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Kultur Weltweit „Feuer und Blut“ – Eine Chronik zu „Game of Thrones“
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12:14 21.11.2018
Die Drachen, die er rief, wird er nun nicht mehr los: George R. R. Martin umgeht sein Hauptwerk „Das Lied von Eis und Feuer“, um sich als Chronist des Königshauses der Targaryens zu verdingen. Soeben ist der erste Band von „Feuer und Blut“ erschienen. Quelle: Foto: Matt Sayles/AP
New York

Als wir das Königsgeschlecht der Targaryens kennenlernten, war ihre Dynastie kurz zuvor zerschlagen worden. Eine Rebellion hatte fast 300 Jahren unumstrittener Herrschaft über die Sieben Königslande von Westeros ein Ende gesetzt.

Die letzten Targaryens – Zwei Königskinder auf der Flucht

Sowohl im ersten Band von George R. R. Martins Romanserie „Das Lied von Eis und Feuer“ als auch später in dessen Verfilmung „Game of Thrones“ (GoT) traf man die letzten beiden Königskinder auf der Flucht an: Viserys Targaryen, ein schwächlicher, zorniger Jüngling, verschacherte seine schüchterne Zwillingsschwester Daenerys an einen Barbarenhäuptling auf dem Nachbarkontinent Essos – nur um dessen Reiterheer für seine geplante Reconquista zu gewinnen. Im Verlauf der monumentalen Saga bereitete sich dann ausgerechnet die zarte Daenerys jenseits des Meeres auf die Machtergreifung vor.

Jetzt liegt der erste Teil einer zweibändigen Geschichte ihrer Familie vor. Der Weltenschöpfer Martin, von Millionen Fans in aller Welt angetrieben, seine monumentale Saga endlich zu vollenden, weicht dem Massenbegehren aus. Er tut sich nach eigenem Bekunden weiterhin schwer damit, die Stränge zu bündeln und alles Sagenhafte zu einem Ende zu führen – einem, das die Fans überrascht und umhaut.

Martin mischt in „Feuer und Blut“ neues mit alternativem Wissen

Wie absehbar wäre es auch, wenn die sich in der Fernsehserie immer mehr annähernden Überhelden Daenerys und Jon Schnee schließlich Bett und Thron teilen würden? Dem Meister scheint sein Meisterwerk derzeit wenig Freude zu bereiten. Vielleicht auch, weil ihm die Fernsehserie davongeprescht ist.

Im ersten Band seines frei erfundenen Geschichtsbuchs, dieser - laut Martin - von dem Erzmaester der Zitadelle, Gyldayn, überlieferten Chronik „Feuer und Blut – Aufstieg und Fall des Hauses Targaryen von Westeros“, erfahren wir, wie diese faszinierendste Sippe aus Martins Füllhorn, diese zarten Herrscher mit Silberhaar und violetten Augen, einst aus dem Alten Valyrien nach Westeros kamen und ihre gewaltigen Drachen mitbrachten (die dann im Verlauf ihrer Herrschaft immer schmächtiger wurden und ihren Schrecken verloren).

Wobei Martins Alter Ego Gyldayn manches anders weiß als unsere bisherigen Quellen. Angeblich hat Aegon, der Eroberer, seine Herrschaft nicht etwa an dem Tag begonnen, als er an der Mündung des Schwarzwassers landete, sondern am Tag seiner Salbung und Krönung in der Sternensepte von Altsass – zwei Jahre später.

Man muss „Feuer und Blut“ mit Konzentration lesen

Der mächtige Wälzer ist ein unendlicher Wissensquell. Martin führt uns durch die Jahrhunderte zu Personen, die man noch nicht kannte. Prinz Aemon von Drachenstein fiel anno 92 durch einen Armbrustbolzen, woraufhin sein Bruder Baelor die myrischen Angreifer ins Meer trieb. Das stolze Haus Kraft endete mit einer Hinrichtung am Ende einer gewaltigen Verschwörung und eines Bürgerkriegs namens „Drachentanz“, bei der eine Königin in den Tod getrieben und ein Knappe zum König wurde.

Man muss mit Konzentration lesen, viele Namen ähneln sich, und es gibt für leicht zerstreute Leser jede Mende Aegons zum Verwechseln. Ein beherztes Drauflosschmökern wie in der Romanreihe ist zumindest nicht kontinuierlich möglich. Wer zu eilig flitzt, verliert sich, und nach ungefähr 200 Seiten beginnen sich des Lesers Gedanken zu verfilzen.

Edward Gibbons Standardwerk „Verfall und Untergang des Römischen Imperiums“ war Martins Vorbild, und so gibt es auch noch Fußnoten mit Erläuterungen oder abweichenden Meinungen. Wir erfahren von großen Heldentaten, besonderen Begräbnisriten und den Folgen des Bevölkerungswachstums. Martins Detailfreude ist überbordend, er hüpft quietschvergnügt diesen literarischen Seitenweg entlang, als wäre er auf der Goldziegelstraße nach Oz.

Der Fan von „Game of Thrones“ scharrt ungeduldig mit den Hufen

Der normale „GoT“-Fan will aber anderes wissen. Was wird aus Tyrion, Cersei, Sansa, der Roten Frau und Ser Davos, dem Zwiebelritter? Seit gefühlt 300 Jahren wartet er auf den angekündigten vorletzten Romanband „Winde des Winters“, stattdessen hält er nun dieses komplexe Kompendium für Westeros-Maniacs in den Händen, für diejenigen Leser, die Hintergrund genauso lieben wie Story, die Tolkiens „Silmarillion“ mit derselben Begeisterung verschlangen wie den „Herrn der Ringe“. Ein zweiter Band dieses sachbuchartigen Werks ist angekündigt. Der ist möglicherweise die nächste Ausrede Martins, sich ums Kerngeschäft zu drücken.

Dabei müsste es der 71-jährige Autor eigentlich besser wissen: „Valar Dohaeris“ heißt es in seinem Epos auf Hochvalyrisch – „Alle Menschen müssen dienen.“

Nimms dir zu Herzen, George!

George R. R. Martin: „Feuer und Blut – Aufstieg und Fall des Hauses Targaryen von Westeros, Erstes Buch“, Penhaligon Verlag, 896 Seiten

Von Matthias Halbig / RND

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