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Kultur Weltweit Wie teuer werden Konzerte noch, Peter Schwenkow?
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14:02 28.07.2018
Für immer Eintrittskartenverkäufer: Peter Schwenkow setzt auf Veranstaltungen aller Art. Quelle: Til Brönner

Herr Schwenkow, es heißt, Sie hätten mitgeholfen, die Berliner Mauer ins Wanken zu bringen. Durch Konzerte, die Sie 1987 mit David Bowie und im Jahr darauf mit Pink Floyd vor dem Reichstag veranstalteten.

Es gibt Leute, die mir eine gewisse Leidenschaft im Kampf gegen das DDR-Regime nachsagen, und ich denke, das ist auch korrekt. Schon bei André Hellers “Sommernachtstraum“ 1984 konnte man erkennen, dass eine ganze Menge Menschen auf der DDR-Seite der Mauer sich das Feuerwerk ansehen wollten. In der DDR gab es zwar die Puhdys, City und Karat – nichts gegen diese Bands –, aber sie sind kein Vergleich zu David Bowie. Ich hatte erreicht, dass der Radiosender RIAS Berlin alle Konzerte vor dem Reichstag live übertrug und sie somit auch DDR-weit zu hören waren. Das war schon eine gewisse Form von Provokation.

Sie verbanden West und Ost sozusagen durch Musik, aber Sie bekamen richtig Ärger …

Weil ich 1984 bei André Heller einen guten Job gemacht hatte, erhielt ich das Gelände vor dem Reichstag 1987 erneut, um ein dreitägiges Open Air zum 750. Stadtgeburtstag zu veranstalten. Während David Bowie spielte, kam es am Brandenburger Tor zu Krawallen. Hunderte ostdeutsche Jugendliche forderten den Abriss der Mauer. Die DDR-Regierung verbat sich daraufhin weitere Aktionen an der Grenze. Durch die Vibrationen, meinte das Regime, kämen Patienten in der nahen Charité zu Tode. Klar war Bowie sehr laut, weshalb wir 1988 erhebliche Auflagen für Pink Floyd erhielten.

Spielten Pink Floyd dabei mit?

Beim Soundcheck am Nachmittag vor dem Konzert hielten wir die vorgegebenen Grenzwerte ein. Die Bühne wurde daraufhin von den Behörden abgenommen. In der Nacht rüsteten wir die Tonanlage dann auf. Der ganze Prenzlauer Berg hat gebebt. Pink Floyd waren berühmt und berüchtigt für ihre Lautstärke. Man hatte ja auch Angst gehabt, dass sie Venedig mit ihren tiefen Tönen versenken könnten. Ich habe damals die bisher einzige Strafe als Konzertveranstalter kassiert. Wegen massiver Überschreitung der erlaubten Lautstärke musste ich 40 000 D-Mark zahlen.

Wie war denn Bowie?

Er hat sehr geholfen. Er hatte Ende der Siebzigerjahre selbst in Berlin gelebt, die geteilte Stadt hatte ihn zu seinem Hit “Heroes“ inspiriert, er wusste durch Mauer und Todesstreifen, was Unfreiheit bedeutet. Radioübertragungen von Rockkonzerten waren damals vor allem aus Vermarktungsgründen unüblich. Weil man mitschneiden konnte, befürchteten Künstler und Plattenfirmen, dass sich die Fans keine LPs mehr kaufen würden. Bowie hatte jedoch verstanden, welche Kraft eine Übertragung in die DDR haben könnte. Bei seinem Auftritt kündigte er “Heroes“ mit den Worten an, er singe dieses Lied für die Menschen in der DDR, die ihm nun im Radio zuhörten. Seine Botschaft hieß Freiheit.

Würden Sie Bowie als Freund bezeichnen?

Bowie lernte ich kennen, nachdem ich 1975 nach West-Berlin gezogen war. Er kam laufend zu Konzerten, die wir in der Deutschlandhalle veranstalteten, und hing immer Backstage rum. Hinterher ging’s dann in die Stadt ins Chez Romy Haag oder andere Nachtclubs. Wir hatten intensiveren Kontakt, aber mit jemandem, den man nur alle zwei Jahre sieht, ist man nicht befreundet. Weil man diese Freundschaft gar nicht pflegen kann. Ich habe vielleicht drei, vier Freunde, da ist definitiv kein Künstler dabei.

Als es noch keine Handys gab: Peter Schwenkow mit Autotelefon. Quelle: DEAG

Im Sommer 1988 traten auch in Ost-Berlin Rockstars aus den USA und England auf, unter anderem Bruce Spring­steen und Depeche Mode. Glauben Sie, dass diese Öffnung der DDR eine Antwort auf Ihre Konzerte an der Mauer war?

Ja, das waren Reaktionen. Ein letztes Zucken. Das ist heute eindeutig belegt.

