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Kultur Weltweit Chorsinfonik zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs
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14:30 04.11.2018
Der Dirigent Alexander Shelley. Quelle: MDR
Leipzig

Eines muss man den Klangkörpern des Mitteldeutschen Rundfunks lassen: Seit sie einen neuen Chefdirigenten suchen, sind die Programme wieder die dramaturgisch überzeugenderen in Leipzig. Zum Beispiel am Samstagabend in der passabel besuchten Peterskirche: Da gedenken Chor und Orchester sowie Solisten unter der Leitung Alexander Shelleys mit Werken aus dem Umfeld des Ersten Weltkriegs dessen Endes am 11. November 1918.

Nur Samuel Barbers (1910–1981) aus seinem Streicher-Adagio destilliertes Agnus Dei von 1967 fällt aus diesem historischen Rahmen. Passt aber dramaturgisch dennoch bestens. Denn erstens rundet es das Programm, das mit dem Introitus aus Regers unvollendeter lateinischer Totenmesse begann, gleichsam liturgisch. Zweitens passt die Stimmung sublimierter Verzweiflung bestens ans Ende der rund 80 Minuten. Und drittens bittet der von Bart de Reyn einstudierte MDR-Chor mit so viel expressiver Emphase um Frieden, dass dieses Flehen den Hörer auch lange nach dem Ende des Konzertes noch begleitet.

Chormusik vom Olymp

Shelley entwickelt den Satz in aller Ruhe, aber eher in gemessenem Andante als im Adagio, was für die Chor-Variante eine gute Entscheidung ist. Denn so entwickeln sich die wundervollen Linien, die zu wundervollen Harmonien zusammenfinden, in subtiler Natürlichkeit. Der Dirigent, der bereits zum zweiten Male in dieser Spielzeit am MDR-Pult steht, legt das Agnus Dei als großen Bogen an. Aus der Ruhe kommend, in einen Aufschrei mündend, wo er das Schärfeln der Soprane in stratosphärischer Höhe nicht nur zulässt, sondern bewusst einsetzt und schließlich ins Nichts verhauchen lässt. Chormusik vom Olymp, ohne Wenn und Aber – in der Kirche recht unvermittelt nach der Seele greifend.

Individuelle Freischwimmer-Abzeichen

Am anderen Ende des Programms gelingt das nur bedingt. Weil die raunende Übergriffigkeit von Max Regers Introitus, diese wuchernde Vorhalt-Studie, doch ein wenig auf der Stelle tritt. Das liegt auch an der für so fett besetzte Musik recht heiklen Akustik, die Chor, Orchester und die exzellenten Solisten Anne Glocker, Nadiya Zelyankova, Falk Hoffmann sowie Jae-Hyong Kim einnebelt. Das liegt aber auch am Wunsch manchen Orchestermitglieds nach einen individuellen Freischwimmer-Abzeichen. So wabert der Introitus als enorme chorsinfonische Wolke ohne erkennbares Innenleben durchs Kirchenschiff. Irgendwie beeindruckend, aber auch ermüdend.

Dazwischen: immerhin solide gespielte und berührend gesungene großartige Entdeckungen. Rudi Stefans (1887–1915) kraftvolle „Musik für Orchester“, Walter Braunfels’ (1882–1954) spätromantisch aufrauschendes Orchesterlied „Auf ein Soldatengrab“ mit dem fabelhaften Bariton Samuel Hasselhorn, Gustav Holsts (1874–1934) epische „Ode to Death“ für Chor und Orchester und Ernest Farrars (1885–1918) eher schlichte Heroische Elegie.

Diese Musik liegt Shelley, soweit dies in der Peterskirchenakustik zu beurteilen ist, besser als Brahms und Debussy vor gut zwei Wochen. Vielleicht liegt’s ja auch daran, dass diesmal der Chor ihn inspiriert. Der MDR seinem nächsten Chefdirigenten dessen ausgiebige Verwendung von vornherein in den Vertrag schreiben. Dann löst sich das Problem mit dem musikalischen Alleinstellungsmerkmal ganz von allein.

Das Konzert ist eine Woche lang nachzuhören unter www.mdr-kultur.de und wird am 11. November, ab 23.55 Uhr im MDR-Fernsehen ausgestrahlt.

Von Peter Korfmacher

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