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Kultur Weltweit Sex und Lügen: Erfolgsautorin Leila Slimani über Frauen, den Islam und Moral
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12:00 04.11.2018
Abrechnung mit einer scheinheiligen Gesellschaft: mit der Auseinandersetzung mit ihrem Heimatland stößt die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani auf große Resonanz. Quelle: Verlag
Paris

Zhors Eltern haben ihr stets eingebläut, dass Sex etwas Schlechtes ist. Und völlig ausgeschlossen vor der Ehe. So ergeht es vielen jungen Frauen in marokkanischen Familien. Dann aber wird Zhor mit 15 Jahren vergewaltigt, auch dieses Schicksal teilen viele Mädchen in diesem Land. Fortan gilt sie als Schlampe und unheiratbar. Das ist eine der Frauen, denen die Autorin Leïla Slimani aus dem Schatten verhilft.

Eine andere ist Nour, eine unverheiratete 30-Jährige, die den großen Einfluss der Religion in ihrer marokkanischen Heimat beklagt. Die Tradition lege den Männern auf, eine Jungfrau zu heiraten und keine „befleckte“ Frau – auch wenn sie selbst es waren, die diese „befleckt“ haben. „Ich verlange nichts Unmögliches“, sagt Nour. „Nur so zu leben, wie ich will, mit wem ich will.“

Frauen wie sie sprachen die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani an, als diese mit ihrem ersten Roman „Dans le jardin de l’ogre“ eine Lesereise durch Marokko machte. Sie ist in Rabat aufgewachsen und ging zum Studieren nach Paris, wo sie blieb.

Trägerin des Prix Goncourt: Leïla Slimani Quelle: Pierre Hybre / M.Y.O.P

Slimanis Erstlingswerk über eine sexsüchtige Frau stieß ausgerechnet in dem so konservativen Marokko auf enorme Resonanz: Nach den Lesungen kamen Frauen zu Slimani, um ihr mit verblüffender Offenheit ihre persönlichen (Leidens-)Geschichten zu erzählen. Marokkaner, so schlussfolgerte die Autorin, haben viel Erfahrung mit sexuellem Leid, Frustration und Entfremdung.

Sie sagt: „In einer Gesellschaft, in der es keinerlei Freiheit gibt, seine Gefühle auszuleben, wird Sex unweigerlich zur Obsession.“ Sie beschloss, die Zeugnisse über Moral und Sexualität, Partnerschaft und Gleichberechtigung in ihrem Werk „Sex und Lügen“ zu beschreiben, das nun auch in deutscher Sprache erschienen ist.

Ein Comicbuch für Erwachsene

In Frankreich hat Slimani großen Erfolg: Für ihren Roman „Dann schlaf auch du“ bekam die Autorin 2016 den wichtigsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt. Präsident Emmanuel Macron hat sie als „Botschafterin für die Frankophonie“ angeheuert, um die französische Sprache weltweit zu bewerben.

Parallel zum aktuellen Buch schuf die 37-Jährige gemeinsam mit der Illustratorin Laetitia Coryn die Graphic Novel „Hand aufs Herz“, in der die Begegnungen auf faszinierende Weise verdichtet und greifbar gemacht werden. Es ist eines jener Comicbücher für Erwachsene, die in Frankreich etabliert sind, in Deutschland aber ein Nischendasein fristen.

„Wenn du ein Mädchen bist, musst du kämpfen, damit man dich respektiert“: Szenen aus der Graphic Novel „Hand aufs Herz“ von Leïla Slimani. Quelle: Verlag

Slimani rechnet schonungslos mit einer scheinheiligen Gesellschaft ab, die den Ehrbegriff ins Zentrum setzt und dabei „zerfressen vom Gift der Heuchelei und von einer institutionalisierten Kultur der Lüge“ ist, wie Slimani sagt. Vor- oder außerehelicher Sex, Abtreibungen, Prostitution oder Homosexualität sind unter Strafe verboten – all das existiert aber unter einem erdrückenden Deckmantel.

Die Mahnungen zu züchtigem Verhalten sind allgegenwärtig, zugleich ist Marokko der fünftgrößte Konsument von Internetpornografie. Jugendliche können von der Polizei verhaftet werden, nur weil sie sich in einer Waldecke küssen; Homosexuelle werden teils gewaltsam angegangen, selbstbestimmte Frauen, die ein wirtschaftlich unabhängiges Leben führen wollen, sozial ausgeschlossen.

Ein beeindruckendes Plädoyer für Freiheit

Slimani beschreibt ein Klima der Angst und Unterdrückung. Indem sie Frauen unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Milieus eine Stimme gibt, klagt sie die soziale Kontrolle, die Obsession der Jungfräulichkeit und Sexualisierung von Frauen und grundlegende Einschränkung von Freiheiten an.

Die Autorin hat zudem mit einer Philosophin und dem Regisseur eines Skandalfilms gesprochen, und sie unternimmt einen Ausflug in die Rolle der Sexualität in den Anfängen des Islams.

Auf die rasanten Veränderungen der marokkanischen Gesellschaft – Anstieg des Durchschnittsalters der ersten Eheschließung, gewachsener Anteil von Mädchen unter den Abiturienten, Sinken der Geburtenraten – folgte keine Anpassung der Rechte für Frauen. Slimani liefert mit ihrem Werk ein beeindruckendes Plädoyer für ihre Freiheit.

Leïla Slimani und Laetitia Coryn: Hand aufs Herz. Avant-Verlag. 25 Euro Quelle: Verlag

Leïla Slimani: Sex und Lügen. Gespräche mit Frauen aus der islamischen Welt. Btb-Verlag. 12 Euro

Leïla Slimani / Laetitia Coryn: Hand aufs Herz. Avant-Verlag. 25 Euro

Von Birgit Holzer

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