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Kultur Weltweit Andris Nelsons dirigiert im Gewandhaus Werke von Dzenitis, Tschaikowski und Mahler
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14:06 05.10.2018
Kristine Opolais singt, Andris Nelsons dirigiert Tschaikowski im Großen Concert. Quelle: Foto: Gert Mothes
Leipzig

Nur zwei Komponisten begannen ihre sinfonischen Bergwanderungen auf dem Gipfel: Johannes Brahms und Gustav Mahler, dessen Erste Andris Nelsons in dieser Woche ans Ende der Großen Concerte des Gewandhausorchesters setzt. In Leipzig entstand sie, 1888, während Mahler als Kapellmeister an der Oper subalterne Dienste unter dem allmächtigen Artur Nikisch schob. Doch weil Mahler schließlich nicht als großer Dirigent in die Geschichte gegangen ist, sondern vor allem als übergroßer Komponist, ist die Bedeutung Leipzigs im Schaffen dieses Vollenders der Romantik kaum hoch genug anzusetzen.

Während die späten Sinfonien Gustav Mahlers vom Ende der Kunst erzählen, ihrem Aufgehen im Transzendentalen wie in der neunten oder ihrem Scheitern im Angesicht des Unsagbaren wie in der siebten, richtet die erste den Blick auf den Anfang. Beinahe amorph beginnt sie mit einer weit aufgespannten Streicherfläche mit an der Grenze der Hörbarkeit flirrenden Flageoletts. Das Holz liefert fallende Quarten zu und markiert den Anspruch: Wie eine Generation zuvor Johannes Brahms will auch Mahler da weitermachen, wo Beethovens Neunte einst aufgehört hat. Und dazu muss er sich zunächst seines Materials versichern: Klänge, die daherkommen, als hätte kein Mensch sie sortiert, Musik aus einer Zeit vor dem Wollen der Kunst, Musik aus Natur, Kinderzimmer, Kirche, Kneipe und Kaserne.

Die Illusion des Spontanen

Nelsons schreitet mit aufmerksamer Andacht durch diesen motivischen Lagerraum, lässt kein Motiv, keine Zelle, Keine Kombination unbeaufsichtigt, fügt immer wieder neu zusammen, trennt, schichtet, lässt sein Orchester singen und lärmen, Ausblicke öffnen und verschließen, in die Tiefe leuchten und die Oberfläche polieren. Kurzum: Der Gewandhauskapellmeister kultiviert mit Hingabe die Illusion des Spontanen.

Dabei liegt ihm der Klang mehr am Herzen als die Struktur, die Farbe mehr als die Kontur, die Mischung mehr als der Kontrast, der Übergang mehr als die klare Kante. Und obschon diese Herangehensweise so ziemlich das Gegenteil ist von dem, was seine Vorgänger Riccardo Chailly und Herbert Blomstedt mit dieser Sinfonie anfingen, folgt ihm das Orchester um Konzertmeister Sebastian Breuninger mit lustvoller Virtuosität und Üppigkeit durch die weiten Landschaften aus der Fülle des Wunderhorns. Dabei bleibt der Klang trotz einiger Bagatellschäden kompakt und geschlossen. Woran auch die herrlichen Solos aus allen Gruppen und Richtungen von Kontrabass bis Es-Klarinette, Flöte bis Oboe, Horn bis Trompete, Pauke bis Harfe nichts ändern. Rund und warm tönt es an der Grenze zur Stille, kontrolliert noch an den klug gesetzten Höhepunkten.

Mit Mahlers Neunter präsentiert Nelsons sein Boston Symphony Orchestra in Leipzig. Mit der Siebten ist er für Chailly bei dessen ausgefallenem Abschieds-Konzert eingesprungen. In seinen Großen Concerten dirigierte er die Sechste und die Fünfte – eine Reihe sinfonischer Sternstunden, in die sich auch die rückhaltlos gefeierte Erste harmonisch einfügt.

Lettische Symbole

In der ersten Halbzeit dagegen kann von Sternstunden nicht die Rede sein. Dem 100. Jahrestag der Staatsgründung Lettlands ist er gewidmet – das ist Nelsons seinem Heimatland wohl schuldig. Und darum gaben seine beiden Orchester, das in Leipzig und das in Boston, dem 1978 geborenen Letten Andris Dzenitis den Auftrag zu einem Orchesterwerk. „Mara“ heißt es, ist, sagt der Komponist, der Körperlich- und Sinnlichkeit an und für sich verpflichtet und von archaischen lettischen Symbolzeichen in vielerlei Gestalt durchzogen.

Im Umgang mit seinem Material lässt Dzenitis durchaus Parallelen zu Mahler erkennen. Da schwirren Vogelstimmen durch die Luft, wehen von weither Fanfaren hinüber und scheinbar bekannte Melodiefetzen. Aber im Gegensatz zu Mahler wird eben kein Organismus draus, sondern ein sinfonischer Flickenteppich. Zwar lassen hin und wieder interessante Farben und Effekte aufhorchen, aber die geschwätzige Dauererregtheit der ersten Hälfte schiebt sich wie ein Panzer vor die zarten Gespinste der zweiten, die in ein schönes Bassklarinetten-Solo mündet, das diese 20 Minuten aber auch nicht mehr rettet. Zumal das Gewandhausorchester hörbar fremdelt bei dieser ungeschmeidigen Neuigkeit und der Chef am Pult es im Großen und Ganzen beim Taktieren belässt.

Vor der Pause dieses sorglos zusammengeschraubten Programms, mit dem das Gewandhausorchester nun auf Europa-Tournee startet, stehen einige Häppchen aus Opern Peter Tschaikowskis. Die Polonaise aus Eugen Onegin legt Nelsons gekonnt als schmissiges Showstück an, in der Briefszene begleitet er mit sinnlicher Emphase, das Arioso der Lisa aus „Pique Dame“ mit großem Pathos. Das passt allerdings besser zur Solistin als zum Werk: Kristine Opolais, einst die Ehefrau Andris Nelsons, macht auch aus dem Arioso eine große verzweifelte Opernszene. Große Gefühle, gestisch wie musikalisch – und keines davon kauft man ihr ab. Leider bleibt überdies bisweilen die Intonation auf der Strecke und die prinzipielle Schönheit ihrer weltweit gefeierten Stimme gleich mit.

Von Peter Korfmacher

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