Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Weltweit Andris Nelsons dirigiert Mahlers 5. und Martinssons „Bridge“ im Gewandhaus
Nachrichten Kultur Kultur Weltweit Andris Nelsons dirigiert Mahlers 5. und Martinssons „Bridge“ im Gewandhaus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:16 28.09.2018
Einzigartig: Der Trompeter Håkan Hardenberger. Quelle: André Kempner
Leipzig

Manchmal ist es nicht gut, wenn alle ergriffen sind: Folgen Publikum und Orchester ungebremst ihrer eigenen Leidenschaft, sollte wenigstens der Dirigent sich um Distanz bemühen, einen Schritt zurücktreten, bremsen, vielleicht auch beschleunigen, in jedem Falle: ordnen. Andris Nelsons tut es nicht im Finale von Gustav Mahlers grandioser Fünfter. Und so ist schneller, als es der Struktur dieses Riesen-Rondos guttut, der Höhepunkt erreicht. Es folgen noch viele weitere. Aber steigern können sie sich nicht mehr. Und eine Folge gleich hoher Gipfel bildet keine dramatisch belebte sinfonische Landschaft, sondern ein Panorama schöner Stellen. Kaum anders verhält es sich im zweiten Satz, den Nelsons und das Gewandhausorchester zwar tatsächlich „Stürmisch bewegt“ angehen und „Mit größter Vehemenz“, der aber dennoch merkwürdig wadenlahm auf der Stelle tritt.

Andererseits kann man den Gewandhauskapellmeister auch gut verstehen, dass er die Kontrolle abgibt, sich immer wieder aufs Zuhören zurückzieht, aufs Taktieren, aufs Ermutigen. Denn was sein Orchester ihm da anbietet an Herrlichkeiten, an Farben und Linien, Schattierungen und Kontrasten, Gewalt und Zärtlichkeit, ist durchaus schon für sich den Besuch der Großen Concerte dieser Woche wert. Und während des größeren Teils dieser fünf Viertelstunden tönenden Welttheaters gilt:

Meistens ist es gut, wenn alle ergriffen sind. Dann ermöglicht der Dirigent seinem Orchester und dem Publikum, sich rückhaltlos der eigenen Leidenschaft auszuliefern. Dann bedarf es keines Bauplans, keiner Strategie. Dann greift zwischen Jonathan Müllers ehrfurchtgebietend scharfer Trompeten-Fanfare zu Beginn des Kopfsatzes und ihrem Flöten-Echo an seinem Ende alles ineinander, zeugt jede der vielen unsagbar schönen Stellen neue Spannung, lässt jeder Blick in den Abgrund aufs Neue erschaudern, schimmert immer wieder Hoffnung über den sanften Ebenen trügerischer Ruhe. Nur im Adagietto, das Nelsons „Sehr langsam“ angeht, aber im Fluss hält, darf der Augenblick sich selbst genügen, scheinen die beinahe brutalen Militär-Fanfaren des Kopfsatzes ebenso so fern wie die bösen Walzer und die Pizzicato-Grotesken des Scherzos.

Begnadeter Mahler-Dirigent

Hier zeigt sich, dass Andris Nelsons ein begnadeter Mahler-Dirigent ist. Nicht obwohl, sondern weil sein Ansatz kein analytischer ist. Seine Sprache ist nicht die Struktur, seine Sprache ist der Klang. Das könnte mit weniger großartigen Klangkörpern auch gewaltig in die Hose gehen – entschädigt hier aber allemal für die architektonischen Defizite von zweitem und letztem Satz. Denn wie Nelsons aus dem Augenblick nicht nur Schönheit und Emotion schöpft, sondern auch Tiefe und Bedeutung, wird er dem Geist Mahlers gewiss eher gerecht als durch noch so kompetente Detail-Huberei. Und so mündet die Begeisterung im Saal nach dem beinahe lapidaren Schluss ihn enthemmtes Gebrüll.

