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Kultur Weltweit US-Schriftsteller Tom Wolfe stirbt mit 88 Jahren
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19:41 15.05.2018
Der US-Schriftsteller Tom Wolfe ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Quelle: AP
New York

Er hat gestritten, provoziert und immer wieder neue Generationen von Lesern für seine Bücher und seine Reportagen begeistert. Mit seinem Roman „Fegefeuer der Eitelkeiten“ erlangte Tom Wolfe Weltruhm, zugleich blieb er aber ein umstrittener Zeitgenosse.

Noch Anfang des Jahres spazierte Wolfe hin und wieder am Central Park entlang, schon von weitem mit seinem weißen Maßanzug, dem breitkrempigen Hut und dem Gehstock gut erkennbar. Obwohl seine turbulente Zeit schon einige Jahre zurückliegt, meldete sich der streitbare Autor bis kurz vor seinem Lebensende regelmäßig zu Wort.

Erst vor wenigen Wochen warf Wolfe der demokratischen Partei in den USA vor, sich mehr um Minderheiten als um die Arbeiterschaft zu kümmern - und somit selbst zum Aufstieg von Donald Trump beigetragen zu haben. Seine Kritik an der amerikanischen Linken und an der Political correctnes’ ist amerikaweit bekannt und brachte ihm gleichermaßen Kritik, Spott und Häme ein.

Die Begeisterung für seinen Beruf verlor er nie

Wie nah ihm diese Angriffe gingen, lässt sich schwer beurteilen - zumal auch einige große Gegenwartsliteraten kein gutes Haar an ihm ließen. Freimütig gestand der zweifache Familienvater denn auch ständige Zweifel am eigenen Werk ein. Der Grat zwischen Literatur und Geschreibsel kann manchmal äußerst schmal sein, befand er erst kürzlich im Gespräch mit jüngeren Kollegen.

Nichtsdestotrotz blieb er Zeit seines Lebens begeistert von seinem eigenen Beruf: „Das Schreiben ist wie eine Entdeckungsreise. Du weißt nie, wo es dich letztlich hinführt.“

Wolfe war Miterfinder des „New Journalism“

Trotz der Auseinandersetzungen um sein literarisches Werk gilt der Beststeller-Autor ganz unstrittig als Miterfinder des „New Journalism“, einer Berichterstattung, die sich einem literarischen Stil annähert und sich zugleich auf gründliche Recherche und präzise Fakten stützt.

Als Journalist geehrt wurde er unter anderem für seine Reportagen in der „Washington Post“ über die Revolution in Kuba. Stets sei er dabei einer einfachen Prämisse gefolgt: Geh raus und lass dir die Lage von Grund auf erklären, ganz so, als ob du ein Marsmännchen wärst und nichts über das Leben auf der Erde wüsstest.

Den Zeitgeist griff er mehrmals pointiert auf

Dass es Wolfe nicht allein beim Beschreiben ließ, sondern zugleich ein tiefes politisches Verständnis und ein feines Sprachgefühl besaß, wurde in seinen Texten zumeist schon nach wenigen Absätzen spürbar.

Zu der Zeit seiner großen Kuba-Reportagen gelang ihm denn auch der Übergang zum Schriftsteller: So zählt sein Buch über Drogenexperimente, Blumenkinder und eine wilde Busfahrt quer durch Amerika (Der Electric Kool-Aid Acid Test) zu den besten Arbeiten über die Hippie-Generation.

Als Portrait einer Epoche gilt vor allem aber „Fegefeuer der Eitelkeiten“, in dem Wolfe die Exzesse des Börsenbooms und die aufgedrehte Stimmung der Ronald-Reagan-Jahre beschreibt.

Wolfe behielt sich immer eine gewisse Distanz vor

Seine kritische Distanz zu aktuellen Gegebenheiten behielt der Bestseller-Autor bis ins hohe Alter bei. Einen ganz schlichten Ratschlag hielt er übrigens für Leser parat, die überwiegend am Computer oder am Smartphone lesen: Allein schon die Tatsache, dass man auf einem sehr hellen Untergrund lese, bringe Schwierigkeiten mit langen Texten mit sich.

Nach spätestens tausend Wörtern sei es mit der Aufmerksamkeit vorbei. Dementsprechend müssten sich auch die Journalisten immer kürzer fassen. Eine Tendenz, die seiner Meinung nach zum Verlust des literarischen Stils führen könnte.

Wie die „New York Times“ berichtet, starb Wolfe am Montag mit 88 Jahren in einem Krankenhaus in Manhattan an einer Infektion.

Von Stefan Koch/RND