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Kultur Weltweit „Styx“ – Zu den Flüchtlingen auf dem Totenmeer
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05:02 13.09.2018
Noch ist sie die Selbstsicherheit in Person: Notärztin Rike (Susanne Wolff) am Steuer ihrer Yacht. Quelle: Zorro
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Hannover

Jeder Handgriff sitzt. Es ist eine Freude, Rike zuzuschauen, egal ob sie einem verunfallten Autofahrer in der Kölner Innenstadt das Leben rettet oder ob sie am Steuer ihrer schnittigen Zwölf-Meter-Yacht den Ozean durchquert. Jede ihrer Handlungen ist wohl überlegt, exakt und auf das bestmögliche Ergebnis hin ausgerichtet. Rike ist die Personifizierung der tatkräftigen Westeuropäerin im 21. Jahrhundert, die selbstbestimmt ihren Weg geht – und nur ungern akzeptiert, wenn sie an ihre moralischen und körperlichen Grenzen gebracht wird.

Am Ende dieses puristischen Kammerspiels auf weiter See werden wir Rike (Susanne Wolff) apathisch ins Leere starren sehen. Sie ist nicht in der Lage, die Worte ihres Gegenübers aufzunehmen. Ihr Selbstvertrauen hat sie verlassen.

Eine Reise mit der vom Autopilot gesteuerten Jacht

Dabei läuft zunächst alles wie geschmiert in Wolfgang Fischers packendem Drama „Styx“. Proviant, Wasserflaschen, Kartenmaterial, technisches Gerät: Alles ist akkurat an seinem Platz verstaut, als Rike auf ihrem blitzblank geputzten Boot von Gibraltar aus in See sticht. Ihr Ziel: die Tropeninsel Ascension im Südatlantik, irgendwo zwischen Afrika und Südamerika gelegen. Dort ließ Charles Darwin einst mit Hilfe der Royal Navy ein Dschungelbiotop anlegen – eine Art Garten Eden.

Auch an die passende Urlaubslektüre hat Rike gedacht: Während ihre zuverlässige Jacht per Autopilot gen Süden strebt, sitzt sie entspannt am Heck und schmökert in dem dicken Naturbuch über das Inselparadies.

An Bord ihres Boots hat die Heldin alles im Griff

Mehr als eine halbe Kinostunde lang beobachten wir Rike auf ihrem Törn, den Kameramann Benedict Neuenfels mit viel Gespür für den Gegensatz von weitem Meer und enger Kajüte filmt. Wir lauschen dem Wind und den Wellen und überlegen, ob es ein Risiko sein könnte, wenn Rike ihr Boot zum Schwimmen verlässt. Ist es natürlich nicht. Sie hat eine lange Sicherheitsleine ausgelegt.

Gesprochen wird so gut wie gar nicht. Aber mit wem sollte Rike auch reden? Es ist ja niemand da. Einmal hat sie am Funkgerät Kontakt zu einem Frachter, der sie vor einem Unwetter warnt und ihr für den Fall der Fälle Hilfe anbietet. Aber Rike braucht keine Hilfe, auch nicht im Sturm. Sie hat alles im Griff, anders als der Robert Redford als unglücklicher Einhandsegler in „All is Lost“ (2013), dessen Boot mit einem treibenden Container zusammengestoßen war.

Die Flüchtlinge winken, springen über Bord

Und dann begegnet Rike dem manövrierunfähigen, leckgeschlagenen Fischtrawler. An Bord drängeln sich mehr als 100 Menschen, Flüchtlinge in Not. Sie winken, sie springen über Bord, als sie Rike sehen.

Rike gibt einen Notruf ab. Küstenwache, Frachtschiffe, andere Segler: Eine Rettungsmaschinerie muss sich doch auch hier in Gang setzen lassen, so wie im Kölner Autoverkehr. Aber nichts passiert. Die Küstenwache rät ihr, sich rauszuhalten und weiterzusegeln. Ein Rettungsteam sei bereits unterwegs – aber ist auch nach Stunden immer noch nicht vor Ort. Der freundliche Frachterkapitän am Funkgerät sagt ihr, dass er seinen Job verlöre, würde er seinen Kurs wegen der Flüchtlinge ändern. So laute nun mal die Firmenpolitik.

Für Sentimentalität besteht kein Anlass

Ein namenloser Junge (Gedion Oduor Wekesa, ein Kenianer, aus dem von Tom Tykwer in Nairobi initiierten Kinoprojekt) hat es schwimmend mit letzter Kraft bis zu Rikes Yacht geschafft. „Ronaldo, Nr. 7“ ist auf seinem T-Shirt zu lesen. Mühsam fischt sie ihn aus dem Wasser, versorgt ihn mit Infusionen und Verbänden, sie ist schließlich Profi.

Freunde werden der Junge und sie nicht. Für Sentimentalität besteht kein Anlass, für Dankbarkeit auch nicht. Der Junge will nur eines von Rike: Sie soll zum Trawler fahren, auf dem seine Schwester gerade verdurstet. Gegen die aggressive Verzweiflung des Geretteten weiß Rike kein Mittel.

Sie will ja helfen, sie ist als Medizinerin sogar verpflichtet dazu. Aber sie muss sich auch selbst schützen, das ist die oberste Pflicht einer Rettungsärztin: Würde sie all die Menschen aufnehmen auf ihrer Yacht, würde diese sinken. Sobald sie sich dem Trawler auch nur nähert, bricht dort das Chaos aus.

Die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten

Das Drama „Styx“ ist konkret, handfest, packend. Aber der Film steht auch für den sinnbildlichen Umgang Europas mit Flüchtlingen. Humanitäre Regeln haben längst versagt, und niemand schreit auf. Rike kann dem Blick des Jungen auf ihrer Yacht nicht ausweichen, alle anderen schauen lieber erst gar nicht hin.

Styx: So heißt in der griechischen Mythologie der Fluss, der die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und dem Totenreich Hades darstellt. Hier bildet das Meer diese Grenze. Inselparadiese, die sich ansteuern ließen, ohne der brutalen Wirklichkeit zu begegnen, gibt es nicht mehr.

Von Stefan Stosch / RND

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