Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Weltweit Pöbeln ist der neue deutsche Umgangston
Nachrichten Kultur Kultur Weltweit Pöbeln ist der neue deutsche Umgangston
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:01 09.04.2018
In Heimatsocken zur Pegida-Demo in Dresden. Wenn sich der Geist in Konsens kleidet wie in des Kaisers neue Kleider. Quelle: dpa
Leipzig

„Wir sind das Pack“, riefen im Sommer 2015 die Demonstranten in Heidenau. Der Ruf war als bockige Anverwandlung zu verstehen, nachdem Sigmar Gabriel, damals noch SPD-Chef, die an fremdenfeindlichen Ausschreitungen Beteiligten als „Pack“ bezeichnet hatte. Die Pervertierung des eh schon missbrauchten Slogans „Wir sind das Volk“ schien so folgerichtig wie symptomatisch.

Kreuzworträtselfreunde kennen mehr: Pack mit sechs Buchstaben? Pöbel. Dazu die Synonyme Abschaum, Gesindel, Meute, Mob ... Ursprünglich aber ist der „Pöbel“ dem Altfranzösischen entlehnt, das wiederum aufs lateinische populus zurückzuführen ist. Volk eben. Hinter Peuplierung verbirgt sich entsprechend das Bevölkern entvölkerter Landstriche – durch Zuwanderung. Womit sich ein Kreis schließt, denn Zuwanderung ist es, die das Volk auf die Straßen treibt und das Pöbeln zum Mundgeruch der Meinungsäußerung macht. Denn es ist roh und leer – die gedankenlose Variante der Polemik, weder von Argumenten benetzt noch von Höflichkeit.

„Pöbeleien gegen Bundespräsident Joachim Gauck“ meldeten die Nachrichtenagenturen im Sommer 2016 aus Sebnitz. Gauck war dort als Gast des Deutschen Wandertages attackiert worden. „Hau ab“ riefen die Demonstranten und „Volksverräter“. Die Polizei ermittelte wegen Beleidigung, denn nichts anderes ist das Pöbeln ja – als eine beleidigende Äußerung.

Traum von der Ochlokratie

Es war einmal der Tonfall des Protests, eine Abgrenzung vom Diplomatischen, dem Verharmlosungsgebaren des Korrekten. Die Pöbelei ist neuer deutscher Umgangston. Dieser Soundtrack der Gegenwart kommt keineswegs aus dem Sächsischen. Den Typus des Pöblers (Pöblerinnen sind mitgemeint) gibt es nicht allein unter rechtschreibschwachen Trollen. Vielmehr handelt es sich um eine Kommunikationsform, die im Eigenheim genauso gepflegt wird wie im Wohnsilo, im Bundestag wie am Stammtisch, auf Schulhöfen wie im Lehrerzimmer, in intellektuellen Debatten wie in Online-Foren.

Der pöbelnde ist ein in jeder Hinsicht lauter Mensch. So laut, dass er andere pöbelnde Menschen gar nicht hören kann, nur die Mitpöbler im engsten Umfeld wahrnimmt und sich deshalb als Teil einer Minderheit wähnt. Zumindest war das so, bis er die Öffentlichkeit des Internet fand – mit sozialen Netzwerken, Blogs und Kommentar-Arenen. Jetzt weiß sich der Pöbler in großer Gemeinschaft. Manch einer träumt schon davon, in einer Ochlokratie zu leben, der Pöbelherrschaft, Verfallsform der Demokratie.

Die pöbelnde Menge fühlt sich im Recht, mit Zweifeln hält sie sich nicht auf. Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch hat via Twitter eine Mail-Reaktion auf sein Buch „Eine Frage der Moral“ öffentlich gemacht, die ein Dr. Helmut N. mit den Worten beginnt: „Ich habe ihr Buch nicht gelesen, für Ihren als Pseudowissenschaft verbrämten Sprachfaschismus ist mir meine Zeit zu kostbar. Nichtsdestotrotz möchte ich Sie auffordern, uns endlich in Frieden zu lassen mit Ihren Vorschriften und Gängeleien.“

„Uns“? In einer weiteren Mail geht Dr. N. dann zum Du über, spricht von „linken Untermenschen“ und nennt den Autor „Ratte“. „Warum erhitzen sich die Gemüter so an Political Correctness?“, fragt Stefanowitsch in seinem Buch, in dem er auf 64 Seiten die Debatten über sexistischen und rassistischen Sprachgebrauch der zurückliegenden Jahre analysiert.

