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Kultur Weltweit Einer der einflussreichsten Theater-Regisseure Deutschlands feiert Geburtstag
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00:00 13.08.2018
Wolfgang Engel, Intendant des Schauspiels Leipzig im Jahr 2002. Quelle: André Kempner
Leipzig

„Wir sollten uns“, sagte Wolfgang Engel 2008 kurz vor seinem Abschied als Intendant vom Leipziger Schauspiel, „auf die Wurzeln des Theaters besinnen. Auf die Wirkung, die es haben kann, wenn drei Schauspieler auf einer leeren Bühne Wald spielen oder Gefängnis oder eine Liebesszene – und man glaubt ihnen. Setzt das Theater wieder mehr auf diese Gabe Gottes, übersteht es alle Krisen und Moden. Diese Magie macht die Bühne für kostbare Momente zum Mittelpunkt des Universums.“

Natürlich war diese Liebeserklärung pathetisch – aber Liebeserklärungen dürfen pathetisch sein. Vielleicht müssen sie es sogar, und Wolfgang Engel, der am 13. August seinen 75. Geburtstag feiert, hat zeit seines Lebens im und für das Theater immer versucht, diese Vision auf der Bühne Wirklichkeit werden zu lassen. Und tatsächlich hat das Theater, hat sein Theater alle Krisen und Moden überstanden. Obschon es am Ende der Leipziger Ära auch im Ruch stand, aus der Mode gefallen zu sein.

Aber so ist es oft in der Kunst: Viele Leipziger brauchten ein wenig, mussten erst das Lautsprecherische, Eitle, Krawallige und vordergründig Bilderstürmerische des Nachfolgers Sebastian Hartmann auf sich wirken lassen, um zu spüren, was sie hatten an Wolfgang Engels sorgfältigem und noblem Schauspieler-Theater. Das war keines, das den Zuschauer belehrte, überrumpelte oder überrannte, sondern arbeitete eher mit den Mitteln der Verführung – nicht zum sinnlichen Genuss, der bei Engel zwar erlaubt ist, auch erwünscht, sondern als Mittel zum Zweck. Wolfgang Engel verführt zum Denken, zum kollektiven Nachdenken über den Grundkonflikt so vieler Stücke, das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft: „Wie das Menschsein durch Umstände, durch gesellschaftliche Verhältnisse beschädigt wird, danach habe ich immer gesucht, bei allen Stücken, die ich inszeniert habe. Und dann hofft man, dass die Schauspieler die eigenen Gedanken so interpretieren, dass diese Chancen haben, vom Publikum angenommen zu werden. Und diese Gedanken haben immer mit dem Heute zu tun und mit uns.“ „Ich kann“, sagt Engel, „nur denken von Heute aus. So bin ich groß geworden. Egal, wie alt ein Text ist, zu fragen: Wohin zeigen die Figuren? Zeigen sie auf uns, dann wird es spannend.“

Dieser Haltung ist Wolfgang Engel sein Künstlerleben lang treugeblieben, während er das Theater von ganz unten kommend durchmaß. Gleich nach dem Abitur 1962 in seiner Heimatstadt Schwerin hörte er den Lockruf der Bühne und heuerte als Bühnenarbeiter an, drei Jahre später machte er (ohne vorheriges Studium) seinen Abschluss als Schauspieler und stand wenig später auch während der Vorstellungen auf der Bühne in Schwerin. Bald übernahm er Regie-Assistenzen, führte selbst Regie und landete über Stationen in Radebeul und Berlin als fester Regisseur 1980 am Staatsschauspiel Dresden, wo er sich schnell einen Namen machte als einer der einflussreichsten Regisseure der DDR, deren alsbaldiges Ende er wie kaum ein anderer begleitete und aus die Bühne spiegelte, ohne dabei ins Vordergründige abzugleiten.