In einer Zeit, in der immer weniger Tonträger verkauft werden, müssen die Künstler ihr Geld mit Konzerten verdienen. Neulich bei den Rolling Stones kosteten die günstigsten Karten immer noch 110 Euro. Wie werden sich die Ticketpreise entwickeln? Ist die Schmerzgrenze nicht längst erreicht?

Ich kann Ihnen versichern, dass wir über jeden Eintrittspreis sorgfältig nachdenken, denn es gibt kaum einen Künstler, der einen zu hohen Kartenpreis akzeptieren würde, aus Angst vor einer nur halb vollen Halle. Wir sind nicht Spotify, unser Produkt ist nicht beliebig oft abrufbar. In eine Halle für 15 000 Menschen passen eben keine 15 002 hinein. Wir stellen häufig fest, dass wir eigentlich viel zu billig waren. Du zermarterst dir tagelang den Kopf, ob du 48 oder 53 Euro nimmst, und dann bist du innerhalb weniger Tage, manchmal auch Stunden, ausverkauft, und die Leute sind bereit, auf dem Zweitmarkt das Doppelte oder Dreifache des Originalpreises zu zahlen. Die Weiterverkäufer machen sich die Taschen voll, obwohl das Geld eigentlich dem Künstler und dem Veranstalter gehört.

Ihr Konkurrent Live Nation hat gerade Tickets für Topbands wie Guns N’ Roses für 35 Euro weit unter Originalpreis verkauft, vermutlich, weil die Arenen nicht voll wurden. Gibt es zu viele Konzerte?

Erstens: Dass Guns N’ Roses nicht gelaufen sind, lag wohl an zu hohen Ticketpreisen, nachdem die Band ja erst im vorigen Jahr mit dem gleichen Programm in Deutschland auf Tour war. Dann macht man mal solche Aktionen, um wenigstens eine anständige Optik zu bekommen. Zweitens: Es gibt tatsächlich viel mehr Konzerte als früher. Der Boom, das Geschäft mit Konzerten, begann in den Siebzigerjahren, also vor etwa 50 Jahren. Derjenige, der damals 15 war, geht heute immer noch zu Konzerten. Derjenige, der damals 30 war, geht heute zumindest noch zu den Rolling Stones. Insofern hat sich die Zielgruppe durch 50 weitere Geburtenjahrgänge vervielfacht. Dementsprechend mehr Konzerte gibt es. Die Künstler kommen zudem nicht mehr alle drei oder vier Jahre auf Tournee, sondern alle anderthalb Jahre, weil sie damit, wie schon gesagt, einen Großteil ihres Geldes verdienen. Das kann zu einem Überangebot führen.

Was war Ihr liebstes Konzert?

Mein bestes Konzert aller Zeiten: der Clubgig der Stones auf ihrer “Licks“-Tour 2003 im Circus Krone in München.

Stones über alles: Was bedeutet diese Band für Sie?

Ich kenne keine professionellere Band als die Stones, ich kenne keinen Gitarristen, der ein so dreckiges Riff spielen kann wie Keith Richards, ich kenne keine andere Band, die inzwischen fünf Generationen so in Partystimmung bringen kann.

Gibt es eine Stones-Freundschaft?

Es gibt kein Spezialverhältnis. Manche Konzertveranstalter behaupten zwar: “Mein Freund Mick.“ Vergessen Sie das!

Sie haben fünf Stones-Tourneen veranstaltet. Wären Sie selbst gern so agil im Alter wie Jagger und Richards? Sind die beiden Vorbilder für Sie?

Ja, aber nur in der Kombination. Da ist Mick Jagger, der gesund lebt, der sich fit hält, der noch im hohen Alter Vater wird. Und dann ist da Keith Richards, das genaue Gegenteil. Letztendlich geht es ihm auch nicht schlechter. Es gibt diese wunderbare Karikatur, sie zeigt Richards, wie man ihn kennt: mit furchenartigen Falten und mit Kippe. Darunter steht sinngemäß: “Für jede Zigarette, die du rauchst, streicht dir der liebe Gott zehn Minuten deines Lebens – und schenkt sie Keith Richards.“ Es gibt für mich keinen Grund, warum Jagger und Richards aufhören sollten. Vladimir Horowitz hat auch noch mit Mitte 80 Konzerte gegeben.

Wollten Sie nicht selbst Musiker werden?

Ich war mal Musiker, ein Gitarrist, aber so schlecht, dass ich mir sagte: Wenn du ins Showbusiness willst, dann nimmst du besser die andere Seite des Schreibtisches.

Ihr größter Auftritt?

In der Aula des Albert-Schweitzer-Gymnasiums in Hamburg-Olsdorf. Ich hatte nicht das Gefühl, dass es mir gelungen war, das Publikum zu packen. Ich glaube, ich spielte “You Can’t Always Get What You Want”.

