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Kultur Weltweit Tanja Maljartschuk gewinnt Bachmann-Preis
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17:09 08.07.2018
Tanja Maljartschuk hat den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Quelle: APA
Klagenfurt

„Was bedeutet das jetzt?“, fragt der Moderator den Notar. Es geht da am Sonntagvormittag aber nur noch um Verfahrensweisen, mit denen die Jury den Gewinner, die Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises bestimmt. Schon nach der zweiten öffentlichen Abstimmungsrunde gibt es eine Mehrheit und steht fest: Der Hauptpreis und 25.000 Euro gehen an: Tanja Maljartschuk. Juror Stefan Gmünder, der Autorin und Text eingeladen hatte zu den 42. Tagen der deutschsprachigen Literatur, lobt eine komplexe Parabel, einen gut gemachten Text. In Maljartschuks „Frösche im Meer“ geht es um Probleme einer sozial ungleichen, auch xenophoben Gesellschaft und gleichzeitig zuweilen fehlendes Interesse der Generation aneinander. Es geht um Entfremdungen.

Viel Lob für Bov Bjerg

Auf der Shortlist standen kurz vor der Preisverleihung noch 7 von 14 Autoren, unter denen die vier Jury-Auszeichnungen vergeben wurden. Den Deutschlandfunk-Preis (12.500 Euro) nahm Bov Bjerg entgegen für, wie Klaus Kastberger begründete, einen „Humor, den man nicht erst zu erklären braucht“, und weil er Fragen stelle wie: Wir halten wir es mit unserer Identität?

Der mit 10.000 Euro dotierte Kelag-Preis geht an Özlem Özgül Dündar. Die in Solingen geborene Autorin (sie hat am Deutschen Literaturinstituts Leipzig studiert) inszeniere, sagt Jurorin Insa Wilke, einen Chor der Mütter, der von einer Gesellschaft spricht. „Die Morde von Solingen werden durch sie in die Literaturgeschichte eingeschrieben.“

Den 3sat-Preis (7500 Euro) bekommt Anna Stern, die „als Literaturwissenschaftlerin und passionierte Erzählerin zwei Welten“ vereine, wie Hildegard E. Keller sich freut. Sie lobt Sterns „äußerst präzise Sprache und Fähigkeit, große Kosmen zu entwerfen“. Das Publikum hat sich in einer online-Abstimmung für Raphaela Edelbauer entschieden, die 7000 Euro mit nach Hause nimmt.

Insa Wilke beliebteste Jurorin

Die 42. Tage der deutschsprachigen Literatur endeten auch mit der fünften Wahl der beliebtesten Bachmannpreis-Juroren. Zum ersten Mal waren diesmal Insa Wilke und Nora Gomringer dabei. Wilke landete sozusagen aus dem Stand auf Platz 1, auf 2 folgt Gomringer, die 2015 selbst Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises war und eine Autorinnen-Perspektive einbringt, die hier und da eine größere Nähe zum beurteilten Text hat als die Analysen hauptberuflicher Kritiker.

Hildegard E. Keller verteidigt ihren 3. Platz, es folgen die Herren Stefan Gmünder und Michael Wiederstein um Jury-Sprecher Hubert Winkels. Natürlich ist diese Publikumsabstimmung auf literaturcafe.de nicht repräsentativ. Dennoch spiegelt sie einen Wettbewerb, bei dem 7 Juroren die Texte von 14 Autoren öffentlich bewerten nach Kriterien, die nicht immer literarisch sind. Ein Beispiel diesmal: Klaus Kastbergers fast schon beleidigte Reaktion auf den Text Stephan Groetzners, der am Samstag eine Parodie auf Österreich und wohl auch auf den Bachmannpreis las.

Verschiedene Erlebnis-Ebenen

Überhaupt die Ebenen. Wer die drei Lesetage im ORF-Theater in Klagenfurt live verfolgt, erlebt eine andere Veranstaltung als die Zuhörer bei der Liveübertragung draußen im Lendhafen, etwas anderes als beim Public Bashing auf Twitter, etwas anderes als der einsame Live-Fernsehzuschauer und sowieso als jemand, der es sich mit Ausdrucken der Autorentexte am Kamin gemütlich macht.

Das Besondere am Bachmannpreis, der „Mutter aller Casting-Shows“ (Winkels), bleibt die Präsentation von Texten durch ihre Autoren – zusammen mit dem Sprechen darüber. Oder Streiten. Dem Arbeiten damit und Abarbeiten daran. Für Hubert Winkels wurde „deutlich sichtbar, dass die mit souveränen Mitteln gut erzählte Geschichte prägend“ war. Keine Experimente. Was viel für Klagenfurt bedeutet und vielleicht auch etwas für die Literatur.

Die Preisträger Bov Bjerg, mit dem Deutschlandfunk-Preis, Özlem Özgül Dündar, mit dem Kelag-Preis, Tanja Maljartschuk, mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis, Raphaela Edelbauer, mit dem BKS-Bank-Publikumspreis, und Anna Stern, mit dem 3sat-Preis. Quelle: dpa

Von Janina Fleischer/RND