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17:10 30.11.2018
Der Advent – er könnte so schön sein, würde er nicht im September beginnen und in einer Zimtüberdosis enden. Auch im Glühwein. Quelle: Florian Schuh/dpa
Leipzig

Am Sonntag beginnt der Advent von vorn. Er hat schon einmal im September angefangen, als in den Discountern die Lebkuchen-Batterien scharfgestellt wurden. In den Postfilialen läuft er seit zwei Wochen. Und seit ein paar Tagen ist er auf den Weihnachtsmärkten der Republik angekommen.

Gegen diese Glühweinspiele war das Zeithainer Lustlager Augusts des Starken eine Fastenkur. Für einen nur 1,8 Tonnen schweren Stollen jedenfalls geht heute niemand mehr vor die Tür. Doch was umfängt ihn zu Hause? Eine Eskalation der Gemütlichkeit in Duftwolken von Kerzenwachs und Tannengrün? Das wäre profan.

Zimt ist nicht freiwillig

Wer sich auf der Suche nach adventlichen Überraschungen für die Verwandtschaft die Sohlen abgelaufen hat, verdient eine Belohnung. Das „Aroma-Schaumbad Lichterglanz“ vielleicht, das seinen fruchtig-orientalischen Duft einem Schuss Orangenöl verdankt. Wonach Licht eben so riecht.

Advent-Profis aber greifen zu den „Badekristallen Wintertraum“ mit ihrer „warm-würzigen Duftkomposition aus Orange, Zimt und Nelken“. Das gibt „ein Gefühl von Geborgenheit“. Vor allem Zimt. Der wird schließlich in der Bibel erwähnt, was vermuten lässt, dass irgendwo in diesem Land auch ein Saunaufguss „Offenbarung des Johannes“ besinnlich macht.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Zimt ist nicht freiwillig. Versuchen einzelne Kosmetik-Filialen noch mit dem Weihnachts-Special-Duschgel „Vanilla Marshmallow“ den Trend zu unterlaufen, wagt es kein Mittelaltermarkt mehr, auf die Winterseife „Zitronenmyrte“ zu verzichten, die nur im Namen verschleiern kann, wonach sie selbstverständlich riecht: Zimt. Ein bisschen auch nach Kardamom, und ohne Kokos geht ja ebenfalls schon länger gar nichts mehr.

Zur Traumfigur

Wer keinen Kochdaumen hat, garniert einfach ein Stück „Weihnachtsseife“ mit einem Klecks Sahne, zwei Blättchen Minze dazu – und auf dem Teller liegt ein Dessert, das sich vor der Saisonware nicht verstecken muss.

Für feine Zungen schmeckt es möglicherweise etwas seifig im Abgang, doch bei vielen Advents-Teilnehmern sind die Geschmacksknospen längst ausgetrocknet von Räucherkerzen der Duftmarken Weihrauch, Tanne, Honig ... und natürlich: Zimt. Wem schon mal die Plätzchen angebrannt sind, der weiß, wie das riecht.

Immerhin hilft Zimt gegen Stollen-Bauch, Spekulatius-Hüfte und Lebkuchen-Kinn. Wenn eine bunte deutsche Frauenzeitschrift jetzt mit der Titelzeile „Schlankwunder Zimt“ an die Kioske kommt, wird schon etwas dran sein. „3 Gläser am Tag reichen“, steht dort. Mit drei Löffeln Zucker könnte es schmecken – relativiert jedoch die Blutzucker-regulierende Wirkung.

Biologisch abbaubar

Auch antibakterielle Eigenschaften werden dem Gewürz nachgesagt. In der gefährlichen Erkältungszeit einfach ein halbes Pfund Zimt dem Wischwasser zufügen, umrühren, fertig. Im Büro macht man mit einer Stimmungskerze „Housewarmer Cinnamon Stick“ oder „Feel good“ nichts falsch. Oder mit „Kürbis Zimt & Zedernholz Tanne“ im Set aus 100 Prozent Sojawachs, biologisch abbaubar, ohne Parabene und „ohne Tierversuche“.

Im Menschenversuch hat sich gezeigt, dass der im Zimt vorkommende Pflanzenstoff Cumarin das Zeug zum Gift hat. Bis zu 24 kleine Zimtkekse am Tag, das entspricht einem Zimtkeks-Adventskalender, seien unbedenklich. Danach drohen Leberschäden. Wer nun nicht übermäßig an der Ingwer-Zimt-Seife leckt, die Zimt-Räucherkerzchen nicht in der Pfeife raucht und nach dem zwölften Glühweinbecher eine Pause einlegt, sollte auch in diesem Winter mit dem Leben davonkommen. Dem Rest entkommt er nicht.

Von Janina Fleischer

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