Pöbelei als Abgrenzung

Warum wird er dafür angepöbelt? Weil es geht. Weil alle es tun. Mal unverschämt in der Sache, mal in der Form. Für die AfD ist es Programm. Auch Jens Spahns (CDU) Satz „Hartz IV bedeutet nicht Armut“ gehört in diese Kategorie. Eine Pöbelei als Abgrenzung von jenen, die man für den „Pöbel“ hält.

Freundlich gemeint war der Begriff ja nie. „Wie bin ich’s müde, diesem Götzen zu schmeicheln, den mein Innerstes verachtet!, lässt Friedrich Schiller Königin Elisabeth im Drama „Maria Stuart“ sagen: „Die Meinung muss ich ehren, um das Lob der Menge buhlen, einem Pöbel muss ich’s Recht machen, dem der Gaukler nur gefällt.“ Stoßseufzer einer Mächtigen, die sich ihrer Ohnmacht bewusst ist. Am Ende unterschreibt sie Maria Stuarts Todesurteil – vom Volk gewünscht, genötigt von „der Gegner Hass“. Hass und Wut legen dem Pöbler die Worte in den Mund, machen Wünsche zur Forderung und diese zum Tabubruch.

Nicht „der Pöbel“ pöbelt, sondern der Bürger. Mag es als Ausdruck der Besorgnis gelten, ist es vor allem besorgniserregend. Das Wort im Geiste wird – ausgesprochen, wo immer es nun geht – zum Geist, der sich in Konsens kleidet wie in des Kaisers neue Kleider. Die Endlich-sagt’s-mal-einer-Trophäe in der Hand der Sprachlosen erweist sich als Trostpreis fürs Erregungs- und Eskalationspotenzial.

Der Fluch kehrt zurück

Pöbeln ist keine Kunst. Wird aber in diesen Stand erhoben, wenn der Filmtitel „Fack ju Göhte“ als frech gefeiert und ein Dialog daraus zum „Filmzitat des Jahres 2013“ gewählt wird. Nun gelten Sätze wie „Bist du geborderlined, du Geisterkranker?“ als Humor. Und apropos: Von der Bühne zu pöbeln, wie etwa Simone Solga und Uwe Steimle jenseits der Figurensprache, hat nichts mehr mit Kabarett zu tun. Links davon fischen Satire-Formate wie „heute show“ und „Extra 3“ im verbalen Niedrigtonsektor.

Mag sich die ironische Spielart des Pöbelns von der sozialen Verunsicherung unterscheiden, schenken sie sich in puncto Verwahrlosung nichts. Und feige sind sie beide. Grobheit wird für Mut gehalten und mitunter entscheidet die Blendgranate der Behauptung ein Wortgefecht. Der Fluch aber kehrt zum Absender zurück. Die Unfähigkeit zur Kommunikation auf einer Ebene des Dialogs lässt am Ende sprachlos zurück – und zwar alle.

(An der TU Dresden erforscht ein interdisziplinäres Forscherteam das Phänomen der Herabsetzung. „Martin Luther war ja der größte Schimpfer seines Jahrhunderts“, sagt in einem Interview der Historiker Gerd Schwerhoff.)

Von Janina Fleischer

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der US-Dirigent Alan Gilbert hat sich mit Gustav Mahlers gigantischer 3. Sinfonie als künftiger Chef des NDR Elbphilharmonieorchesters vorgestellt. Mit dabei auf der Bühne des neuen Konzertsaals: der Knabenchor Hannover.

09.04.2018

Thomas Hess, der Produktionsleiter des Wacken-Open-Airs und Tourmanager der „Böhsen Onkelz“, ist tot. Die Veranstalter veröffentlichten einen Nachruf auf den „fünften Onkel“ auf der offiziellen Facebookseite des Metal-Festivals. Weitere Hintergründe zu seinem Tod sind nicht bekannt.

09.04.2018
Kultur Weltweit So klang das Jahr 1968 - Haare Krishna!

Das Popjahr 1968 brachte unsterbliche Hits hervor – von Jimi Hendrix, den Doors, den Beatles. In der deutschen Hitparade dagegen regierte nicht der Protest, sondern Schlagerbub Heintje.

08.04.2018