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Kultur Weltweit Lukas Bärfuss macht das Denken zum Ereignis
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15:36 02.05.2018
Der Schweizer Schriftsteller, Essayist und Dramatiker Lukas Bärfuss. Quelle: dpa
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Leipzig

„Wem etwas an der Aufklärung liegt, der sollte rausgehen und den Leuten erklären, dass es eine Zukunft gibt.“ Mit diesen Worten schließt Lukas Bärfuss eine Text, den er „Futurologie“ überschrieben hat. Er schließt ihn deshalb mit einer Art Aufruf, weil die einen „die Zukunft aus der Gegenwart“ geräumt haben, „damit die anderen sie mit dem Plunder der Vergangenheit möblieren können“.

Und weil ihm, dem 1971 in Thun in der Schweiz geborenen Dramatiker und Romancier, Aufklärung wichtiger ist als Predigt oder Effekt. Dies zeichnet seine Essays aus, die unter dem Titel „Krieg und Liebe“ erschienen sind und deren Themen sich grob unter Politik, Sprache, Theater, Europa und Schweiz zusammenfassen lassen. Wobei er eine Linie zwischen Vergangenheit und Zukunft zieht, den Stift ansetzend in der Gegenwart.

Die Vernunft schläft sehr tief

Die Texte sind zwischen 2014 und 2018 entstanden, einige erscheinen hier zum ersten Mal. Die Form des Essays erweist sich als genau die richtige, um nicht zuletzt Zerstreuung, zuerst jedoch Anregung zu erfahren. Oft auf den zweiten Blick spielerisch verbindet Bärfuss Stil, Wissen und Weltanschauung, gleicht das Konkrete der Erfahrung mit dem Allgemeingültigen ab und findet vom Nach- zum Vordenken und dabei zu einer Sprache, die für einen 46-Jährigen erstaunlich gediegen wirkt. Das liegt vielleicht am Verzicht auf Reflexe, an der Abwesenheit von Ungenauigkeiten.

„Ich glaube, unsere Generation muss sich entscheiden. Und sich entscheiden heißt, politisch zu werden“, gibt er in einer „Rede an junge Journalisten“ auf den Weg. Warum, das steht (auch) in jener „Dresdner Rede“, zu der er 2017 ins Staatsschauspiel geladen war und die „Am Ende der Sprache“ hieß. Womöglich hatte die Einladung seinem Text „Suissemania. Oder Die Schweiz ist des Wahnsinns“ zu verdanken, der in „Krieg und Liebe“ zu finden ist und in dem er 2015 über den Rechtsruck in seiner Heimat schrieb: „Was die Schweiz von Ländern wie Frankreich und Österreich unterscheidet, sind die 3,6 Milliarden Privatvermögen, über die der Extremismus hierzulande verfügt.“ Die Vernunft sei nicht tot, doch „sie schläft einfach sehr, sehr tief“.

Lukas Bärfuss: Krieg und Liebe. Essays. Wallstein Verlag; 294 Seiten, 22 Euro Quelle: Wallstein Verlag

Was das betrifft, gibt es enge Verbindungen zu Deutschland, Sachsen, Dresden. Bärfuss bekennt eine „gewisse Beklemmung“ an diesem Sonntagmorgen im Theater dieser „besonderen Stadt“, als er davon spricht, dass dort, wo er aufwuchs, im Berner Oberland, die Sprache nur zwei Zeitformen kenne, doch „dafür sind die Konjunktivformen vielfältig“. Er erzählt, wie Otfried Preußlers „Krabat“ ihn geprägt und seine erste große Reise ihn in die Lausitz geführt hat. Dresden zeige mit seiner Geschichte die Möglichkeiten, „die Wahl, die wir haben“: entweder Sprache oder Gewalt. Dresden stehe auch für den Beginn der Sprache, der freien Rede 1989. „Eine freie Rede ist eine wahre Rede. Ohne Wahrheit gibt es keine Freiheit.“ Die Lüge verstehe sich von selbst, doch die Wahrheit sei unbegreiflich. Sie „ist der Zusammenhang. Und da es unserer Zeit so sehr an Einigung mangelt, mangelt es auch an der Wahrheit.“

Eine Frage der Würde

Wahrheit gehört zu den in diesem Buch wiederkehrenden Marken. In seiner „Zweiten Bamberger Poetikvorlesung“ mit dem zunächst beängstigenden Titel „Zahnschmerzen“ widmet Bärfuss sich dem Zusammenhang von Wahrheit, Schmerz, Fortschritt, Erinnerung und Würde. Wenn Friedrich Schiller in seiner Schrift „Über Anmut und Würde“ meint, „Würde bestehe in der Kontrolle der unwillkürlichen Bewegung, dann sollten wir dies vielleicht zum Anlass nehmen, auch die unwillkürlichen Bewegungen der Gesellschaft in Rechnung zu stellen, und versuchen, sie zu beherrschen. Unwillkürlich ist etwa die Angst vor dem Fremden. Unwillkürlich ist der Egoismus, mit dem wir die Früchte des Fortschritts verteilen und mit heuchlerischen Argumenten verteidigen.“

Der Autor zeigt eine ursächliche Verbindung von Wahrheit und Schmerz und belegt dies unter anderem am Beispiel des Humors, der – nach einer Definition des US-amerikanischen Fernsehautor John Vorhaus – so entstehe. Nicht zuletzt bedeute das Wort „Pointe“ ja „Spitze“, die treffen, stechen, wehtun soll. „Das Gelächter bezeugt, dass jemand verstanden und gelitten hat.“ Nicht jedes Gelächter, ließe sich mit Bedauern ergänzen.

Präsenz und Gemeinschaft

Schreibt Lukas Bärfuss über das eigene Arbeiten, er fühlt sich der „Gemeinschaft der Erzähler“ angehörig, deren „Grundgesetz die Poesie“ ist, verpackt er seine Erfahrungen, seinen Anspruch in der Möglichkeit, gemeinsam mit anderen eine Erfahrung zu machen. Damit tut er genau das, worin er beispielsweise das utopische Potenzial und den Widerstand des Theaters sieht: „Nur wenn Künstler und Texte sich eine Offenheit erhalten, nicht nach einem Zweck oder Ziel fragen, bleiben sie gefährlich und ermöglichen eine Erfahrung.“ Als Aufgabe des Theaters sieht er das, „was im Applaus zum Ausdruck kommt, nämlich Präsenz und Gemeinschaft“.

Mit der Freude am treffenden Wort, am Glanz der Sprache aus ihrem Inneren heraus vergrößert er die eigenen Gedanken, macht das Denken zum Ereignis und zieht auch in diesem nach „Stil und Moral“ (2015) zweiten Essayband den Vorhang beiseite, um den Blick freizugeben auf eine Bühne der Menschen und der Menschlichkeit. „Ich will offen bleiben, veränderbar“, schreibt Lukas Bärfuss, und ermöglicht genau das seinen Lesern.

Lukas Bärfuss: Krieg und Liebe. Essays. Wallstein Verlag; 294 Seiten, 22 Euro

Von Janina Fleischer

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