Dresden. Weshalb empört man sich gerade in dieser Stadt, die ungleich weniger Asylsuchende beherbergt als westliche Städte derselben Größe?

In Dresden zeigt sich nur deutlicher als anderswo, was für das ganze Land zutrifft. Darüber, warum es ausgerechnet in Dresden stattfindet, kann ich nur mutmaßen. Nirgendwo war die Euphorie über den Beitritt größer und vehementer als in Elbflorenz und der sächsischen Provinz. Erinnern Sie sich an „König Kurt“ (Biedenkopf). Bei den Landtagswahlen 2004 gab es 9,2 Prozent für die NPD. Das war ein Schock. Das Muster, dass sich die Unzufriedenheit mit „Schwarz“ eher durch die Wahl von „Rot“ äußert (und umgekehrt), funktioniert in Sachsen schon länger nicht mehr. AfD und Pegida sehe ich zumindest teilweise auch als das Produkt einer Politik, die zu wenig auf soziale Gerechtigkeit geachtet hat. Die Schuld für die soziale Schieflage nun allerdings Flüchtlingen in die Schuhe zu schieben, ist auch feige, weil man offenbar nicht über die eigentlichen Gründe nachdenken will. Allerdings habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass manche aus ihrer Empörer/Opfer-Rolle nicht mehr heraus wollen. Denn erst jetzt fühlen sie sich wahrgenommen und als Teil einer Gemeinschaft, die sie sich nicht mehr nehmen lassen wollen. Es wird wohl immer Menschen geben, die ihr Selbstwertgefühl aus der Verachtung anderer ziehen und die die Menschenrechte nicht allen Menschen zugestehen.

In einem Gastbeitrag schrieben Sie jüngst: „Eine Haltung, die nur wünscht, dass die AfD-Wähler wieder verschwindet, verschlimmert die Situation nur.“ Welche Haltung würden Sie sich stattdessen wünschen?

Eine möglichst umfassende und differenzierte und damit natürlich auch selbstkritische Haltung, die sich eben keinen Globus von Deutschland bastelt. Man kann nicht über Fluchtursachen sprechen und dann auf die Schleuser zeigen. Eine wichtige Frage ist doch, welche Mitverantwortung am Zustand der Welt unser way of life trägt, sowohl sozial-ökonomisch wie ökologisch. Das reicht vom Waffenexport über das Handy und das Baumwollhemd bis zur Tafel Schokolade oder der Kapsel Kaffee. Wir hängen da alle mehr oder weniger mit drin, und jede und jeder von uns weiß das letztlich auch, das ist ja bekannt. Die Frage ist nur: Wie finden wir da heraus? Darüber grundsätzlich zu diskutieren wünschte ich mir. Das wäre lohnend.

In jenem Gastbeitrag dreht sich alles um die Frage: „Wer ist wir?“ Sehen wir gerade, wie sich in der lautstarken Opposition zur „Erklärung 2018“ ein neues Wir bildet?

Glücklicherweise gibt es dieses Wir schon längst.

Zur Person

Ingo Schulze wurde 1962 in Dresden geboren. Sein Roman „Adam und Evelyn“ gilt als einer der wichtigsten Wenderomane. Zuletzt erschien sein Roman „Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“ (2017) über einen Mann, der die Verheißungen des Westens beim Wort nimmt. Er ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin, der Sächsischen Akademie der Künste und des PEN-Zentrums Deutschland. Hintergründe zur „Erklärung 2018“ finden Sie hier.

Von Nina May/RND

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