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Kultur Weltweit Der Komponist und Dirigent und Manager Udo Zimmermann feiert seinen 75. Geburtstag
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17:06 05.10.2018
Der Komponist, Dirigent und Intendant Udo Zimmermann im Jahr 2013 Quelle: dpa
Leipzig

Kaum vorstellbar, dass es nicht einmal elf Jahre waren: Von 1990 bis 2001 war Udo Zimmermann, der heute in seiner Heimatstadt Dresden 75. Geburtstag feiert, Intendant der Oper Leipzig. Und von dieser Ära schwärmen viele noch heute. Tatsächlich war es ihm innerhalb kürzester Zeit gelungen, Leipzig zum Zentrum zeitgenössischen Musiktheaters zu machen, das weit über die Grenzen des frisch wiedervereinigten Deutschland hinaus ausstrahlte: Wenn am Augustusplatz Schulhoffs „Flammen“ ausgegraben wurden oder Stockhausens Wochentage aus Licht ihre Uraufführung erlebten, wenn Schnebel oder Herchet neue Werke aus der Taufe hoben, Tabori, Berghaus, Konwitschny inszenierten, musste nach Leipzig, wer sich professionell oder privat für Oper interessierte. Zimmermann: „Durch avancierte Sichten haben wir das Haus europaweit sehr deutlich positioniert. Es gab vieles mit internationaler Bedeutung: Ruth Berghaus’ „Nachtwache“, Willy Deckers Sicht auf Busonis „Doktor Faustus“, Peter Konwitschnys „Bohème“ und „Onegin“, John Dews Da-Ponte-Zyklus ... das waren vor allem szenische Ereignisse. Aber sie waren musikalisch kongruent.“

Glanzvolle Zeiten

Große, glanzvolle Zeiten. Doch längst sind sie vorbei. Und zur Wahrheit gehört auch, dass sie eigentlich kaum ein halbes Jahrzehnt andauerten. 1993 feierte die Oper Leipzig ihren 350. Geburtstag, Zimmermann feierte mit Bühnen-Visionen und Repertoire-Großtaten – und zielte damit so hoch über die Möglichkeiten des Hauses hinaus, dass sein Amts-Enkel Ulf Schirmer noch knapp 20 Jahre später mit den Folgen der harten Landung zu kämpfen hatte. Denn Etat und Anspruch passten schlichtweg nicht zueinander. Drum brachten es Neuproduktionen wie Debussys „Pelléas et Mélisande“ oder Messiaens „Saint François d’Assise“ kaum auf eine Handvoll Aufführungen – zusammen.

Derweil verkümmerte das Repertoire immer weiter und ständige Sparvorgaben aus dem Rathaus beschleunigten die Abwärts-Spirale noch. Zimmermann: „Die materielle Situation war immer ein Problem, aber in den letzten beiden Jahren war sie eine Katastrophe. Wir konnten nur noch wenige Eigenproduktionen zeigen, mussten auf Wiederaufnahmen setzen und aufs Repertoire. Das hat vielleicht dazu geführt, dass mancher ein verzerrtes Bild sieht.“

Als Udo Zimmermann am Ende der Spielzeit 2000/2001 Leipzig den Rücken kehrte, um an Berlins Deutscher Oper sein Glück zu suchen (und ebenfalls nicht zu finden), war das Haus leergespielt, künstlerisch in einer desolaten Verfassung und der Beweis erbracht, dass dieser Künstler nur bedingt taugte als Kunst-Manager, als der er in Dresden und Bonn wirkte, bei der Münchner „musica viva“ und als Intendant des Festspielhauses Hellerau. Weil er sich mit Händen und Füßen gegen die Herrschaft des Materiellen über das Ideelle wehrte. Weil er kein guter Verhandler war und im persönlichen Umgang kapriziös bis sperrig.

Ermöglicher

Tatsächlich waren die Anfänge seiner Karriere anders: Der am 6. Oktober 1943 in Dresden Geborene durchlief von 1954 bis 1952 die gründliche Schule des Kreuzchores, studierte nach dem Abitur in Dresden Komposition, Dirigieren und Gesang, wurde 1968 in Berlin Meisterschüler Günter Kochans und 1979 selbst Kompositionsprofessor in Dresden. Er gründete das „Studio für Neue Musik“, aus dem später das einflussreiche „Dresdner Zentrum für zeitgenössische Musik“ entstand. In all seinen Positionen indes, in denen Zimmermann wie kaum ein Anderer Neues ermöglichte, hat er nur in Ausnahmefällen Eigenes produziert. In Leipzig etwa setzte er nur „Levins Mühle“ auf den Spielplan des großen Hauses, dazu das Ballett „Pax questuosa“.

Beide Werke zeigten auch den Leipzigern, dass ihr Opern-Intendant ein Komponist von Rang war. Darum werden seine Opern „Der Schuhu und die fliegende Prinzessin“ oder „Die wundersame Schustersfrau“ noch immer regelmäßig gespielt, „Die Weiße Rose“ ohnehin. Auch die Instrumentalwerke lohnen die Beschäftigung. Denn Zimmermanns geschmeidiger, aber nicht gefälliger, sinnlicher, aber nicht anbiedernder, immer textgezeugter, ihm aber nicht unterworfener Stil zielt jenseits aller Schulen und Schubladen auf Ohr und Seele. Und vielleicht ist dies die eigentliche Tragik des Musikmanagers Udo Zimmermann: dass diese Arbeit ihn ablenkte von seiner Berufung, dem Komponieren.

Wie auch immer: Nun sind beide verstummt, der Komponist wie der Manager. Denn Zimmermann leidet an einer seltenen neurodegenerativen Erkrankung, die ihn schon seit einigen Jahren an den Rollstuhl fesselt. „Sprechen kann er kaum noch“, sagt Saskia Zimmermann, mit der er seit 2009 in dritter Ehe verheiratet ist und am Dresdner Elbhang lebt. Kaum noch verlässt er das Haus, nur selten kommt Besuch. Von den beiden Söhnen aus zweiter Ehe oder von der Schauspielerin Claudia Michelsen, seiner Tochter aus erster. Und so steht der 75. Geburtstag dieser einst zentralen Persönlichkeit des deutschen Kulturlebens vor allem im Zeichen der Erinnerung an glanzvolle Zeiten.

Von Peter Korfmacher

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