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Kultur Weltweit „Am Abgrund“: Das erste Album seit 13 Jahren
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10:28 06.11.2018
Oswald Henke beim Viktorianischen Picknick im Rahmen des WGT in Leipzig. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Sie waren eins der Aushängeschilder der deutschen Dark-Wave- und Gothic-Szene, aber lange blieb es ruhig um Goethes Erben. Das letzte Album ist über 13 Jahre her, an ein Comeback hat selbst Mastermind und Szene-Ikone Oswald Henke (Jahrgang 1967) lange nicht geglaubt. Nun erschien das Album „Am Abgrund“, und Goethes Erben sind wieder live zu erleben. Oswald Henke verrät im Interview mit , wie es dazu kam.

Was hat Sie bewogen, Goethes Erben wieder aufleben zu lassen?

Es war notwendig, dieses Album zu machen. Seit einigen Jahren entwickelt sich unsere Gesellschaft rückwärts – und zwar im Dauerlauf. Viele bemerken nicht, das wir sehr nahe an einem Abgrund stehen. Die Menschen in Europa scheinen friedensmüde geworden zu sein und jammern oftmals auf sehr hohem Niveau. Ich finde, das Album ist der passende Soundtrack zum absurden Schauspiel von Postfakten, Trauermärschen und Politikerkasten, die ihr Wahlvolk als Unberührbare ansehen und auch so behandeln. Es war Zeit für Zorn und auch für Schmerz. Denn Angst und Agonie sind sicherlich nicht die Lösung.

Das Album gibt es nur in wenigen Städten und Läden direkt zu kaufen. Inwiefern sind die Vertriebsbedingungen schwieriger geworden?

Ich wollte nicht, dass es in Drogeriemärkten oder Elektrofachgeschäften  verkauft wird. Kleinere Plattenläden werden direkt beliefert. Wir sahen keinen Sinn in einem Vertrieb. Der Tonträgerhandel hat sich hier in vielen Strukturen überlebt. Wir haben den Weg gewählt, mit alternativen Läden, die so oder so mit der Szene unserer Haupthörerschaft verwurzelt sind, zu kooperieren, so zum Beispiel in Berlin, Oberhausen, Ulm und Leipzig. Wer das Album kaufen möchte, hat somit die unterschiedlichsten Möglichkeiten. Allerdings bleibt es dabei: Goethes Erben gibt es nur in Form von körperlichen Tonträgern, also entweder als CD oder Vinyl, nicht als MP3 oder Streaming. Wir möchten, dass die Musik körperlich wahrgenommen wird und nicht als beliebiger akustischer Bildschirmschoner endet.

Mit Ihrem durchdringenden aber auch brüchigen Sprechgesang haben Sie die deutsche Dark-Wave- und Gothic-Bewegung mitgeprägt, Goethes Erben und einer Handvoll anderer Bands wurde mit der „Neuen Deutschen Todeskunst“ ein eigenes Subgenre zugeschrieben. Erinnern Sie sich noch, was damals die ersten musikalischen Antriebe waren?

Ich wollte damals Musik machen, die es nicht gab: düster, theatralisch und auf Deutsch. So entwickelte sich unser eigener Stil, deutsche Sprache in den Mittelpunkt einer Musiklandschaft zu stellen, die keine Grenzen kennt. Den Begriff „Neue Deutsche Todeskunst“ finde ich sehr einengend, da wir uns nicht nur um den Themenkreis Tod bewegen. Uns geht es hier doch mehr um das Leben. Der Tod ist der finale Stillstand. Das Leben ist der Abschnitt, den man gestalten kann – wenn man will.

Wie würden Sie Goethes Erben 2018 musikalisch beschreiben?

Wir sind alle alt geworden. Aber wir haben die Wahl zwischen Weisheit und Zorn oder einem Mix aus beidem. Es ist schwierig, sich selbst zu beschreiben. Sagen wir es so: Wir sind musikalisch heute erwachsener, aber wir scheren uns noch immer nicht darum, vorwiegend songorientiert zu denken. Wir fühlen Musik, beziehungsweise versuchen sie nachfühlbar zu machen. Das passt nicht in eine Schablone, sondern muss jedes Mal individuell angepasst werden.

Die Single „Lazarus“ besingt den moralischen Verfall Europas. Wohin steuern wir nach Ihrer Meinung nach gerade?

Europa beweist eindrucksvoll und beschämend, wieso es damals als Wirtschaftgemeinschaft gegründet wurde. Kultur wurde höchstens als Feigenblatt im Eurowald geduldet. Das rächt sich jetzt. Es gibt leider keine gemeinsamen Werte. Politiker reden gerne von westlichen Werten, ich frage mich nur, wie sie die definieren? Werte entwerten, das kann Europa wunderbar. Meine Hoffnung gilt den jungen Menschen, die sich hoffentlich irgendwann bewusst werden, dass Europa auch eine Gemeinschaft auf Basis von Kultur und Menschenvielfalt sein kann und hoffentlich auch wird. 

„Am Abgrund tanzt es sich im Sturm am schönsten“, klingt es anderswo fast eskapistisch. Ist das Ihre Art, sich den Ereignissen der letzten Jahre zu nähern?

Wäre es nicht so, hätte ich dieses Album so nicht veröffentlichen müssen. Künstler haben eine Gewissensfunktion in einer Gesellschaft, Narren durften schon im Mittelalter den Königen die Meinung kundtun ohne um ihren Kopf fürchten zu müssen, naja in der Regel zumindest.

Das Album klingt an vielen Stellen eher zurückgenommen, introvertiert, nachdenklich. An welchen Stellen muss man trotzdem laut werden?

Die Gesellschaft sollte in jedem Fall dann laut werden, wenn Politiker nur noch ihre Interessen oder die der Wirtschaft vertreten und das Gemeinwohl vergessen oder sogar beschädigen. Ganz wichtig auch dann, wenn Artikel 1 unseres Grundgesetzes angegriffen wird. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, das tritt etwa die AfD tagtäglich mit Füßen. So viel zu deren Verständnis unserer demokratischen Strukturen.

Von Karsten Kriesel

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