“Ich kenne keine andere Band, die inzwischen fünf Generationen so in Partystimmung bringen kann“, sagt Peter Schwenkow über die Rolling Stones. Quelle: DEAG

Zur Person: Peter Schwenkow

“Ich verkaufe für mein Leben gern Eintrittskarten“, sagt Peter Schwenkow. Deshalb bezeichnet sich der 64-Jährige bis heute gern als “Eintrittskartenverkäufer“ – obwohl er als Vorstandschef der Deutschen Entertainment AG (DEAG) einer der ganz großen Konzertveranstalter ist.

Seine erste Tournee organisierte er in den Siebzigerjahren für Ulrich Roski. Berliner Liedermacher wie dieser oder Insterburg & Co. und Schobert & Black waren äußerst angesagt. Danach folgten andere deutsche Künstler wie Hanns Dieter Hüsch, Mike Krüger und Tangerine ­Dream. “Ich war so jung, dass man mich am Anfang auf die Amis noch nicht loslassen wollte.“

Vor 40 Jahren gründete der gebürtige Hamburger mit einem Partner in Berlin die Veranstaltungsagentur Concert Concept, aus der die DEAG hervorging. Sein erster Coup: Er reanimierte die Waldbühne als Konzertort. Nachdem Rolling-Stones-Fans das Freilichttheater 1965 nach einem Konzert auseinandergenommen hatten, war es nur noch selten genutzt worden. Heute gilt es als eine der schönsten Spielstätten überhaupt.

Es überrascht nicht, dass die meisten Lieblingskonzerte Schwenkows dort stattfanden: die Rolling Stones, als sie 1982 erstmals in die Waldbühne zurückkehrten, die Bee Gees, Simon and Garfunkel und Barbra Streisand bei ihrem ersten und bisher einzigen Deutschlandkonzert überhaupt.

Die DEAG gehört mit einem Jahresumsatz von mehr als 200 Millionen Euro zu den zehn größten Konzertveranstaltern der Welt. Mehr als die Hälfte des Umsatzes machen das Unternehmen und seine Tochtergesellschaften laut Schwenkow in England und in der Schweiz.

Dabei setzt der Konzern nicht nur auf Rock und Pop, sondern auch auf Klassik-Stars wie David Garrett oder Ausstellungen wie die Lego-Schau “The Art of the Brick“. “Ich bin lieber so breit aufgestellt wie der Disney-Konzern und habe ein schönes Wachstum und eine anständige Rendite, als ein Veranstalter zu sein, der kein Geld verdient.“

Ist er gut darin, Marktlücken zu entdecken? “Ich bin gut in Marketing“, antwortet er. “Wir können das Publikum nicht erziehen, aber wir können immer wieder sagen: Kauf dir mal eine Konzertkarte von diesem Geiger. Hör ihn dir an!“ Bei David Garrett hat sich sein Werben gelohnt.

Der Versuch, vor drei Jahren mit “Der Ring – Grüne Hölle Rock“ auf dem Nürburgring groß ins Festivalgeschäft einzusteigen, scheiterte dagegen. Das Projekt wurde noch dazu als “Ringkampf“ zwischen Schwenkow und seinem Konkurrenten und “Rock am Ring“-Macher Marek Lieberberg wahrgenommen.

Veranstalter zu sein, das hat etwas von einem Spieler, findet Schwenkow, einem Spieler allerdings, der rechtzeitig erkennt, wann er aufgeben sollte, weil ein Vorhaben nicht funktioniert. Dennoch stand er 2001, drei Jahre nachdem er die DEAG an die Börse gebracht hatte, vor den Trümmern seines Lebenswerks.

Der Kauf und die baldige Insolvenz des Musical-Unternehmens Stella hatte die DEAG in eine tiefe Krise gestürzt. Nach dem 11. September seien die Tourismuszahlen eingebrochen, niemandem sei mehr nach Musicals zumute gewesen, meint Schwenkow. Er rettete seine Firma mit privatem Geld.

Der 64-Jährige, der mit der Journalistin Inga Griese verheiratet ist und fünf Kinder hat, saß von 2006 bis 2011 im Abgeordnetenhaus in Berlin. Politiker wollte er nicht werden, sagt er, er wollte wissen, wie die politische Meinungsbildung funktioniert, wie ein Parlament arbeitet, wie die Ausschüsse.

„Sie dürfen Nein sagen. Dann allerdings dürfen Sie nie wieder meckern“, sagte der damalige CDU-Fraktionschef Friedbert Pflüger, als er ihn bat zu kandidieren. “Ich habe Ja gesagt“, erzählt Schwenkow. Deshalb besitze er nun die Lizenz zum Meckern, “und vielleicht sogar die Kompetenz“.

Von Mathias Begalke

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