Ob Becketts „Warten auf Godot“, dessen Erstaufführung er der DDR 1987 in Dresden bescherte, oder Kleists „Penthesilea“, ob Büchner oder Goethe, Heiner Müller oder William Shakespeare – in Engel-Inszenierung spürten die Menschen, dass sie sie etwas angingen. Das war nach der Wende nicht anders, als es Engel zunächst nach Frankfurt am Main verschlug und 1995 schließlich als Intendant in die Leipziger Bosestraße. Weil es ihm gelang, seine Haltung von der einen Gesellschaft in die andere zu überführen: „Grundsätzlich halte ich die kritische Reibung an der Gesellschaft für produktiv. Und ich glaube, dass eine Zeitenwende, wie wir sie ’89 erlebt haben, und die Neuorientierung, die sie fordert, gut sind. Mir konnte nichts besseres passieren. Das würde ich immer so positiv formulieren, auch wenn dem eine Sinnkrise vorausging.“

In Leipzig ging Engel auf im System Stadttheater, in einem Biotop, wo Schauspieler, Regisseur und Publikum eine Verabredung treffen, sich auf einen Wertekanon einigen. Und darum konnte der Chef am Ende seiner 13 Leipziger Jahre guten Gewissens sagen, „dass wir das Prinzip des deutschen Stadttheaters als Ensembleleistung gegen alle Widrigkeiten nicht nur halten konnten, sondern verbessern“.

Der Widrigkeiten gab es viele in diesen Jahren, in denen, anders als heute, wenn im Stadtsäckel Geld fehlte, also immer, zuallererst bei der Kultur gespart werden sollte. Und so konnte Engel kaum anders, als die Stellenzahl zu senken und jeden Pfennig, später Cent, mehrfach umzudrehen. Das immerhin brachte ihm das Lob seines Verwaltungsdirektors Gerhard Nodurft ein: „Im Vergleich zu anderen Künstlern ist Wolfgang Engel sehr sparsam, sehr informiert, und er hat kaufmännische Ambitionen, denkt auch betriebswirtschaftlich.“ Aber weil er seine Hausaufgaben gemacht hat, konnte der sonst eher zurückhaltende Engel polternd aus der Haut fahren, wenn er mit immer neuen Forderungen konfrontiert wurde und es einfach leid war: „Was will die Stadt?“, fragte er 2003, „wo will sie hin? Was sind die Prioritäten? Das wären die richtigen Fragen. Aber wir bekommen immer nur eine gestellt: Geht es nicht billiger?“

Die Reibung an dieser Ignoranz hat ihn gegen Ende seiner Intendanz ermüdet, und so hat er den Abschied auch als Befreiungsschlag verstanden: „Es ist toll, nicht mehr für alles zuständig zu sein, den Kampf um Bedingungen, Geld und Anerkennung nicht mehr führen zu müssen. Ich kann mir aussuchen, was ich mache, muss nicht taktisch denken.“ Und es lief gut für ihn. Der freie Regisseur Wolfgang Engel war gefragt, ja ausgebucht, inszenierte erfolgreich in Essen, Düsseldorf, Dresden, Halle ... Und während das Echo dieser Inszenierungen durch den Blätterwald hallte, begann man in Leipzig, sein Schauspieler-Stadttheater, seinen Respekt vor Mitwirkenden, Publikum und Werk zu vermissen, sehnte sich zurück nach vielstündig den Stadtraum durchmessenen Produktionen wie „Faust“ oder „Wallenstein“, nach seinem „Peer Gynt“ und seinem „Don Carlos“, seinem „Menschenfeind“, nach menschlichen Dramen und humanistischen Komödien. Immerhin kehrte Engel 2010 noch einmal nach Leipzig zurück – allerdings nicht ans Theater, sondern an die Oper, wo er 2010 Prokofjews „Liebe zu drei Orangen“ auf die Bühne brachte.

Überhaupt ist er eigentlich nie weggegangen. Denn Wolfgang Engel lebt nach wie vor in Leipzig und ist präsent im Kulturleben der Stadt, nimmt Anteil an dem, was sein Amtsenkel Enrico Lübbe, den er bereits früh entdeckte und förderte, im Schauspiel macht oder Ulf Schirmer in der Oper.

Von Peter Korfmacher

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