Mahlers Sinfonik bildet Höhpunkt und Abschluss des Genres im romantischen Sinne. Dies bedeutet, dass zwangsläufig hinter ihm zurückbleibt, wer in diesem Geiste weiterhin Tonhöhen sortiert. Rolf Martinsson zum Beispiel. Der 1956 geborene Schwede gehört zu den Lieblingen im philharmonischen Zirkus. Weil er die Wohlklangkörper der Welt verlässlich mit Musik versorgt, die neueren Datums ist, aber niemandem wehtut. Weil sie den Gestus der Romantik, ihre Emotionalität, ihren Wohlklang, ihren Spielwitz, ihre Poesie, auch ihre Eklektik zwar ein wenig moderner einkleidet, im Grunde aber ihren Zauber in die Moderne fortschreibt.

Virtuosen-Konzert mit allem Drum und Dran

So kommt im Trompetenkonzert „Bridge“ kaum ein Klang vor, kaum ein Instrumentationsdetail, kaum eine Farbe oder Stimmung, die Mahler nicht auch schon hätte einfallen können, und manches Details verweist auch recht konkret auf den Großmeister an der Schwelle zur Moderne. Übers Ganze allerdings stellt sich bisweilen die Frage, ob diese zeitgenössische Erkundung musikalischer Epik von einst wirklich fast eine halbe Stunde dauern muss. Doch sind erstens die vielen schönen Stellen, die sich da aneinanderreihen, zum größten Teil wirklich außergewöhnlich schön. Zweitens zwang Martinsson sie in eine überzeugende Großform. Und drittens ist diese 1999 entstandene sinfonische „Brücke“ endlich mal wieder ein echtes Virtuosen-Konzert mit allem Drum und Dran.

Mit der Virtuosität nämlich hatte es die Nachkriegs-Moderne lange nicht so. Ja, bestialisch schwer ist vieles in der Neutönerei. Aber die Schwierigkeiten durften nur sehr selten sinnliches Eigenleben, spielerischen Glanz entfalten, hatten mehr von Fron als von Lust. Bei Martinsson dagegen kann Håkan Hardenberger, der amtierende Welt-Obertrompeter, nicht nur zeigen, was er kann (nämlich alles), sondern dies auch mit erheblichem Lustgewinn für sich und das Publikum tun. Zumal die Virtuosität in diesem Trompetenkonzert zwar auf den Solisten fokussiert ist, aber keineswegs beschränkt bleibt. „Bridge“ ist dankbar für alle Beteiligten, dazu immer wieder überraschend, überrumpelnd und überzeugend – kurzum: Hier gibt es alles, was Musik braucht. Ganz gleich,wann sie entstand.

Håkan Hardenberger und Andris Nelsons sind heute, 29. September, 20 Uhr, beide als Trompeter im Klassik underground in der Moritzbastei zu erleben. Das Große Concert gibt’s am morgigen Sonntag, 11 Uhr, noch einmal, allerdings statt mit Martinssons „Bridge“ mit Bernd Alois Zimmermanns kürzerem Trompetenkonzert „Nobody knows de trouble I see“. Restkarten: Abend- / Tageskasse.

Von Peter Korfmacher

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Für viele ist es die beste Partitur aus der Feder Giacomo Puccinis: „La Fanciulla del West“ (Das Mädchen aus dem Goldenen Westen), uraufgeführt 1910 in New York. In der Oper Leipzig feiert die Goldgräber-Oper aus dem Wilden Westen am 29. September Premiere. Regie führt MuKo-Chefregisseur Cusch Jung, die Titel-Partie singt Meagan Miller.

26.09.2018

Wolfgang Engel, Schauspieler, einflussreicher Regisseur vor und nach der Wende sowie Intendant des Schauspiels Leipzig von 1995 bis 2008, feiert am 13. August seinen 75. Geburtstag.

13.08.2018

Zehn Männer an der Grenze zum Chippendale-Klischee: „Junge Junge!“ bietet im Leipziger Krystallpalast-Varieté Akrobatik zum Staunen, viel fürs Auge und noch mehr fürs Zwerchfell.

10.08.2018